What Happened To This City?

Weit weg und lange her: What Happened to This City? ist ein Film, der von anderswo zu kommen scheint.

Beim halböffentlichen Graben in ihrem Living Archive haben es sich die Forscherinnen rund ums Berliner Arsenal zur Aufgabe gemacht, die filmische Jetztzeit immer mal wieder mit Dunkelstellen der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Nicht das Ausstopfen der letzten Lücken im Kanon, das Aufstöbern von ein paar unbekannten Metern Metropolis (1927) sind hier die wahren archivarischen Wundertaten, sondern das Wiederentdecken von etwas, womit man gar nicht hat rechnen können. Werke, die von außerhalb der meisterwerkgesäumten Haupttrassen unserer Filmgeschichte kommen, für die man erst einmal Platz schaffen muss, um sie auch nur annähernd zu begreifen. Sneak Review, sozusagen. Ein Satz von Nietzsche passt vortrefflich auf diese Überraschung der unverhofften Wiederkehr: „Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß.“

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Der für die Berlinale 2013 frisch restaurierte und digitalisierte Dokumentarfilm What Happened to This City? (Kya hua is shahar ko?, 1986) der Inderin Deepa Dhanraj ist ein solches aus der Zeit geflattertes Blatt, das mir unverhofft in den Schoß geflogen kam – ein Film, der so total der Vergangenheit anzugehören scheint, dass ihn heute zu sehen und sich mit ihm auseinanderzusetzen eine kleine Reorganisationsarbeit des eigenen historischen Koordinatensystems erfordert. Dass der Film ein Schattendasein in den Archiven führte, ist ihm anzusehen: Zusammengeflickt aus einer Positiv- und einer vom Essigsyndrom zerfressenen Negativkopie, mit zerfledderter Tonspur und teils unkenntlich gemachten Untertiteln zeugt hier schon das Material von den zerstörerischen Prozessen der Geschichte.

Aber diese materielle Bricolage-Anmutung passt verwirrenderweise perfekt zu einer nicht minder kaputten ästhetischen Form. Denn What Happened to This City? ist ein Film, der sich mitten in eine politisch vollkommen unüberschaubare Situation wirft und sogleich in ihr versinkt. Während der kurzen Drehphase im September 1984 explodierten in der südindischen Millionenstadt Hyderabad jahrzehntealte ethnische Konflikte. Muslimische Mobs jagten Hindus, Hindus verwüsteten muslimische Viertel, die Polizei verhängte willkürliche Ausgangssperren, die politische Vertretung nahm eine Auszeit, und so fand sich Dhanraj in ihrer Heimatstadt inmitten einer ständig sich verändernden, aber permanent bedrohlichen soziopolitischen Gemengelage wieder.

Der Film heuchelt zu keinem Zeitpunkt, das Chaos der Gewalt- und Armutsspirale ordnen zu können, sondern er fällt ihm von Beginn an anheim. Die Kamera wird regelmäßig von Ellbogen und Fäusten umhergeschleudert, man filmt von Dächern, durch schmutzige Autoscheiben, mal über-, mal unterbelichtet. Aber in seiner atemlosen Folge von Zeugnisaussagen der Opfer, Interviews mit einander bis aufs Wort kopierenden verfeindeten Politikern, didaktisch anmutenden historischen Abrissen und übervollen Straßenszenen kristallisieren sich doch allmählich so etwas wie Ansätze einer Analyse heraus.

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Dass die ursächlich Armut und Überbevölkerung geschuldeten Unruhen derart eskalieren konnten, ist Ergebnis des Zangengriffs von Ausgangssperren und religiöser Großspurigkeit. Denn die zwecks Ruhestiftung verhängten curfews haben selbstverständlich brutale Auswirkungen auf eine in bitterer Armut gefangene Bevölkerung, jeder Tag ohne Arbeit heißt wochen-, wenn nicht monatelange Aufholjagd. Die dergestalt vom erzwungenen Nichtstun und von Hunger zerriebenen Gefühle entladen sich daraufhin in – rein männlichen – Prozessionszügen, die ihren ehemals bescheidenen religiösen Ursprüngen längst entfremdet und zu protzigen Schauläufen verkommen sind. Welche Menschenmassen sich da, angefacht von politischen Schreihälsen, vor Dhanrajs Kamera in kollektiven Wahn stürzen, bis man als Zuschauer um das Wohl aller und auch des Filmteams fürchtet! Dieses Beiwohnen an einer angekündigten Eskalation ist aufreibend, mitreißend – aber zu keinem Zeitpunkt unterhaltsam. Was sehr wichtig ist.

Doch irgendwie fehlt einem der Sehschlüssel für das Gezeigte, man versteht vor allem die Gewichtung nicht. Warum die Unzahl einander ähnelnder Wehklagen der verfeindeten Gruppen, die immer Opfer sind und niemals Täter? Und warum diese pädagogischen Geschichtsausflüge?

Solche Schwierigkeiten, sich adressiert zu fühlen von diesen vor uns ausgebreiteten sozialen Katastrophenzuständen, haben ganz praktische Gründe. Dhanraj drehte diesen Film zeitgleich mit den Geschehnissen, und sie drehte ihn allein für die Beteiligten. What Happened to This City? war weder für meine Augen noch für meine Zeit gemacht, sondern dafür, in Hyderabad in den Armenvierteln aufgeführt zu werden, um die vollkommen entfremdeten Gruppen ein wenig für das beiderseits empfundene Leid zu sensibilisieren. Dhanraj ist eine bis heute sozial engagierte Filmemacherin, für sie ergibt Film nur Sinn, wenn er in eine aktuelle Krise eingreift, mit klarer Adressierung – und mit der heimlichen Utopie, selbst an den Veränderungen mitzuwirken, die ihn überkommen erscheinen lassen.

What Happened to This City? ist somit eine beachtliche Herausforderung, weil man weite Strecken zurücklegen muss, um ihm wirklich zu begegnen. Aber zugleich ist es ein wohltuendes Gefühl, als visuell und informativ saturierter Westeuropäer einmal komplett außen vor zu sein. Anders gesagt: Wer einen Zugang zu diesem Film findet, ist danach ein anderer Zuschauer. Und, was der tragische Teil der Geschichte ist: Die Spannungen in der verarmten Altstadt von Hyderabad bestehen bis heute fort, weshalb der Film doch echte Aktualität hat. Auch wenn seine Regisseurin auf die bestimmt nur allzu gern verzichten würde.

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