What Happened to Monday?

Partial-Ichs gegen Kohärenzzwang: Nazizombie-Experte Tommy Wirkola schaut in die Zukunft und schickt Noomi Rapace gleich in siebenfacher Ausfertigung in den Kampf gegen einen totalitären Staat.

What Happened to Monday 2

Wenn eine filmische Zukunftsvision mit einer erstmal ziemlich uncharmanten Prämissenparade loslegt, uns schnell auf den neuesten Stand bringen will, wie das denn so weiterging zwischen unserem Jetzt und dem filmischen, dann kann das ein Grund zum Augenrollen sein, aber auch ein Grund zum Frohlocken. Es kann nämlich heißen, dass ein Film seine Prämissen so richtig bitterernst meint, als Vision mit dem Zeigefinger; dass er ohne Umschweife die harten Fakten präsentiert, um von Beginn an Relevanz zu performen. Es kann allerdings auch heißen, dass er die lahmen Tatsachen, so schnell es geht, hinter sich bringen will, als möglichst nüchterne Klärung der Ausgangsposition vor dem kommenden Rausch, in dem mit den Prämissen dann eher rumgespielt wird, als sie ernsthaft zu durchdenken. In diesem zweiten Fall wäre also der Zeigefinger weniger ein warnend in die Höhe gereckter als ein gespannt am Pistolenabzug lauernder.

Kindesmisshandlung nur zu ihrem Besten

What Happened to Monday 1

Tommy Wirkolas What Happened to Monday? täuscht zunächst zielsicher erstere Variante an: Da geht es in den ersten Minuten um Klimawandel, Naturkatastrophen und einen Genfoodboom, der einen rasanten Anstieg der Geburtenraten nebenerwirkte. Dann wird’s sukzessive weirder: Mit dem sogenannten Child Allocation Act hat die US-Regierung versucht, der Überbevölkerung Herr zu werden: Dahinter verbirgt sich eine Ein-Kind-Politik, bei der überzählige Geschwisterkinder in einen künstlichen Schlaf versetzt werden, auf dass sie in besseren Zeiten wieder geweckt werden können. Spätestens aber, als wir das mit den Prämissen hinter uns gebracht haben und Willem Dafoe als fürsorglicher Großvater zum Messer greift und Kinderfingerkuppen abhackt, ist klar, dass ab jetzt geschossen werden darf.

What Happened to Monday 3

Das Hacken ist deshalb fürsorglich, weil sich der Opa einen Plan zurechtgelegt hat, mit dem er seine Siebenlings-Enkelinnen vor dem künstlichen Schlaf bewahrt. Benannt hat er sie nach den sieben Wochentagen, ein paar Jahre später hat er ihnen eröffnet, dass die sieben fortan nur noch an „ihrem“ Tag nach draußen dürfen. Um nicht entdeckt zu werden, sollen die Schwestern (alle gespielt von einer sich mühelos siebtelnden Noomi Rapace) in der Außenwelt eine einzige Person sein, nämlich Karen Settman, die – als wir dann endgültig in der Gegenwart des Films im Jahr 2073 angekommen sind – in einer Bank arbeitet. Dass die sieben Schwestern für die Welt da draußen einen einzigen Körper haben, bedeutet dann eben auch: Wenn eine mal, wie die kleine Wednesday in jungen Jahren, ausbüxt und sich beim Skaten einen Finger verstümmelt, müssen ihre Schwestern die Sache wortwörtlich nachfühlen.

Alles steht Kopf, aber diesmal wirklich

What Happened to Monday 4

Genreüblich handelt What Happened to Monday? von der Gefahr des Auffliegens, und der Plot setzt so richtig ein, als Monday an einem Montagabend nicht zurück ins gemeinsame Heim kommt. Eine nach der anderen Schwester macht sich nun Tag für Tag auf die Suche und kommt Geheimnissen auf die Spur, während der Rest in einer Art Kommandozentrale bleibt und per Kamera die Bewegungen der gerade auf Freigang Befindlichen verfolgen kann. Die geschwisterlichen Wochentage, die ihre Karen Settman da draußen in der Welt beobachten, sehen dann nicht von ungefähr so aus wie die fünf Gefühle in Alles steht Kopf (Inside Out, 2015), die ein kleines Mädchen emotional durchs Leben navigieren. Denn tatsächlich wird die Logik des Films dann interessant, wenn wir sowohl die vermeintliche Sozialkritik wie das anfangs angedeutete Empowerment-Narrativ (jede einzelne Schwester will nicht mehr Teil einer bloßen Fassade sein, sondern ganzer Mensch werden) in Richtung einer kritischen Allegorie verschieben. Jeden Tag eine andere sein, stetige Neuerfindung im Privaten, aber karrieretechnisch bitte schön nachvollziehbar und linear bleiben, das kommt uns ja durchaus bekannt vor. Und auch die Szene von Opas frühkindlicher Misshandlung nimmt dann analytische Züge an: Was für eine brutale Gewalt doch nötig ist, um uns Tag für Tag in eine kohärente Identität zu disziplinieren. Gewissermaßen dekonstruiert What Happened to Monday? also Pixars aufgeräumte Ich-Vorstellung.

Körper gegen High-Tech

What Happened to Monday 6

Während man so seinen Spaß hat mit diesen Dingen, eine hübsche Sci-Fi-Enstsprechung gefunden hat für unser Regime des Selbst, das ja schon seit Unzeiten eine Ein-Ich-Politik fährt, eskaliert der Film selbst aber ziemlich lässig zum Actionreißer. Das Versteck der sieben Schwestern wird hochgenommen, fortan müssen sie gemeinsam arbeiten. Die Partialidentitäten performen der Gesellschaft kein kohärentes Individuum mehr, sondern verketten sich zu einer Kriegsmaschine, die dem Staat im Allgemeinen und dem Child Allocation Bureau im Besonderen den Kampf ansagt. Dass What Happened to Monday? dabei wirr und chaotisch, wenig zielgerichtet und uneben daherkommt, wie in mindestens jedem zweiten US-Review angemerkt, liegt also in der Natur der fragmentierten Sache.

What Happened to Monday 5

Gegen die staatliche High-Tech-Maschinerie setzen sich die Schwestern übrigens konsequent analog zur Wehr, es sind vor allem Bügeleisen, Schränke und sogar ganze Toiletten, die hier Schädel zertrümmern dürfen. Und auch die Aneignung gegnerischer Waffen muss über den Umweg Körper verlaufen, schließlich aber lassen sich auch Augapfel und Fingerkuppen zwecks Fremdidentifizierung zweckentfremden. Das alles ist klassischer B-Movie-Spaß, am Ende wird’s standesgemäß geschmacklos, weil Wirkola nach seiner Nazi-Zombie-Reihe Dead Snow auf ein bisschen Holocaust-Metaphorik nicht verzichten kann, aber sei’s drum, solang der Finger so schön am Abzug klebt und nicht in die Höhe gereckt wird, lässt man den eigenen vielleicht auch erstmal unten.

Trailer zu „What Happened to Monday?“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.