Wet Hot American Summer: 10 Years Later

Das Ende aller Kausalitäten: In der Netflix-Serie Wet Hot American Summer – Ten Years Later gehen Ursachen und Absichten in einem enthemmten Spieltrieb auf. Wie viele Staffeln geht das noch gut?

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Die Neubesetzung einer zentralen Rolle ist in dem umfassenden Tohuwabohu der Wet Hot American Summer-Reihe nichts, was allzu große Verwirrung stiften würde. Schließlich sind weder der ursprüngliche Film noch die nunmehr zwei Staffeln umfassende Netflix-Serie daran interessiert, ein kohärentes, durch klare Regeln und plausible Abläufe bestimmtes Universum entstehen zu lassen: Zwischen den Figuren und den Menschen, durch die sie dargestellt werden, klafft ein offenkundiger Altersunterschied von mehreren Jahrzehnten, der Camp-Leiter Mitch verwandelt sich unvermittelt in eine sprechende Dose Konservengemüse und wieder zurück, Personen werden in einer Szene brutal zu Tode geprügelt und springen in der nächsten wieder quicklebendig, durch die Gegend, nur mit ein paar Ketchup-Spritzern bekleckert. Da reiht sich der Umstand, dass Ben (der frühere Theaterleiter des Camps Firewood) nun nicht mehr den Körper von Bradley Cooper, sondern jenen von Adam Scott besitzt, recht nahtlos in den allgemeinen gestalterischen Rahmen ein. Die plötzliche Verwandlung von Bens äußerem Erscheinungsbild wird folglich auch nicht unterschlagen oder geflissentlich ignoriert, sondern sie wird in zahlreichen Äußerungen und Dialogen immer und immer wieder betont – und als Folge einer bloßen Nasen-OP wegerklärt.

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Es ist ein vergleichsweise simpler Gag, der jedoch die Grundstruktur des Humors von Wet Hot American Summer offenbart: Logische und kausale Zusammenhänge werden aufgebrochen, auf diesen Bruch wird beharrlich und mit pedantischem Eifer hingewiesen, bis er schließlich, im entscheidenden Schritt, durch eine völlig unzureichende Erklärung wieder gekittet wird. In der anarchischen Unordnung dieser Serie wird somit nicht die Suche nach Ursachen und Gründen aufgegeben, sondern nur der strenge Zwang, dass diese Ursachen und Gründe auch tatsächlich plausibel sein müssen. Buchstäblich alles und jedes kann herangezogen werden, um ein Ereignis zu erklären oder eine Handlung zu motivieren, egal wie unpassend und irrelevant es auch sein mag. Das Chaos, das sich dadurch entfaltet, ist somit ein rein äußerliches, nie droht es, die inneren Strukturen des Denkens und Handelns zu erfassen oder gar aufzulösen. Die eigene Persönlichkeit bleibt stets stabil, weil man die reale Welt nicht an sich herankommen lässt – infolgedessen ist man vollkommen frei, all das zum Inhalt seiner Gedanken und Absichten zu machen, was einem das Verlangen und der momentane Impuls gerade nahelegen. Die freudige Ausgelassenheit, die Wet Hot American Summer durchdringt, entspringt somit der eigentümlichen Lust, etwas als widersinnig anzuerkennen und sich trotzdem so zu verhalten, als würde man es für bare Münze nehmen – sie entspringt, mit einem Wort, der Lust am Spiel.

Ein Altern ohne Tragik und Endgültigkeit

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Die Sehnsucht nach einem Zustand, in dem ein von allen festen Regeln und übergeordneten Zwecken befreites Spielen möglich ist, bestimmt auch die Handlung der gegenwärtigen Staffel: Zehn Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Sommer als Aufseher des Camps Firewood finden sich die Figuren wieder in dem sommerlich belebten Ferienlager ein, um dort ein gemeinsames Wochenende zu verbringen, ganz so, als hätten die Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht stattgefunden. Doch nicht nur die Figuren gliedern sich in Ten Years Later erneut in eine längst zurückgelassene Kinderwelt ein, auch die Darsteller überwinden den seit dem Originalfilm deutlich vorangeschrittenen Alterungsprozess (oder erklären ihn zumindest für vollkommen unerheblich) und geben sich umso hemmungsloser der jugendlichen Unbekümmertheit ihrer beinahe zwanzig Jahre jüngeren Figuren hin. Durch ständig wiederkehrende Verweise – eine sich verabschiedende Figur wünscht den Zurückbleibenden „viel Glück für den restlichen Dreh“, zwei Figuren verabreden sich „zum Mittagessen in Episode 4“ – werden die realen Personen der Darsteller und der tatsächliche Vorgang der Produktion der Serie in den Vordergrund des Erlebens gerückt, nicht zum Zweck einer ironischen Brechung oder einer neunmalklugen Selbstbetrachtung, sondern um das Publikum an dem hier stattfindenden Spiel teilhaben zu lassen. In gewissem Sinn ist der vorherrschende Gestus von Ten Years Later somit ein dokumentarischer: Man beobachtet nicht in erster Linie eine Reihe durchgeknallter Figuren, die absurde Ereignisse durchleben und übersteigerte Konflikte austragen, sondern man beobachtet eine Gruppe von Schauspielern, die nicht mehr ganz jung sind und die dennoch ihre Tage damit verbringen, freudig-enthemmt herumzutollen.

