Wer ist Hanna?

Eine zarte junge Frau beweist Feinden und Publikum ihre spektakulären Kampfkünste. Doch Joe Wrights Film hat vor allem visuell mehr zu bieten als Stunts und weibliche Reize.

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Eine der häufig unbeachteten, in ihrer Bedeutung aber kaum zu überschätzenden Leistungen im Rahmen einer Filmproduktion ist das Location Scouting. Mit den Orten, die ein Team auswählt, wird die atmosphärische Grundlage gelegt – auch die Authentizität eines Films ist stark von seinen Räumen abhängig. Die Werke der Nouvelle Vague oder des italienischen Neorealismus, die an realen, belebten Schauplätzen gedreht wurden, hätte man nicht ebenso gut im Studio machen können. In Joe Wrights künstlerisch angehauchtem Action-Thriller Wer ist Hanna? (Hanna) stellt die Location-Wahl die vielleicht größte Qualität des Films dar. Dieses Lob impliziert freilich zugleich, dass der Plot mit seinen zahlreichen Kampfszenen etwas eintönig ist.

Hanna (Saoirse Ronan) sehen wir zu Beginn in den schneebedeckten, einsamen Wäldern Nordfinnlands jagen. Dort wird sie von ihrem Vater Erik (Eric Bana) militärisch gedrillt und schulisch ausgebildet. Die Monotonie ihres an Sozialkontakten extrem armen Lebens hat sie „anders“ gemacht, „abnormal“, wie es später in einem medizinischen Bericht heißen wird. Hanna ist es leid, stets nur Fakten aus zweiter Hand aufzunehmen, statt das, was sie über Welt und Mensch in der Theorie lernt, selbst zu erfahren. Nachts in ihrer mythisch aufgeladenen Holzhütte die Grimm’schen Märchen lesend, träumt sie davon, endlich aus der Isolation auszuziehen, um die CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett) das Fürchten zu lehren. Diese Mission hat der Vater ihr von klein auf eingebläut – bald wird sie das letzte Mal einen der atemberaubenden Sonnenuntergänge über den zahllosen Seen ihrer Heimat erleben. Aus der weiß glänzenden Eis-Welt wird Hanna aufbrechen und in düsteren Katakomben wieder erscheinen, um ihren Auftrag zu erfüllen und sich mit ihrem Vater in Berlin zu treffen.

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Regisseur Joe Wright arbeitet in Wer ist Hanna? mehrfach mit abrupten, kontrastreichen Schnitten aus gleißender Helle in stockfinstere Dunkelheit oder umgekehrt. So versetzt er den Zuschauer unvermittelt in eine andere Location, ohne diese lange einzuführen. Die wohl brillanteste Sequenz des gesamten Films gelingt ihm nach diesem ersten Sprung aus der Natur in die grau-metallische Welt der Hightech-Gebäude. Hanna hat sich gezielt vom US-Militär festnehmen lassen und ist in einem der amerikanischen Geheimgefängnisse gelandet. Wenn sie aus ihrer Hochsicherheitszelle in stroboskopisch beleuchtete Bunker flieht, die Kamera sie in rasanten 360-Grad-Fahrten umkreist oder die Montage ihr Gesicht in Fragmente auflöst, scheint der Actionthriller sich in Richtung des Experimentalfilms zu bewegen. Auch später nimmt sich der Regisseur immer wieder Zeit, um den Plot zu unterbrechen und rein visuellen Potenzialen nachzuspüren – so zum Beispiel, wenn er minutenlang mit extremen Nahaufnahmen das Gesicht Hannas in sanftem, warmem Licht abtastet.

