Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte
Road-Movie, Theaterstück, Liebesfilm. Der Einblick in das Leben einer Alleinunterhalterin wartet mit allerlei absonderlichen Einfällen und Momenten auf. Doch Skurrilität muss nicht zwingend auch ein Qualitätsmerkmal sein.

Rau und poetisch soll er sein, der erste Spielfilm der französischen Multitalente Yolande Moreau und Gilles Porte. Nach einer Konzeptionsphase von über fünf Jahren entstand mit Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte (Quand la mer monte…) ein sichtbar von Moreaus Vergangenheit als Bühnenschauspielerin beeinflusstes Portrait einer an ihrem Leben zunehmend zweifelnden Aktrice. Mitte der 80er Jahre tourte Moreau mit der schwarzen Komödie Sale Affaire du Sexe et du Crime (1982), das sie an freien Nachmittagen in Tanzlokalen verfasst hatte, durch Frankreich, die Schweiz und Kanada.
Die Handlung belegt die autobiographische Färbung des Films. Mit ihrem Bühnenprogramm „Sale Affaire“ bereist die Schauspielerin Irène (Yolande Moreau) die Städte und Dörfer im ländlichen Norden Frankreichs. Das tragikomische Einpersonenstück handelt von einer alternden Mörderin, die soeben ihren Liebhaber erstochen hat. Mit blutbefleckten Händen, einer rauen harten Stimme und einer befremdlichen Maske verkörpert Irène eine Frau, die immer noch darauf hofft, eines Tages die große Liebe zu finden. Vor einem der zahlreichen Auftritte begegnet sie auf einer kleinen Landstraße dem Lebenskünstler Dries (Wim Willaert). Er hilft ihr bei einer Autopanne. Als Zeichen der Dankbarkeit lädt sie ihn am Abend in die Vorstellung ein. Dort übernimmt er die Rolle des Liebhabers, den sich Irène jeden Abend neu aus dem Publikum auswählt. Aus einem Gefühl der Verbundenheit, beide betrachten sich als Außenseiter, entwickelt sich zaghaft eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Ein Schuss lakonisches Road-Movie, eine Prise Theaterfilm, dazu eine möglichst skurrile Romanze unter einsamen Künstlern, et voilà, fertig ist das poetische Märchen für alle, die in ihrem Herzen noch jung geblieben sind. Der letzte Satz ist bitte ironisch zu verstehen, denn Wenn die Flut kommt gelingt das zweifelhafte Kunststück, die schrecklichsten Vorurteile über das Arthouse-Kino während einer Laufzeit von nur 93 Minuten in einem einzigen Werk zu vereinen. Aus einem ständigen Wechsel zwischen den live vor Publikum gefilmten Theaterszenen und dem Blick hinter die Kulissen eines wenig glanzvollen Tourneealltags entsteht eine Monotonie und Langeweile, die sich wie Mehltau über die Charaktere und ihre Beziehungen legt. Das redundante Zeigen gleicher Passagen des Bühnenstücks, dessen Art von Humor wohl nur wenige werden teilen können, verstärkt diese inszenatorische Trostlosigkeit.
Besonders enervierend sind die Versuche des Drehbuchs, die belanglose Geschichte mit bemüht fantastischen Bildern und einem hieraus resultierenden „Wir sind anders!“-Gestus aufzupeppen. Sei es das überdrehte Tapetenmuster im muffigen Zweisternehotel, die Eiffelturmkopie im Kreisverkehr oder Dries’ gesamte künstlerische Arbeit als Designer von überdimensionalen märchenhaften Tragefiguren aus Pappmaché, die bei Festivitäten in Umzügen durch die Dörfer getragen werden, alles existiert lediglich, um die Banalität dieser uninteressanten Künstler-Rundreise zu kaschieren. In der Zeit nach Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d’Amélie Poulain, 2001) mag die Grenze, was als phantasievoller Einfall und was als eine schlichtweg kindische Idee erwachsener Filmemacher durchgeht, neu gezogen worden sein, dennoch muss man sich als Zuschauer nicht jede Albernheit mit dem Verweis auf Jeunets Wundertüte gefallen lassen.

Und auch sonst wird in Wenn die Flut kommt gern auf Kunstbeflissenheit gemacht, um etwas zu verdeutlichen, was ohnehin schon offensichtlich ist. Das zeigt sich exemplarisch bei der Wahl der Musik. Diese besteht neben dem titelgebenden Stück von Raoul de Godewarsvelde vornehmlich aus Verdis „La Traviata“. Wie schon Violetta führt Irène ein von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Leben außerhalb einer bürgerlichen Existenz. Um diese Analogie zu illustrieren, wird Verdis Oper exzessiv als Untermalung eingesetzt. „Hörst Du nichts anderes?“ will Dries an einer Stelle von Irène wissen. Welch berechtigte Frage.
Mit der Brechstange lassen sich weder Interesse noch Anteilnahme für die Charaktere und deren Schicksale erzwingen. Der gezeigte Tourneealltag einer Alleinunterhalterin und die langsam aufkeimende Liebesbeziehung bieten in dieser Form nichts, was es wert gewesen wäre, darüber einen Kinofilm drehen zu müssen. Der selbstverliebte Ansatz des Duos Moreau/Porte, die Geschichte möglichst mit skurrilen Momenten zukleistern zu wollen, führt in eine Sackgasse. Vielleicht sollte man Irène lieber eines dieser von Touristen gern erstandenen T-Shirts mit der Aufschrift „Been there, seen that!“ zukommen lassen. Dann kann sie ihre Odyssee durch den rauen Norden Frankreichs und ihre Affäre mit dem Lebenskünstler Dries endgültig abhaken. Genau wie der Zuschauer diesen Film.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 10.05.2006
Kommentare zu Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte
Originaltitel: Quand la mer monte…
Frankreich, Belgien 2004
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Yolande Moreau, Gilles Porte
Drehbuch: Yolande Moreau, Gilles Porte
Produktion: Humbert Balsan
Darsteller: Yolande Moreau, Wim Willaert, Jacky Berroyer, Jacques Bonnaffé, Nand Buyl
Kinostart: 08.06.2006
Copyright Wenn die Flut kommt - Quand la mer monte
Fotos: © Ventura
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Glaube, Liebe, Tod
R: Peter Kern
Shadow Dancer
R: James Marsh
Marina Abramović: The Artist is Present
R: Matthew Akers
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR










