Westen

Eine junge Mutter auf dem Weg in ein besseres Leben und ein Film auf der Flucht.

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Manchmal sind es nicht die großen Gesten oder doppelbödigen Phrasen, die Interessantes zu einer Geschichte beitragen, sondern die vermeintlich nebensächlichen Dinge. Ein klobiger, leuchtender Kasten in einem dämmrigen Flur darf in Christian Schwochows DDR-Drama Westen zum schlichten, universellen Symbol für die Freiheit werden. Es ist ein Süßwarenautomat, gefüllt mit kleinen Freuden einer nie gekannten Warenwelt, der etwas befremdlich und deplatziert wirkt in dem unwirtlichen Auffanglager, das wir als Zuschauer bis dahin schon etwas genauer erkunden durften. Der neunjährige Alexej (Tristan Göbel) und seine neue Freundin treten ganz nah an das Schaufenster der Maschine heran und blicken an ihr hinauf. Verheißungen von einem neuen, selbstbestimmten Leben, repräsentiert von einem prunklosen technischen Gerät.

Der Automat hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck in der ansonsten bleichen, farblosen Ödnis, die den Film umgibt. Ein Betonbau, ein schneebedeckter Bürgersteig und ein Abschied markieren die Exposition von Westen. Liegt hier noch etwas von Heiterkeit in der kalten Luft, überträgt sich die äußere Trostlosigkeit mit einem Mal ins Innere der Figuren. Ein Zeitsprung, und dann: derselbe Bürgersteig, dieses Mal ohne Schnee, Nelly Senff (Jördis Triebel) und ihr Sohn Alexej brechen auf. In Westberlin wollen sie von vorn beginnen, den Verlust des Familienvaters hinter sich lassen. Die anfängliche Euphorie wird ihnen bei der Ankunft im Notaufnahmelager jedoch schnell ausgetrieben. Barrieren aus Beton und Bürokratie verhindern das Vorankommen, und die anderen Insassen scheuen sich nicht, die junge Mutter ihrer naiven Illusionen zu berauben.

Mustergültige Erinnerungsbilder des verunmöglichten Glücks

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Einige wenige Male erweckt der Alltag im Lager den Anschein eines lebhaften, normalisierten Trotts, etwa wenn Kinder über den Hof laufen oder Nelly und ihre Zimmernachbarin Krystina (Anna Antonowicz) sich im Badezimmer mit einer Flasche Wein ins Gespräch vertiefen. Doch von Unbeschwertheit ist das Szenario stets weit entfernt. Ein paar Restaurantbesuche oder die Getränkedosen, die Alexej sammelt und auf dem Fensterbrett des engen Wohnraums ausstellt, sind spärliche Indikatoren eines freieren Lebens auf der anderen Seite der Mauer. Doch sie bleiben nur kleine Schlaglichter in einer finsteren Tristesse, der man eigentlich zu entfliehen hoffte. Vom oftmals als so elendig bezeichneten Leben in der DDR erfahren wir dabei rein gar nichts. Die kurzen Momente zu Beginn legen eher Gegenteiliges nahe, war diese einleitende Szene aus verflossenen Tagen doch eine der wenigen, in denen Zufriedenheit erfahrbar war.

Es liegt im Wesen des filmischen Erinnerungsbildes, dass es, wenn es aus der Gegenwart von der Vergangenheit erzählt, immer nur Kreation und vage Rekonstruktion sein kann, die von uns verlangt, ihr Glauben zu schenken. Das gelingt Westen sehr gut, dank vieler vorder- und hintergründiger Details, die der Film oft auch stärker herausarbeitet. Im Verkaufsautomaten beispielsweise wird vor allem der Raider-Schokoriegel ins Bild gerückt. Doch bald tritt in Schwochows stimmigem Zeitbild etwas zutage, was schon sein Debüt Novemberkind (2007) kennzeichnete: Die bemerkenswerte Gestaltung reicht nicht aus, um die oft überdeutlich hervorlugende Formelhaftigkeit des Films zu kaschieren.

Erzählen bis es keinen Ausweg mehr gibt

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Sich eines genreüblichen Repertoires zu bedienen ist eine Sache, mit den zahlreichen Implikationen umzugehen, mit denen Westen schrittweise aufgebauscht wird, eine andere. Die Möglichkeit, auch nur einen der Erzählstränge konsequenter auszubauen, wird in der Flut der Motive zur Sisyphos-Aufgabe. Affären, Hänseleien in der Schule, paranoide Anfälle oder ein verschwörerisches Rätsel um den verlorenen Ehemann changieren schließlich unentwegt und bringen den Film ins Schlingern. Ärgerlich ist dabei nicht, dass das Drehbuch in so viele Richtungen ausschlägt, sondern dass es alles zu dramaturgischem Stuckwerk verkommen lässt. Der Film fächert es allmählich auf, zieht und zerrt daran und löst es schließlich, so wie der Stempel zum letzten Mal auf das Einreiseformular niederschnellt, mit einem dumpfen Knall in Luft auf.

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Auch das ist eine Flucht vor restriktiven Mechanismen, erzählerischen in diesem Fall, doch eine stärkere Konzentration hätte dem Film durchaus gut getan. Den letzten Handlungsort können wir nicht exakt lokalisieren, wieder hat sich eine Zäsur mit längst und kürzlich Vergangenem vollzogen. Und die erfolgt völlig widerstandslos. Westen erzählt immer auch vom Wunsch, etwas vergessen machen zu können. So mag es zunächst legitim erscheinen, dass sich Schwochow aus den vielen narrativen Seitenpfaden herauswindet. Doch ist das Vergessen, wie der Film aufzuzeigen versucht, ein zermarternder, langwieriger Prozess, der die Zeit ins Endlose zu strecken scheint, am rationalen Denkvermögen nagt und Geduldsfäden zum Zerreißen bringt. Die letzte Ausflucht aus der an allen Ecken und Enden gespannten Dramaturgie hingegen könnte simpler, überhasteter und wohlwollender nicht sein.

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