Das Inventar der eigenen Jugend

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Die Verschränkung zwischen Lebensmitte und Jugend, zwischen klar ausgeprägter Individualität und offener Formlosigkeit, wird durch den Umstand verstärkt, dass der Altersunterschied zwischen den fiktiven Figuren und den realen Darstellern sich in etwa mit der Zeitspanne deckt, die zwischen der Handlung der Serie und unserer Gegenwart liegt – der Altersunterschied ist somit ein rein äußerlicher, in Wahrheit gehören die Darsteller derselben Generation an wie ihre Figuren. Und die Zeit der Jugend, die hier zum Leben erweckt werden soll, ist nicht nur eine abstrakte, allgemeine, sondern eine tatsächlich selbst durchlebte und in Erinnerungen immer noch lebendige. Bewusst ungelenke zeitliche Verweise wie „Hier sind dein Apple PowerBook 100, deine Inline-Skates, dein Beeper, und noch ein paar andere Sachen aus dem Jahr 1991“ sollen folglich auch nicht nur eine allzu wohlfeile und unreflektierte Inanspruchnahme des menschlichen Hangs zur Nostalgie parodieren, sie sollen vor allem ein inniges Nahverhältnisses demonstrieren: Man kennt diese Welt, man kennt sie so gut, dass man, wenn nötig, eine vollständige Auflistung ihres Inventars geben könnte. In dieser längst untergegangenen Welt, in der die Twin Towers noch stehen und es noch Videotheken gibt, können sich auch Ronald Reagan und George Bush, Sr. als tollpatschige Bösewichte herumtummeln, ohne dass dadurch der Ernst früherer politischer Auseinandersetzungen in die Serie mit hineingeschleppt würde. Denn indem man sich hemmungslos den Oberflächenreizen jener Zeit und den äußerlichen Eigenartigkeiten ihrer Protagonisten hingibt, wird den gesellschaftlichen Konflikten und historischen Unwägbarkeiten von damals jede Fähigkeit abgesprochen, uns noch aus dem Gleichgewicht zu bringen – sie erscheinen als längst verarbeitet, in ihre Zusammenhänge eingeordnet und ruhiggestellt, übriggeblieben sind nur noch harmlose Fratzen, denen in ihrer Verformtheit keinerlei verunsichernde Mehrdeutigkeit mehr anhaftet.

Das Gespenst der mechanischen Wiederholung

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Doch gelingt in Ten Years Later, anders als in der vorangegangenen Staffel, diese Rückkehr in eine frühere, durch die zeitliche Distanz von allen Gefahren befreite Welt nur noch teilweise: Immer wieder kommen die Figuren aus ihrem unbeschwerten Rhythmus, verhaspeln sich, stolpern und werden von den tatsächlich und auch in ihrer körperlichen Erscheinung noch jugendlichen Campern vorgeführt und gedemütigt. Vor allem aber speisen sich die Witze und die überdrehten Situationen von Ten Years Later zu weiten Teilen aus Motiven, die bereits aus der Vorgängerstaffel oder dem Kinofilm bekannt sind: Ronald Reagan als Bösewicht, der Kampf des großspurigen Victor mit der eigenen Jungfräulichkeit, die redende, laufende und vögelnde Konservendose Mitch – sie alle sind einem mittlerweile innig vertraut, man kennt die besondere Gestalt ihrer komischen Wirkung, man freut sich immer noch an ihnen als Wiederbelebung eines früheren Spaßes. Doch der Reiz des Vertrauten währt nun mal nicht ewig, irgendwann kommt der Punkt, an dem die Spontanität sich nicht mal mehr als Fiktion oder als bewusstes Spiel einstellt und ab dem nur mehr eine mechanische und unpersönliche Wiederholung voranschreitet. Dieser Punkt wird in Ten Years Later nicht ganz erreicht, aber das Bewusstsein, dass er unausweichlich und nicht allzu weit entfernt ist, durchdringt die gesamte Staffel. Man kann die Spiele der eigenen Kindheit immer wieder und wieder spielen, aber man kann ihnen keine neuen hinzufügen – weil man eben kein Kind mehr ist. Irgendwann hat man das verfügbare Repertoire durchlaufen, dann steht man einander in einer übertrieben ausgedehnten Abschiedszeremonie gegenüber und weiß: Es war das letzte Mal.

Trailer zu „Wet Hot American Summer: 10 Years Later“


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