Where to Invade Next

Wer bei dem Titel eine weitere Anklage der US-Außenpolitik durch den Berufspolemiker erwartet hat, wird überrascht sein: Michael Moore marschiert selbst in Europa ein, auf der Suche nach guten Ideen. Ein originelles Filmkonzept war leider nicht darunter.

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Gegen Ende erscheint Michael Moores neuester Streich Where to Invade Next? nicht mehr nur noch als linke Antwort auf Trump’schen Populismus, sondern nachgerade als ein flammendes Plädoyer für Hillary Clinton als nächste US-Präsidentin (Bernie Sanders war zur Entstehung des Films wohl noch keine ernstzunehmende Alternative). Moore ist da auf seiner Europa-Tour in Island angekommen, wo – wie in vielen anderen Staaten Europas in diesem Film – vielleicht nicht alles, aber doch einiges ganz supertoll ist. Island hält als Beispiel für die überdurchschnittlich hohe Zahl von Frauen in der Politik her, und Moore ist sich bei seinem Plädoyer für weibliche Führungskräfte auch in den USA nicht zu schade, mit der ihm eigenen Nonchalance auf ziemlich angestaubt klingende „Beweise“ zurückzugreifen: Der Drang zu Harmonie und Gerechtigkeit sei dem weiblichen Geschlecht ja qua Geburt schon gegeben.

Diese Amis ...

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Epistemologisch ist das ein wenig der Tiefpunkt von Where to Invade Next, aber um tatsächlichen Erkenntnisgewinn geht es wohl auch nur am Rande, und auch nur für Moores Landsleute, die eindeutigen Adressaten des Films. Als Europäer, als der man hier staunend seinen Kontinent zum Schlaraffenland hochgejubelt sieht, fühlt man sich eher nicht gemeint. Seit Moore mit Bowling for Columbine (2002) und spätestens mit Fahrenheit 9/11 (2004) zum Polit-Popstar geworden ist, scheinen seine Filme zunehmend ganz pragmatische Ziele zu verfolgen, ganz konkrete Eingriffe in US-amerikanische Debatten um Außen- und Innenpolitik darzustellen. Dieses vom erwünschten Effekt her gedachte, die eigene Dringlichkeit stolz vor sich hertragende Filmemachen ist Moores Stärke und Schwäche zugleich. Die Frage ist nur, ob diejenigen, denen diese Intervention gilt, sich überhaupt in Hörweite befinden oder ob dort eben doch nur diejenigen in Good Ol’ Europe hocken, für die das Kopfschütteln über die Amis ohnehin zum gestischen Standardrepertoire gehört.

Die feine Zunge der Franzosen

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Wie schon angeklungen: Für europäische Ohren dürfte sich vieles, was Moore auf seinem Trip so lernt, etwas, nun ja, romantisierend anhören. In „Italien“ erklären ein paar Unternehmer, dass sie gar nicht auf die Idee kämen, den Arbeitern ihren bezahlten Urlaub oder ihre Mutterschaftsauszeiten wegzunehmen, der Belegschaft soll es schließlich gut gehen. In „Frankreich“ bekommen Schulkinder zur Mittagszeit ein nährwertmäßig ultra-ausgewogenes Drei-Gänge-Menü, haben noch nie Coca-Cola getrunken und finden auch nicht, dass das irgendwie schmeckt, wenn Onkel Moore sie mal einen Schluck probieren lässt (eine zumindest amüsante Szene). In „Deutschland“ haben sich die Menschen wahnsinnig ernsthaft und profund mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt und Mahnmäler übers Land verteilt. Und so geht es weiter: Progressive Rehabilitationsstrategien für Straftäter in Norwegen, Drogenlegalisierung in Portugal, freie Hochschulbildung in Slowenien. Der filmische Gag von Where to Invade Next? besteht darin, dass Moore in diese Länder „einmarschiert“, die Stars & Stripes hisst und die besten Ideen aus dem Schlaraffenland mit zurück nach Hause nehmen will.

Keine Totale

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Man könnte nun jede dieser Vorstellungen eines Europas ohne Sozialstaatsabbau, rechtsextreme Bewegungen, ja wohl gänzlich ohne soziale Differenzen überhaupt, für sich auseinanderpflücken und zurückweisen, als vereinfacht, als unhistorisch, teilweise als schlicht falsch. Aber das wäre nicht nur müßig, sondern verfehlte wohl auch sein Ziel. So wie es Negativfolien braucht, um das Eigene in umso hellerem Licht erscheinen zu lassen, nutzt Moore ausgewählte europäische Politiken als Positivfolie, vor denen die Kälte einer Nation ohne Bekenntnis zu Arbeitsrechten, ohne Aufarbeitung der eigenen Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei, ohne Bewusstsein für die gesunde Ernährung des Nachwuchses (und so weiter) nur umso grausamer anmuten muss. Und als solche Gegenüberstellung – als ein Wachrütteln angesichts konkreter Missstände, über den Verweis auf Möglichkeiten, es anders zu machen – hat das alles durchaus seine Berechtigung; ein sehr amerikanisches kritisch-patriotisches We-can-do-better-Pamphlet.

Was als emotionale Reaktion auf Where to Invade Next den ständigen Drang zu „Einspruch!“-Rufen aber noch übertrumpft, ist dann schlichte Langeweile. Moores Filme waren (zum Glück) nie unproblematisch, aber immer äußerst unterhaltsam, und das ist sein neuestes Werk leider höchstens unfreiwillig. Schon der Invasions-Aufhänger hat sich schnell verbraucht, Komik entsteht höchstens mal durch Eigenheiten der Interview-Partner, kaum durch filmische Zuspitzung oder gar visuelle Einfälle. Und auch inhaltlich ist von Polemik und Radikalität kaum etwas zu spüren, es geht um die Konstruktion eines irgendwie netteren Kapitalismus über den Umweg einer Länderolympiade gouvernementaler Ideen, gefilmt wie ein Mainstream-Porno: Close-up auf das Bildungssystem von Finnland, Close-up auf ein paar Arbeitnehmerrechte in Italien, Close-up auf gesundes Mittagessen in französischen Schulen. Bloß keinen ganzen Körper zeigen, bloß keinen Kontext, bloß nichts verknüpfen, bloß keine Totale.

Entlang der Mauer in die Zukunft

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Schön ist dann aber der schlichte, irgendwie rührende Epilog, der die Schwächen des Films zwar nicht vergessen macht, sie aber doch in einem etwas veränderten Licht erscheinen lässt. Da sinniert Moore darüber, während er die nun bedeutungslose Berliner Mauer entlanggeht, dass es ja manchmal sehr schnell gehen kann mit dem gesellschaftlichen Wandel zum Besseren – und darüber, dass die Ursprünge der hier aufgeführten Errungenschaften nicht selten in US-amerikanischen Ideen und sozialen Bewegungen zu finden sind. Da schaut der Film dann mal nicht in einen absurd verzerrten Raum, sondern in die Zeit und die ihr inhärenten Möglichkeiten. We did and will do better.

Trailer zu „Where to Invade Next“


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