White Reindeer – Kritik

Zach Clarks Weihnachtsfilm zeigt eine Frau in der existenziellen Krise, die sich unerschrocken auf Neues einlässt.

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„Anything goes this Christmas!“, verkündet der TV-Meteorologe Jeff Barrington (Nathan Williams) zu Beginn – und nimmt damit die Haltung vorweg, die die Protagonistin von Das weiße Rentier (White Reindeer) im Laufe des Films einnehmen wird. Die 32-jährige Immobilienmaklerin Suzanne (Anna Margaret Hollyman) lebt in einer beschaulichen Vorstadt im US-Bundesstaat Virginia und ist die Gattin ebenjenes charismatischen Wettermannes, der den Ruhm eines lokalen Fernsehpromis genießt. Mit Perlenkette, Rüschenbluse und züchtiger Blazer-Rock-Kombi ausstaffiert, vermittelt die perfekt frisierte und geschminkte Suzanne netten Pärchen hübsche Häuser in der Nachbarschaft, ehe sie am Abend in ihr eigenes suburbanes Middle-Class-Glück heimkehrt. Ein Lebensentwurf zwischen Biederkeit und Leidenschaftlichkeit: In der edlen Einbauküche, umgeben von scheußlich-kitschiger Einrichtung, haben die Barringtons wilden Sex mit reichlich dirty talk, gefolgt vom Abendessen mit einem gepflegten Glas Wein.

Das Unglück bricht herein

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Ein solches Dasein schreit in einem fiktionalen Werk geradezu nach einer Erschütterung. Der erste Einschnitt ist dabei noch ein höchst erfreulicher: Jeff bekommt einen neuen Job – weshalb Suzanne und er im neuen Jahr nach Hawaii ziehen werden. In den folgenden Tagen, den letzten 24 vor Weihnachten, entwickeln sich die Dinge dann aber plötzlich gar nicht mehr wunschgemäß. Eben eilte Suzanne noch konsumfreudig durch eine üppig dekorierte Shoppingmall (und ein Chor sang Halleluja dazu), da ist die Festtagsstimmung schon im nächsten Moment verflogen, als sie bei ihrer Rückkehr feststellen muss, dass ein Einbruch stattgefunden hat – und Jeff niedergeschossen am Boden liegt.

Und das ist nicht der letzte Schock, den Suzanne zu verarbeiten hat: Der „sad December“, den Suzannes Mutter (Yvonne Erickson) ihrer Tochter nach Jeffs Tod prophezeit, wird noch einmal trauriger, als ihr ein Bekannter (Mark Boyett) unter Tränen erzählt, dass Jeff eine längere Affäre mit einer Stripperin namens Autumn hatte. Das Durchsuchen von Jeffs Browserverlauf sowie ein Besuch im örtlichen Stripclub offenbaren Suzanne eine Seite an ihrem Ehegatten, die sie nie kennengelernt hat.

Das Streben nach Feiertags-Feeling

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Da Das weiße Rentier zur Weihnachtszeit spielt, lägen für die Geschichte an diesem Punkt zwei Abzweigungen nahe: der Weg des fiesen Anti-Weihnachtsfilms mit galligem Humor im Stil von Bad Santa (2004) oder der Weg des Hollywood-typischen Erbauungskinos, in dem die Magie der Weihnacht den Kummer und Schmerz zu lindern weiß. Der Indie-Regisseur, -Drehbuchautor, -Cutter und -Produzent Zach Clark wählt einen ungewöhnlichen Mittelpfad, zelebriert weder die Besinnlichkeit noch deren völlige Dekonstruktion. Einerseits fühlt sich, wie Suzanne einmal konstatiert, alles (mehr oder weniger bis zuletzt) so gar nicht „like Christmas“ an; andererseits entwickelt die Heldin eine beachtliche Ausdauer und Furchtlosigkeit in dem Versuch, nach dem Tod ihres Mannes ein irgendwie „weihnachtliches“ Gefühl zu verspüren – was auch immer das genau sein mag.

Diese Form der Trauerbezwingung bringt einen exzessiven Warenkonsum mit sich. Beim Onlineshopping investiert Suzanne über 5.000 Dollar in eine neue Garderobe (unter anderem den „perfekten Kaschmirsweater“); später ordert sie eine gewaltige Menge an festlichem Hausschmuck, vom titelgebenden weißen Plastikrentier bis zum flauschigen Schneemannkopf-Toilettendeckelüberzug. Mit Detailaufnahmen des Computerbildschirms und des darüber wandernden Cursors sowie schnellen Schnitten und unentwegten Klick-Geräuschen vermittelt Clark die Sogwirkung des Internets als Einkaufsportal, das obendrein keinerlei persönlichen Kontakt mehr erfordert, da die bestellte Ware stets rasch vor der Haustür abgeladen wird. Während so der Irrwitz der (modernen) Konsumtion auf die Spitze getrieben wird, zeigt sich in anderen Passagen auf angenehm unkonventionelle Art und Weise der Faktor Nächstenliebe, mit dem das „frohe Fest“ seit jeher verbunden wird: Denn ihre neu entdeckte Kühnheit führt Suzanne auch zu prägenden zwischenmenschlichen Begegnungen.

Absurdität, Melancholie und Hoffnung

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So sucht sie etwa die Stripperin Autumn (Laura Lemar-Goldsborough) auf, deren echter Name Fantasia (!) lautet, und beschließt, mit dieser „abzuhängen“ – was einen Rausch aus Clubbing, Koksen und Ladendiebstahl bei Macy’s zur Folge hat, aber auch der Beginn einer interessanten Beziehung ist. Das Leben der 22-jährigen hauptberuflichen Parfümverkäuferin besteht nicht, wie man zunächst annehmen könnte, aus permanentem Feiern – Fantasia hat ihre eigenen kleinen und großen Dramen zu bewältigen, zu denen auch die Trauer um Jeff gehört. Die beiden Frauen scheinen einander (jedenfalls vorübergehend) zu brauchen und zu helfen – wobei Hollyman und Lemar-Goldsborough in ihren Dialogen auch mimisch zum Ausdruck bringen, dass ihre Figuren die Gefühle der jeweils anderen für den toten Jeff respektieren, jedoch zugleich fürchten.

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Ferner lässt sich Suzanne von Patti und George (Lydia Hyslop und Joe Swanberg) – einem dauerlächelnden Nachbarspaar im Weihnachtspullover-Look – auf eine Swinger-Party einladen. Bemerkenswert ist hierbei, wie wertneutral die Protagonistin dem dortigen Treiben begegnet: So wie sie sich zuvor die Porno-Websites, die ihr verstorbener Gatte kürzlich besucht hatte, mit unvermuteter Neugier (beim Tomatensalatessen) angesehen hat, lässt sie sich nun ohne Vorbehalt auf das gesellig-sexuelle Beisammensein ein. Clark setzt die Party mit Woody-Allen-haftem Witz um, indem er die Gäste nebenher Smalltalk führen und über Kindererziehung diskutieren lässt. Zwar wird sich auch diese Erfahrung letztlich nicht als Heilmittel für Suzannes Sorgen entpuppen; jedoch kommt es (im Badezimmer) abermals zu einem Moment menschlicher Nähe. Dass der Zuspruch einer Frau im transparenten, schwarzen Maschen-Outfit und mit umgeschnalltem Sex-Toy nicht für einen billigen Gag benutzt, sondern zu einer anrührenden Szene wird, demonstriert, wie gut es der Regisseur versteht, Absurdität, Melancholie und Hoffnung zusammenzubringen.

Trailer zu „White Reindeer“


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