While the Women Are Sleeping

Wayne Wangs spannender Krimi über ein mysteriöses Paar fasziniert und verärgert.

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Urlaubsstimmung bei Kenji und Aya: Man ignoriert einander, geht sich aus dem Weg oder streitet, Sex findet nicht statt. Das junge Literaten-Paar ist voll im Krisenmodus. Als er seiner Frau Aya (Sayuri Oyamada) den Rücken eincremen soll, erledigt Kenji (Hidetoshi Nishijima) das, ohne hinzuschauen. Stattdessen starrt er auf die jüngere, schönere Frau auf der anderen Seite des Hotelpools. Miki (Shiori Kutsuna), barely legal, streicht dort sanft über ihren Luxuskörper. Neben ihr sitzt der etwa 70-jährige Sahara (Allzweckwaffe Takeshi Kitano). Vater, Großvater oder etwa Lover? Kenjis Imaginationsmaschine springt sofort an – genau, was der unter einer Schreibblockade leidende Schriftsteller braucht.

Abends postiert Kenji sich vor dem Zimmer des seltsamen Pärchens – und was er sieht, steigert seine Neugierde noch: Miki liegt leicht bekleidet auf dem Bett, Sahara rasiert ihr zärtlich den Nacken aus und filmt sie beim Schlafen. „Ich will eine Aufnahme ihres letzten Tages haben“, erklärt er Kenji bei einem nächtlichen Treffen am Pool. Und: „Falls meine Liebe zu ihr je schwindet, bringe ich sie lieber um, als die Liebe ganz zu verlieren.“ Was könnte für Kenjis seit Jahren ausstehenden dritten Roman geeigneter sein als ein mysteriöses Paar mit exzentrischen Angewohnheiten und Andeutungen krimineller Taten?

Rätselraten: Ehebruch, Suizid, Mord?

Der in Hongkong geborene US-Regisseur Wayne Wang, der zuletzt vor 21 Jahren mit dem wunderbaren Smoke bei der Berlinale war, kehrt mit einem Krimi zurück, der gleichzeitig als Beziehungsdrama und Voyeurismus-Studie fungiert. Denn Kenji ist so fasziniert von Miki und Sahara, dass er ihnen folgt, sie heimlich beobachtet und sich sogar in ihr Hotelzimmer schleicht. Als Miki plötzlich spurlos verschwindet, entstehen bei ihm und dem Publikum alle möglichen Verdachtsmomente: Ehebruch, Suizid, Mord? Und warum spaziert Kenjis Frau nachts mit Sahara über das Hotelgelände?

While the Women Are Sleeping ist ein wirklich spannendes Rätsel, das zunächst viel Spaß macht. Schließlich weiß Altmeister Wang, wie man den Zuschauer kitzelt. Gleich zweimal verweigert er nach einem Blick in Kenjis staunendes Gesicht den Gegenschuss, was den detektivischen Spürsinn des Publikums natürlich geschickt anstachelt. Die mitunter entfernt klingenden Dialoge und Geräusche schaffen eine traumwandlerische Atmosphäre, die andeutet, dass in diesem Film nichts gesichert ist – die jeweilige Szene könnte Realität oder eine bloße Einbildung Kenjis sein. Und je mehr das Leben der Protagonisten aus den Fugen gerät, desto mehr verkantet sich auch die Kamera und macht aus den Hotelzimmern abschüssige Bahnen.

Zwischen den Bildern entwickelt Wang auch ganz beiläufig philosophische Motive. Der Akt des Filmens dient Sahara als Möglichkeit, das Vergangene festzuhalten, die Zeit einzufrieren, während sie unaufhaltbar weiterschreitet – und zugleich den Wandel zu dokumentieren, der sich offenbart, wenn er ältere Aufnahmen mit den aktuellen vergleicht. Die Faszination, die Kenji beim Beobachten des ungleichen Paars empfindet, verweist wiederum auf die menschliche Anlage zum Voyeurismus, der einerseits eine wichtige Basis von Literatur und Film ist und zugleich etwas fundamental Übergriffiges hat, wenn der Künstler und mit ihm der Leser oder Zuschauer in fremde Leben eindringt.

Rätsellösen: Nichts genaues weiß man nicht

Trotz der narrativen Spannung, der stilistischen Finessen und der intellektuellen Tiefen frustriert der Film irgendwann. Das liegt zum Teil daran, dass der Realität-oder-Imagination-Ansatz ein ziemlich altbackenes Standardrezept ist – zumal Wang dabei auch auf den ebenso abgenutzten War-alles-nur-ein-Traum-Trick zurückgreift. Vor allem aber bekommt man von all den Karotten, die der Regisseur vor der kollektiven Zuschauernase baumeln lässt, keine einzige zu fassen. So wie dem Hollywood-Kino oft (zu Recht) vorgeworfen wird, alles überzuerklären, so muss auch der Vorwurf gestattet sein, dass ein Film seinen Plot untererklärt, zu viel offen lässt. Die Aktivierung des Zuschauerhirns ist ein ehrenwertes Anliegen des Nicht-Mainstreamkinos. Doch wenn man nach 100 Minuten feststellt, dass man umsonst mitgeraten hat und keinerlei Antworten erhält, dürfte mancher das als ärgerlich empfinden. Es fühlt sich in etwa so an wie das Loch im Bauch, nachdem auch die letzte Karotte weggezogen wurde.

Trailer zu „While the Women Are Sleeping“


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Kommentare


Alex

Weiß man schon, ob der Film es in die deutschen Läden schafft? Würde mir den Streifen sehr gerne in lokalisierter Fassung angucken :)






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