White Deer Plain

Chinas Geschichte des 20. Jahrhunderts als eine endlose Kette von Bestrafungen: Wang Quan’an und sein zaghafter Monumentalfilm White Deer Plain.

White Deer Plain

Eine, oder vielmehr: drei Unterrichtsstunden in chinesischer Geschichte. Die Handlung von White Deer Plain, der Verfilmung eines Romans von 1993, reicht über fast fünfzig Jahre entlang historischen Ereignissen wie dem Ende der Qing-Dynastie 1912, der Republik, dem Bürgerkrieg, dem Krieg mit Japan. Dabei verlässt der Film fast nie das Dorf, dessen Name ihm wie dem Roman den Titel gibt.

Regisseur Wang Quan’an gewann 2007 mit Tuyas Hochzeit (Tu ya de hun shi) den Goldenen Bären und lieferte vor zwei Jahren mit Apart Together (Tuan Yuan) den Berlinale-Eröffnungsfilm; beide Werke waren intime Stücke aus der Gegenwart, über Familien und Ehekomplikationen. Im neuen Film hat er seinen Horizont sowohl in der Bildgestaltung als auch in der erzählten Zeit deutlich erweitert. Die Kamera, die wieder von Lutz Reitemeier geführt wird, fängt mit großer Geste weite Landschaften ein. Ein großes Tor in einem Kornfeld, fotografiert zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, kehrt als visuelles Leitmotiv immer wieder. Die Geschichte dauert mehrere Jahrzehnte. Und auch die Erzählzeit ist deutlich gewachsen, mit 176 Minuten ist White Deer Plain ein ziemlicher Brocken, der verdaut werden will.

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Die Verzahnung von Liebesgeschichte und historischen Episoden gelingt dabei nicht immer. Mal steht für eine ganze Zeit die tragische Verbindung des Landarbeiters Heiwa und seiner luxuriösen Geliebten Tian Xiao’e im Vordergrund, dann geht es lange um Dinge wie Steuern eintreibende Soldaten oder die Gründung einer Bauerngewerkschaft. Heiwa bringt die Frau in sein Heimatdorf, um sie dort zu heiraten, erhält aber die Erlaubnis dafür nicht, weil die Beziehung aus einem Ehebruch entstanden ist. Bevor man sich darauf eingestellt hat, dem Paar bei einem Leben als Außenseiter zuzusehen, ist Heiwa zu einem Revolutionär geworden, um dann bald für die längste Zeit aus der Handlung zu verschwinden. Gleiches gilt für seinen Blutsbruder, einen zum Kommunisten gewandelten Lehrer.

Erst jetzt, die Hälfte des Films ist vorbei, wird klar, dass eigentlich Tian Xiao’e die Hauptperson der Geschichte ist. Wenn es nicht um Politik geht, handelt White Deer Plain fortan von ihr und ihrem Überleben zwischen Hungersnot und übelwollenden Dorfbewohnern.

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Wang Quan’an meidet dabei das Melodram. Erzählerisch zusammengehalten wird der Film nicht durch große Gesten, sondern durch stetige motivische und bildhafte Wiederholung. Das Tor im Feld wurde bereits erwähnt, vielmehr aber noch setzt der Regisseur auf bühnengleiche Personenaufstellungen, die die Horizontale der Kinoleinwand so weit wie möglich ausnutzen. Immer wieder gibt es Szenen, in denen große Menschengruppen frontal vor der Kamera stehen, und zwar meist bei Bestrafungs- oder Hinrichtungsaktionen. Schon in der ersten Szene werden der noch kindliche Heiwa und seine zwei Freunde mit der Rute geschlagen, weil sie einen Ochsen mit Schlamm beworfen haben. Es folgen noch viele weitere Prügelstrafen, Guillotinierungen und Selbstbezichtigungen. Man könnte White Deer Plain sicher problemlos als Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert anhand einer endlosen Kette von Bestrafungen lesen.

Auch Musikvorführungen, Hochzeiten oder Dorfältesten-Besprechungen funktionieren nach demselben visuellen Prinzip, das in seiner steten, leicht abgewandelten Wiederholung den Fortgang der Zeit ausdrückt – und zugleich inmitten der großen Umwälzungen das Beständige betont. Darin ist der Film seinen beiden Vorgängern dann doch näher als gedacht. Wang Quan’an interessiert sich für das Rituelle, nicht für das Epochale. Das Dorf ist ein ähnlicher Mikrokosmos wie zuvor die Familien (es geht, um genau zu sein, im Wesentlichen um zwei Großfamilien). Selbst eine kleine Schlachtszene, eigentlich ein sehr angemessener Bestandteil des Genres, wird zaghaft, fast ängstlich inszeniert.

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Weil man unter den Stichworten „drei Stunden“ und „50 Jahre chinesische Geschichte“ mehr Pauken und Trompeten erwartet, mag White Deer Plain spröde wirken, trotz der ebenfalls leitmotivisch durch den Film schwirrenden sexuellen Energie und Körperflüssigkeiten (Höhepunkt ist ein Golden Shower). Ohne Kenntnisse der chinesischen Geschichte ist es außerdem nicht einfach, der Handlung zu folgen, denn erklärt wird nichts. Aber der Film wirkt mehr nach, als man während der überlangen Vorführung, hin- und herrutschend auf seinem Kinosessel, erwartet hätte.

Trailer zu „White Deer Plain“


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