When the Lights Went Out

Als solider Geisterfilm kann When the Lights Went Out überzeugen. Stärker wird er jedoch durch seine unaufdringlich inszenierten Diesseitsbezüge.

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Knarzende und pochende Geräusche hallen durchs Bild, und Gegenstände haben unbemerkt ihren Platz gewechselt – das sind die Anzeichen, mit denen die meisten Geisterfilme den Angriff auf die Normalität einer Durchschnittsfamilie ankündigen. In den letzten Jahren konnten diese Werke wieder ein vermehrtes Erscheinen auf den Leinwänden der Kinosäle (z.B. Paranormal Activity 1-4 (2007-2012), Insidious (2010)) und in den DVD-Regalen der Kaufhäuser verzeichnen. In Letzteren findet man als aktuellen Beitrag nun auch Pat Holdens When the Lights Went Out.

Dass es sich dabei um einen Haunted-House-Film handelt, macht der Prolog unmissverständlich klar. Die Kamera steigt, begleitet von lateinischen Gebeten und schwerem Schnaufen, eine Treppe hinauf. Zu sehen ist niemand, und doch scheint sich da gerade jemand erhängt zu haben. Darauf verweisen die Geräusche und das galgenstrickähnliche Wackeln eines Lampenkabels. Die Protagonistin, Teenagerin Sally Maynard (Tasha Connor), weiß bereits auf dem Weg zum neuen Haus, dass es ihr dort nicht behagen wird.

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Anfangs setzt When the Lights Went Out ganz auf vertraute Mechanismen des Geisterfilms. Objekte bewegen sich von alleine, unheimliche Stimmen ertönen aus dem Nichts, und bedrohliche Schatten greifen nach den Hausbewohnern. Die Altbekanntheit dieser simplen Verfahren nimmt ihren Einsatz in Holdens Film nichts von ihrer Effektivität. Als eigenständiges Leitmotiv des Unheimlichen baumeln immer wieder die Lampen des Hauses hin und her, ganz so wie es die Anfangssequenz vorwegnahm. Aus der Spekulation um die Anwesenheit einer übernatürlichen Präsenz schlägt der Plot nur kurzzeitig dramaturgisches Kapital. Schnell ist aufgrund der immer deutlicheren Spukereien klar, dass es an einem tatsächlichen Geist keinen Zweifel gibt, was auch Sallys anfangs noch skeptische Eltern Len (Steven Waddington) und Jenny (Kate Ashfield) bald akzeptieren. Doch die soliden Grusel- und Spannungselemente alleine sind es gar nicht unbedingt, was den besonderen Reiz dieses Films ausmacht.

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When the Lights Went Out funktioniert nicht nur als Horrorfilm, sondern ebenso gut als sozialkritische Zeitstudie. Die Handlung spielt im Jahr 1974 im englischen Yorkshire. Ähnlich wie die Maynards in ihrem Zuhause durch den Poltergeist einer Extremsituation ausgesetzt sind, ist es zu dieser Zeit das ganze Land aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage, die zu enormer Inflation, Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen geführt hat. Dieser Hintergrund wird angenehm subtil mit der Spukgeschichte verwoben. Der Plot nimmt seine Figuren sehr ernst und sich viel Zeit, sie in ihrer Lebenswelt und mit ihren Wünschen zu porträtieren. Eine wichtige Rolle spielen dabei die vielen Details der Ausstattung von Räumlichkeiten wie Personen. Die sorgfältige Gestaltung der Inneneinrichtungen verleiht der Geschichte ebenso Glaubwürdigkeit wie die Darsteller, deren überzeugendes Schauspiel maßgeblich auch durch die liebevolle Komposition ihres äußeren Erscheinungsbildes, von der Kleidung bis zur Frisur, getragen wird.

Zunächst versucht sich die Familie mit der Koexistenz eines überirdischen Wesens zu arrangieren. Len versucht sogar daraus Gewinn zu ziehen, indem er Führungen durch das Haus anbietet und die Geschichte an die Presse verkauft. Als sich abzeichnet, dass ihr Leben zunehmend in Gefahr gerät, holen sich die Maynards einen Exorzisten zu Hilfe. Wenn sie also keineswegs die Flucht ergreifen, sondern ihr gerade erworbenes Stück bürgerliches Glück in Form eines Eigenheims tapfer verteidigen, scheint Holden ganz nebenbei auch ein Porträt zeitgenössischer Durchhaltementalität zu zeichnen.

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Ausdrücklicher als die allgemeine soziale Lage der damaligen Zeit behandelt der Film die Schwierigkeiten der Heranwachsenden, einen Platz in dieser Gesellschaft einzunehmen. Sallys Probleme bestehen nicht nur aus den Angriffen des Übernatürlichen. Akut belastet sie auch das Verhältnis zu ihren Eltern, die kein Gehör für ihre Anliegen haben und deren bevorzugte Lösungsstrategie für Streitigkeiten die Ohrfeige ist. Eine wichtige Stütze findet Sally bei der anfangs von ihr abgelehnten Außenseiterin Lucy (Hannah Clifford). Der sich entwickelnden Freundschaft zwischen den beiden Problemkindern wird innerhalb der Gesamthandlung viel Raum gewährt – wovon diese nur profitiert.

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Zu Beginn gibt es die Schrifteinblendung „Basierend auf einer wahren Begebenheit“ zu sehen. Eigentlich ist eine solche vermeintliche Rückbindung an die außerfilmische Realität aufgrund ihrer großzügigen Interpretierbarkeit und ihrem damit verbundenen inflationären Einsatz mittlerweile absolut wertlos und sagt über einen Film kaum noch etwas aus. In diesem Fall kann man dieser Plattitüde jedoch tatsächlich etwas abgewinnen, wenn man den Verweis weniger auf die Spukgeschichte als auf die sozialen Verhältnisse der Rahmenhandlung bezieht. Der Titel selbst impliziert bereits diese Zweideutigkeit, da er nicht nur auf eine bestimmte Situation innerhalb des Plots verweist, in der die Geisteraktivitäten eine besonders starke Ausprägung finden, sondern auch auf die damaligen regelmäßigen Stromausfälle aufgrund der Einsparungen von Energieressourcen anspielt. Als dritte Bedeutungsebene markiert die im Titel beschriebene Situation schließlich auch eine ganz filmeigene Dimension. Wenn die Lichter ausgehen, ist das auch der Moment, in dem das Publikum beginnt, in die Welt des Films einzutauchen, um sich darin im Idealfall bis zum Abspann und dem darauf folgenden Wiedereinschalten des Lichts in den Bann ziehen zu lassen. Bei When the Lights Went Out funktioniert das ziemlich gut.

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