Whiplash

Schneller, höher, weiter, besser: Damien Chazelle erzählt den Weg eines jungen Schlagzeugers hin zu stilistischer Vollendung als Tour de Force, die vor allem in die Beine geht.

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Nachdem der zweite Film des erst dreißig Jahre alten Damien Chazelle beim letztjährigen Sundance Festival den Großen Preis der Jury zugesprochen bekam, galt er in den USA vielen als Entdeckung des Jahres. Diese Euphorie ist erstmal wenig überraschend, ist Whiplash doch vor allen Dingen eine US-amerikanische Kinoerzählung in Reinform: Winners and Losers, oben und unten, darum geht es. Ein raues Klima prägt den Alltag am Schaffer Conservatory in New York, das als Sprungbrett in die professionelle Musikszene der Stadt gilt. Besonders berüchtigt ist der demütigende Unterrichtsstil von Terence Fletcher (J.K. Simmons), der den ehrgeizigen jungen Schlagzeuger Andrew (Miles Teller) derart in seinen Bann zieht, dass dieser bald nur noch ein Ziel kennt: gesetzt zu sein im prestigeträchtigen Ensemble dieses tyrannischen aber genialen Mentors, der ohne Rücksicht auf Verluste den nächsten Charlie Parker sucht. Dabei entwickelt sich ein gnadenloses Duell um musikalische Daseinsberechtigung.

Musik: Nur eine Waffe unter vielen

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Whiplash ist ein fast schon militärischer Film, so dermaßen hart ist der Ton, den Chazelle von Anfang an anschlägt. Der unbarmherzige, cholerische Drill Fletchers schmerzt beim Zusehen geradezu körperlich, kommt bisweilen allerdings etwas überzogen daher, als sähen wir eine Art verqueres Jazz-Full Metal Jacket. Die Welt als Kampf, als Arena der Besseren und Besten, das ist die tragende Vision dieses Films. In dieser altbekannten Konstellation weist Chazelle nun der Musik als Medium, in dem dieser Kampf ausgefochten wird, eine geradezu darwinistische Rolle zu. Der Jazz ist hier zunächst eine Welt der Männer, eine Arena absoluter Könnerschaft und Konkurrenz. Andrew donnert sich für Fletcher die Hände blutig, serviert seine eigene Freundin ab, verscherzt es sich mit der Familie und trotzdem: um Inspiration, um eigentliche Musikalität geht es in Whiplash kaum. Was uns Chazelle präsentiert, ist eine Vision des Jazz, in der es nicht um rare Kunstmomente, rauchige Kellerclubs oder Drogen geht, sondern um ein puritanisches Leistungsethos. Das große US-amerikanische Narrativ des Aufsteigs durch Fleiß und Aufopferung verschmilzt mit einer Musikrichtung, deren Geschichte man eben auch ganz anders lesen kann: nämlich als Moment des Widerstands gegen den Geltungsanspruch dieses Narrativs. Doch hier gibt es keinen Absturz, keinen Künstlerweltschmerz, kurz: keine Poesie. Chazelle liefert eine ganz und gar desillusionierte Sicht auf die Welt der Musik: Auf die Frage, warum Andrew all die Torturen über sich ergehen lässt, antwortet er schlicht und wahrheitsgetreu: „I want to be the best.“ Das ist schon alles.

Schlagzeugsolo im Vakuum

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Dieses unbarmherzige Streben nach messbarem Erfolg äußert sich in einer verknappten Bildsprache. Alle denkbaren Schnörkel dampft Chazelle ein und erzeugt so etwas wie einen vakuumierten Film. Es ist die absolute Rhythmisierung des Blicks, die Einebnung der Filmsprache auf die Schläge des Drumsets, eine gewisse Härte, wie gesagt, die für Zwischentöne keinen Platz lässt. Dabei entsteht eine latente Unruhe, die sich zunehmend steigert und tatsächlich fesselnd ist. Der Film kreist ausschließlich um Andrew und sein Schlagzeug. Er ist unmissverständlich allein, kämpft mit der Welt, mit Fletcher und mit sich selbst; ein klassischer Kinoplot also, wie gemacht für das große Bild. Nur wirklich nahe kommen wir dem Protagonisten dabei nicht, dafür bleibt der Film schlicht zu figurativ, zu linear – ein neunzigminütiger Workout.

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Aber da der Muskelkater eben auch erst nach dem Training beginnt, sollte man eigentlich hinten anfangen. Denn auch Whiplash wirkt dann am stärksten, wenn man den Kinosaal gerade etwas unschlüssig verlassen hat: War das jetzt eine Hupe oder eine Trompete? Eine knallende Tür oder eine Snare? Eine S-Bahn in der Ferne oder ein langgezogener Tusch? Die leicht schizophren anmutende Symphonie der Stadt nach dem Kinobesuch ist nichts anderes als ein Symptom, das dieser Film auslöst. Und sein größtes Verdienst. Whiplash ist ein Film der Taktung, der entscheidenden Note, die auf den Punkt genau kommt  – hin zur formalen Perfektion. Und so bekommt die Welt außerhalb des Kinos auf einmal eine ungewohnte Schärfe: Alles scheint rhythmisiert, im Flow sozusagen, als sähe man die Realität in einem vollends durchgetakteten Korsett. Kein Kino für den Kopf, wohl aber für die Beine.

Trailer zu „Whiplash“


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