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Doch zunächst dauert der Ausflug in die Avantgarde nur so lange, bis Hanna entkommt und der Zuschauer mit ihr erfährt, dass das Gefängnis in einer – Locationwechsel! – arabischen Wüstenlandschaft liegt. Hier erlebt sie ihre ersten nicht an den Vater gebundenen zwischenmenschlichen Kontakte, zeigt sich fasziniert von Lichtschaltern und Elektrizität, ganz zu schweigen von später auftauchenden gleichaltrigen Jungen, was der Film für einige seiner recht großzügig gesäten humoristischen Momente nutzt.

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Parallel zeigt uns Wer ist Hanna? die Vorkehrungen, die die verbitterte, eiskalte, fast schon karikaturhafte Marissa unternimmt, um ihren Ex-Lover Erik und seine Tochter zu stoppen. Marissa, deren Reue und Selbsthass das Drehbuch in autoaggressive Handlungen übersetzt, in denen Dentalhygiene zur Folter wird, heuert einen schmierigen Zuhälter aus St. Pauli und seine zwei Neonazi-Schergen an, um Hanna zu liquidieren und damit dunkle Machenschaften der CIA zu vertuschen. Auf einem Hafengelände kommt es inmitten labyrinthischer Container-Schluchten zu einer wilden Verfolgungsjagd. Der Film setzt dabei zwar merklich auf die Schauwerte von kämpfenden Frauen, stellt seine Protagonistinnen dabei jedoch nie als bloße Körper, als männliche Fantasien aus, sondern lässt ihnen neben der Kleidung auch ihre Würde und Eigenständigkeit.

Das endgültige Ziel in Wer ist Hanna? ist schließlich Berlin und der dortige „Endkampf“ der zwei Erzfeindinnen. In der deutschen Hauptstadt wird die grandiose Location-Wahl besonders deutlich, wenn der Film auf den Glanz der üblichen Sehenswürdigkeiten verzichtet und stattdessen im Problemkiez rund um das Kottbusser Tor einsetzt, um sich bald in Plattensiedlungen und der futuristischen S-Bahn-Station Messe Nord wiederzufinden. Je weniger man die Stadt kennt, desto besser – weil surrealer – wirken die Ortssprünge. Das gilt insbesondere für das Finale, das in einem stillgelegten Vergnügungspark im Plänterwald stattfindet, dessen Hintergründe von der Doku Achterbahn (2009) ausführlich beleuchtet wurden.

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Hier scheint Hanna fast wieder am Ausgangspunkt angekommen zu sein, als sie eine – in Giallo-artiges Neonlicht getauchte – Grimm’sche Märchenhütte betritt. Auch ein Zitat („I just missed your heart“) und eine Geste (der Schuss mit einer Waffe direkt in die Kamera, der einerseits auf eine Figur, andererseits aber auch auf den Zuschauer zielt) werden hier wiederholt. Wichtiger als der abschließende Kampf der zwei final girls ist indes die Verbindung zwischen ihnen. Die titelgebende Frage „Wer ist Hanna?“ wird zwar für den Zuschauer abschließend geklärt – für die junge Frau selbst beginnt mit der Antwort allerdings erst ihre Reise auf dem Weg in ein neues Leben.

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Kommentare


haluk

habe mir den film gerade eben in der cinemaxx gongfm sneakpreview angesehen und ich fand ihn sehr gut! auch wird die frage "wer ist hanna" gut bis zum ende verdrängt was mich sehr neugierig gemacht hat! bisschen übertrieben dass so n kleines mädl alle niederhaut aber nette story und gute umsetzung! lohnt sich!


