Westwind

Von heute aus betrachtet, macht gestern alles Sinn: Wie Robert Thalheim in Westwind die Vergangenheit einer allzu braven Gegenwart unterwirft.

Westwind 01

Ungarn im Sommer 1988. Die Zwillinge Doreen (Friederike Becht) und Isabel (Luise Heyer), Hoffnungsträgerinnen der DDR-Rudermannschaft, bereiten sich in einem Jugend-Sommerlager am Balaton auf den großen Karriereschritt vor: raus aus ihrem Heimatkaff in Sachsen und auf nach Berlin, vom sportlichen Niemandsland ins Nationalteam. Aber die Zeiten stehen eher auf Lockerung denn Disziplin, und wenn direkt nebenan nette Westjungens am Hotelstrand planschen, fällt das Training im maschendrahtumzäunten Camp gleich doppelt schwer. Der Rest ist Biologie: die Liebe, die Sehnsucht, die Lügen. Doreen verknallt sich in den Hamburger Arne (Franz Dinda), und statt Gewichte-Stemmen und Frühaufstehen geht’s alsbald nur noch um Depeche Mode und verbotene Knutschereien mit dem „Feind“.

Robert Thalheims Trennungs-Melo Westwind beruft sich zwecks Wirkungsverstärkung auf die wahre Geschichte seiner Produzentin Susann Schimk und deren Schwester, die damals, kurz vor Mauerfall, der Liebe wegen von Familie, Sport und Heimat weg über die Grenze flüchtete. Doch irgendwie mag man nicht glauben, dass sich das wirkliche Leben so abendunterhaltungsgerecht als kleine Romanze mit großer politischer Message ereignet hat. Kurz gesagt: Westwind ist ganz und gar Fernsehen. Und das traut sich hierzulande immer noch und meistens viel zu wenig.

Westwind 02

Das beginnt mit einer Kamera (Eeva Fleig), die ungemein brav bei den Gesichtern bleibt, ohne ihnen jedoch zu nahe zu rücken, und einer Inszenierung, die keine Umwege geht, sondern vor allem Einfühlungsschauspiel und Dialogverständlichkeit ins Zentrum setzt. Dazu kommt eine Lichtsetzung, die auch in der Nacht noch alles deutlich machen will, die keine Dunkelheit zulässt. Zuletzt die Musik: Was suchen derart handzahme Gitarren- und Klaviertupfereien in einem Film, der das Kennenlernen sich anfänglich so fremder Jugendlicher über ihre gemeinsame Leidenschaft für die Wave-Sounds der späten Achtziger erzählt, der genug Geld ausgibt, um The Cure und Depeche Mode verwenden zu dürfen?

Irgendetwas hat sich zwischen das Damals – die Jugend und ihre Sehnsüchte – und das Heute – die aufgehübschte Erinnerung und medial funktionalisierte Präsentation – geschoben. Dies ist ein Film der Vierzigjährigen, die sich an ihre Jugend aus der Perspektive des fortgeschrittenen Alters erinnern, mit allen darin eingeschliffenen Verzerrungen. Die Informationen mögen stimmen, aber die Gefühle hängen schief. Schlüsse wurden gezogen, das Material auf seinen Symbolgehalt abgeklopft; die Gegenwart zwingt die Vergangenheit in eine geschichtliche Kontinuität, jeder einstmalige Moment ist aufgeladen mit Aussagekraft und Vorahnung. Die wollten doch nur tanzen und knutschen, aber auf einmal ist das alles politisch, ist alles von Bedeutung.

Westwind 03

Vielleicht konnte das Drehbuchteam der Versuchung nicht widerstehen, die retrospektiv ungemein allegorisch scheinende Geschichte voll auszuschöpfen. Zwillinge, die getrennt werden, ein Loch im Zaun, durch das sich West und Ost küssen, ein sinkendes Floß beim Neptunspielen der Parteijugend: Westwind glüht nur so vor Situationen und Motiven, die auf etwas deuten, die mehr sind als nur Kleinigkeiten eines Alltags.

Auch die Darsteller scheinen merkwürdig alt für die 17-18-jährigen Rollen, die sie spielen sollen. Und dennoch ist ihre Leistung das Herzstück des Filmes, und dank ihnen schaut man letztlich doch nicht ohne Freude zu. Becht und Heyer interagieren wunderbar als Schwesternpaar, ihre zu Beginn perfekt synchronisierten Bewegungen beim Training und Rudern, ihr wie auf zwei Münder verteiltes Sprechen aus einem geteilten Geist gerät, je tiefer sich Doreen in ihrer Liebe vergräbt, immer mehr ins Stocken.

Westwind 04

Liebe geht hier nicht ohne Lügen, und Lügen nicht ohne Einsamkeit. Das Niederreißen der Mauern zwischen West und Ost zieht neue hoch zwischen den einstmals so eng verschweißten Sozialisten. Oder waren die, nur unsichtbar, schon immer da? Es soll nicht unterschlagen werden, dass Westwind gute und scharfe Beobachtungen leistet, dass der Film auch immer wieder einen Ton trifft, der nachhallt. Und das gerade im Komödiantischen: Die Geschlechterverhältnisse im DDR-Jugendcamp beispielsweise sind auf beredte, aber durchaus sanfte Weise überzeichnet. Die Powerschwestern sehen sich einem halb-lächerlichen, halb-gruseligen Pärchen aus linientreuen Jugendgruppenonkels (Hannes Wegener, Albrecht Schuch) gegenüber. Die singen mit der Akustikgitarre bewehrt lieber von der Raupe und dem Blatt, als kapitalistische Gehirnwäschemusik zu hören und haben überhaupt etwas sehr Hobbithaftes an sich. Aber auch wenn es lichte Seiten gibt: Im Ganzen ist Westwind schlicht zu langweilig, zu vorhersehbar und formelhaft, als dass man hinter der großen Kinoleinwand nicht permanent die kleine Flimmerkiste sähe, für die der Film gemacht scheint. 

Trailer zu „Westwind“


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Kommentare


Anonym

Die Hauptdarstellerin heißt Heyer und nicht Mayer


ANONYM2

und nicht brecht sondern becht


Frédéric Jaeger

Ein Korrekturhinweis ist eigentlich kein Anonymitätsgrund, dennoch: Danke für die Hinweise, die Fehler habe ich korrigiert.






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