Wer wenn nicht wir

Der Vesper-Ensslin-Komplex.

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Ein Paar fährt mit dem Auto durch Berlin. Selbstverliebt und optimistisch versichert er ihr, bald werde es Straßen mit seinem Namen geben: Andreas Baader. Sie scheint ihm zu glauben.

Daraus geworden ist nichts, aber es sagt einiges aus über die Selbstwahrnehmung des Paares. Über die folgenreiche historische Fehleinschätzung, man stünde am Beginn einer internationalen Revolution. Vor der Geschichte fühlten sie sich im Recht, für die Nachwelt sollten ihre Taten sein. Den Prozess vom Wort zur Tat, den Gudrun Ensslin durchlaufen hat, zeichnet Regisseur Andres Veiel nach. Wobei klar ist: So leicht kann man das nicht trennen. Am Ende hören wir die Stellungnahme Ensslins zur Dahlemer Befreiungsaktion. Über einen Aspekt gibt es heute keine Meinungsunterschiede in der RAF-Forschung: Auch literarisch ist das Projekt gescheitert.

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Als Schlüsseltext zu den 68ern, ihrer Radikalisierung und dem Konflikt mit der Elterngeneration gilt Bernward Vespers posthum veröffentlichtes Fragment Die Reise. Vesper und Ensslin waren ein Liebespaar, ehe Baader hinzukam.

„Katzen sind die Juden unter den Tieren“, hört Bernward als Kind von seinem völkischen Vater. Der Film beginnt mit diesem Prolog, ehe er sich den letzten zehn Jahren im Leben Vespers widmet. Dessen Mutter schlägt in dieselbe Kerbe: „Ohne den Führer hätte es dich nicht gegeben.“ Es sind solche Sätze, die haften bleiben vom zweistündigen Spielfilmdebüt Andres Veiels, dessen Dokumentarfilm Black Box BRD (2001) zu den wichtigen medialen Auseinandersetzungen mit der RAF gehört und dessen Verfilmung seines Theaterstücks Der Kick (2006) zuletzt überzeugte.

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Wer wenn nicht wir ist als Gegenentwurf zum Baader-Meinhof-Komplex (2008) zu verstehen. Die Taten, von denen immer die Rede ist, werden nicht gezeigt, vor allem nicht in Form von Actionsequenzen. Der Kaufhausbrandanschlag und die Baader-Befreiung sind als Archivbilder präsent. Überhaupt greift Veiel immer wieder auf Zeitdokumente zurück. Ausgerechnet in der Verwendung dieses Materials wirkt der Regisseur wenig souverän. Die musikalische Untermalung ist, gelinde gesagt, plakativ, und auch die Auswahl des Gezeigten ist in weiten Teilen wenig innovativ. Von JFK ist mehrmals die Rede, warum seine Berliner Rede mit dem berühmten Ausspruch noch chronologisch nachträglich eingebaut werden muss, bleibt schleierhaft. Im Versuch, Geschichte nachzuerzählen, ist Wer wenn nicht wir dann doch in dieselbe Falle getappt wie die als Antagonist gedachte Produktion des kürzlich verstorbenen Bernd Eichinger. Ereignis reiht sich an Ereignis, dabei fehlt dem Film ein Zentrum. Bernward Vesper ist es nicht. Der verschwindet gen Ende geradezu, als Baader auf den Plan tritt und zunehmend das Geschehen an sich reißt.

Dabei ist gerade die Zeichnung der Figur Baader gelungen. Alexander Fehling, vielen sicherlich gerade als Goethe präsent, spielt und vor allem spricht ihn in der bezeichnenden Großkotzigkeit, mit der ganz eigenen sexuellen Ausstrahlungskraft. Überhaupt ist das Casting, vor allem der Nebenrollen, beachtlich. Wer wenn nicht wir führt etliche – zu großen Teilen bekannte – Personen ein. Durch die Besetzung gelingt es, auch kleinere Parts problemlos zu integrieren. Und dennoch zerfasert Wer wenn nicht wir, ist von allem ein wenig: Vesper-Biopic, analysierendes Porträt einer zerstörerischen Liaison, Blick auf die Radikalisierung einer Generation.

Zusammengehalten wird der Stoff über die Sprache. Immer wieder ist vom Aufhängen die Rede. Überhaupt die Selbstzerstörung. Hier treffen alle Ebenen aufeinander. In der verstörenden Szene einer Selbstverstümmelung, Jelinek und Haneke im Geiste, findet Veiel zum Kern. Ein ums andere Mal versuchen sich Menschen selbst zu verletzen. Ensslin, Baader und Vesper haben sich schließlich alle das Leben genommen.

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