der schneider

neeee … auf keine fall anschauen: ein übel schlechter plot, der zudem von anfang an hinkt. die totgeglaubten schicken ihren verfolgern zunächst einmal ein lebenszeichen, worauf der action-klamauk erst losgeht. wie dumm muss man sein, zumal der vater auch noch agent war. scheint ausbildungsresistent gewesen zu sein. hätten vater und tochter sich einfach ohne an ihre verfolger ein lebenszeichen zu schicken auf den weg gemacht, hätten sie ein ganz normales leben führen können. aber das machen sie nicht, lcoken ihre gegner so erst auf ihre spur. was für ein schwachsinn. 2. ist nach ca. 30 minuten fast gänzlich klar, warum hanna auf pippi lanagstrumpf machen kann, resp. wer sie ist. und wenn schon … es tut der eigentlichen geschichte überhaupt nicht gut, denn diese versuchslaborkinder-geschichten sind schon 100-fach auf den markt geschmissen worden.
fazit: extrem geiler soundtrack von propeller heads (auch das kann man übrigens ebenfalls gleich erahnen), geile kameraarbeit, mieser, wirklich langweiliger plot. der film sollte eingentlich "pippi rennt" heissen (wobei pippi und lola cool sind). schaut euch den film lieber online an, denn da zahlt ihr nur die stromkosten und bewahrt uns evtl. vor weiterem mist aus dem hause joe wright.


Ein Kinokunde!

"Die wohl brillanteste Sequenz des gesamten Films gelingt ihm nach diesem ersten Sprung aus der Natur in die grau-metallische Welt der Hightech-Gebäude."
Naja, das lässt ja tief blicken...
Ein Zuhälter aus Sankt Pauli und seine zwei Neonazis (Skinheads) dürften der Preis für die deutsche Filmförderung gewesen sein.
Dies kommt sicher auch niemandem widersprüchlich vor - die Neonazis sind ja bekanntlich die größten Zuhälter in Hamburg.
Wichtig ist, dass man ein Zeichen setzt - auch das internationale Publikum muss schliesslich gut und böse unterscheiden lernen.
Der einzige Lichtblick in diesem Witz ist wohl die schauspielerische Leistung von Hanna - die passt.


Michael

der schneider hat Recht: total unrealistisch, fast idiotisch. Der Vater bildet Hannah als Profikiller aus und schickt sie in die Welt, versäumt aber ihr, die einfachen Dinge in der Welt zu zeigen: Strom (licht) Musik, etc. Und Hahnnah , von sich selber, kennt sich im Internet besser als die meisten von uns aus!!
Lohnt NICHT! Blöd und langwilig!Kindermärchen. Trinkt lieber einen Wein für das Geld.


Unbekannt

Skinheads sind KEINE Nazis!!!!!!!!!!!!


Martin Zopick

Von der Optik her gesehen überzeugt der Film schon, ebenso wie von der jungen Hauptdarstellerin Saoirse Ronan. Dabei ist der Kontrast zwischen Winteridylle und Wüstenlandschaft durchaus hilfreich. Dazwischen wimmelt es nur so von logischen Knacks oder wichtige Verbindungsstücke werden übergangen. Sogar beim finalen Showdown zwischen Hanna und Marissa Wiegler (Kate Blanchett) mogelt sich die Kamera so über die entscheidenden Einschläge hinweg. Ist anscheinend nicht so wichtig! Dafür schwelgt sie in beeindruckenden Landschaften. Weitere sonderbare Ereignisse befremden wie Hannas erste Kontakte mit elektrischem Strom und dem Fernseher. Das geht bis zum Slapstick. Erstaunlich sicher handelt sie kurze Zeit später einen PC. Der vorübergehende Familienanschluss mit Campingatmo in Marokko wirkt wie ein aus der Zeit gefallenes Dokument der Alt-68er, mitsamt der Lagerfeuerromantik und den spanischen Zigeunerklängen zu Flamenco. Die Erklärung am Ende über Hannas Herkunft wirkt etwas konstruiert. Trotzdem ist etwas Spannung aufgebaut worden mit komischen Einlagen wie die mit Herrn Grimm (Kommissar Martin Wuttke mit langem Haupthaar), der von der Decke baumelt.
Nicht aus einem Guss mit vielen Unklarheiten. So bleibt es oberflächliche Action, die jeglichen Blick ins Innere der Akteure ablehnt. Nicht einmal in das der Hauptdarstellerin. Hanna killt sie alle. Na toll!






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