What Is Left?

Mit quirliger Ironie versucht dieser italienische Dokumentarfilm einem linken Zeitgeist nach der Ära Berlusconi auf die Spur zu kommen – und endet wieder bei einem Komiker.

What is Left 03

Italien hat ein Problem. Populismus, unfreiwillige Komik und Lüge sind Markenzeichen gegenwär­tiger italienischer Politik – zumindest für die meisten Beobachter außerhalb. Bei den Parlaments­wahlen 2013 hegte das Mitte-Links-Lager viele Hoffnungen auf einen Kurswechsel – und wurde bitter enttäuscht. Nach vielen Jahren unter der Führung des clownesken Silvio Berlusconi folgt nun massiver Zuspruch für den opportunistischen Komiker Beppe Grillo samt Parolen seiner „Fünf-Sterne-Bewegung“. Statt der Möglichkeit eines Wandels erntet Italien nun Kopfschütteln und befin­det sich in einer Phase frustrierter Lähmung. „Ich verstehe nicht, warum sie einem Komiker vertrau­en. Warum sind die Italiener so unreif?“, fragt Luca Ragazzi, neben Gustav Hofer zweiter Regisseur der Dokumentation mit dem doppeldeutigen Titel What Is Left?. Darin versuchen die beiden unter­haltsam zu ergründen, was politisch links ist und was von einer parlamentarischen Linken in Italien heute noch übrig ist.

Bunte Fernsehbildästhetik

What is Left 04

Als bunte Collage aus Stimmen und verschiedenen (Fernseh-)Bildästhetiken wird What Is Left? maßgeblich von zwei Formen zusammengehalten: einem Politainment-Format gleichen Namens neben inszenierten Szenen aus dem gemeinsamen Privatleben beider Regisseure. Animation und Durchführung der Polit-Fragesendung erinnern nicht zufällig an das Communist Quiz von Monthy Python, womit der ironische Grundton des Films vorgegeben wäre. Quirlig, doch etwas flach wird eine italienische TV-Kultur karikiert, in der die Moderation den beiden Gästen Ragazzi und Hofer Fragen stellt, auf die nicht mit Ausführungen geantwortet werden soll, sondern ganz simpel mit richtig oder falsch. Die Kategorien „links“ und „rechts“ sind überholt – richtig oder falsch? Linke Arbeitgeber behandeln ihre Angestellten besser als rechte – richtig oder falsch? Diese medial-politi­sche Ebene wird ergänzt durch die persönliche Erzählhaltung des Films. Wie schon in ihrem Vor­gängerfilm Italy: Love It Or Leave It (2011) fiktionalisieren sich Ragazzi und Hofer selbst. Sie begreifen sich als Figuren und inszenieren leicht läppisch wirkende Szenen ihres Privatlebens – politische Gespräche während des Musikhörens oder des gemeinsamen Wartens auf die S-Bahn. Ihre Biografien verwenden sie als Symbole – Ragazzi wird als kommunistischer Römer und Hofer als alpinistischer Südtiroler vorgestellt, womit sie verschiedene politische Strömungen des modernen Italien andeuten.

Schwungvolle Feel-Good-Atmosphäre

What is Left 05

Darüber hinaus bietet What Is Left? klassisches Dokumentarmaterial in Form von Politiker-Inter­views und Gesprächen mit Menschen auf der Straße, Besuchen bei linken Ortsverbänden, dazu Bil­der der 1.-Mai-Kundgebung in Rom, die als hedonistische Farce porträtiert wird. Angereichert ist all das mit Anekdoten aus der bewegten Historie der KPI, nostalgischen Arbeiterliedern, volkstümli­chen Trachtenaufläufen in Südtirol und dazwischen immer wieder der neuen Figur im politischen Italien – Beppe Grillo. Über diesem vielschichtigen Gemenge räsoniert entrückt die Frauenstimme eines sehr pädagogisch geratenen Voice-overs, die sich am Ende des Films auch noch als „die Linke“ zu erkennen gibt und sich selbst mit Klischees wie „La confusione é di sinistra“ („Verwirrung ist typisch für die Linke“) charakterisiert.

Daran anschließend kredenzt die Tonspur historische Zitate von internationalen linken Politikerinnen und Politikern, auch Willy Brandts „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ (Ironischerweise wurde dieser Satz geflügeltes Wort einer Reformkampagne, die auch den so genannten „Radikalenerlass“ beinhaltete, den Linke bis heute kritisieren und Brandt selbst später als schweren Fehler bezeichnete.) Auf Bil­debene sehen wir wie gewohnt Ragazzi und Hofer zu Hause, diesmal beim Kaffeekochen und Schlafen. Mit den Rede-Zitaten setzt der Film einen Rahmen, beginnt er doch noch vor dem ersten Bild mit erbaulichen Worten Barack Obamas. Der Kreis schließt sich mit der Hoffnung auf eine linke, bessere Welt – allerdings nicht ganz ohne Schlupfloch, denn im Abspann folgt ein persönliches Wahlvideo von Ragazzi und Hofer. Darin jonglieren sie singend mit aufklärerischen Begriffen wie „Freiheit“ und „Brüderlichkeit“, variieren „Gleichheit“ zu „Diversität“ und fügen Schlagworte des linken Zeitgeists wie „Hoffnung“, „Immigration“, „CO2-Schmelze“ oder „Datenspionage“ hinzu. Heraus kommt ein Panorama von Begrifflichkeiten, alles ist betont schwungvoll dargeboten, womit während des Abspanns eine idyllische Feel-Good-Atmosphäre verbreitet wird.

Allgemeinplätze und Oberflächlichkeiten

What is Left 06

Der Zuschauer verbleibt danach zwar angeregt, dabei jedoch leicht verwirrt im Sessel zurück. Bei seiner durchgängig lockeren Stimmung schafft der Film es leider nicht, über Allgemeinplätze und unterhaltsame Oberflächlichkeiten hinauszukommen. Mit seiner mittleren Länge und Fernsehbildästhetik eher verlängertes Arte-Feature als Kino-Dokumentation, erzeugt What Is Left? eine stim­mungsvolle, adäquate Schilderung des innenpolitischen Status quo in Italien, jedoch fehlt dem an­geschlagenen ironischen Grundton der Biss. Ironie ist hier weder subversiv noch eine Haltung. Die ständige Lustigkeit wird zum peppigen Manöver. Ragazzi und Hofer folgen (ähnlich wie Berlusconi) dem Motto: Wer sich selbst nicht ernst nimmt, kann nicht mehr ins Lächerliche gezogen werden. Ganz ernsthaft sollte man dem Gezeigten mit Antonio Gramsci, einem der KPI-Gründungsmitglie­der, begegnen: „Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln ange­sichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern.“ Ob solch reflek­tierte Menschen von der Kraft eines Filmes geschaffen werden können, ist zweifelhaft. What Is Left? trägt dazu wohl nur einen sehr kleinen Teil bei. Eine Dummheit ist er vielleicht nicht, aber auch nichts zum Begeistern.

Trailer zu „What Is Left?“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.