Wendy and Lucy
Mit minimalistischer Ästhetik und sparsam eingesetztem Mitgefühl taucht Kelly Reichardt in den Mikrokosmos einer gesellschaftlichen Außenseiterin ein.
Old Joy (2006) handelt von zwei Jugendfreunden, die sich auf eine Wanderung in die Tiefen des Waldes begeben. Auch die erste Szene in Kelly Reichardts neuestem Film, Wendy and Lucy, ist in einem von der Zivilisation isolierten Waldstück angesiedelt. Wenn man Wendy (Michelle Williams) dabei beobachtet, wie sie in der Dämmerung mit ihrem Hund Lucy herumtollt, scheint sie losgelöst von jeglicher sozialen Realität zu sein. Es dauert jedoch nicht lange, bis die Probleme des Alltags Einzug in diese trügerische Idylle finden.
Wendy ist obdachlos und hat nur noch ihren Hund und ihr Auto. Auf ihrer Fahrt nach Alaska, wo sie in einer Fischfabrik arbeiten möchte, bleibt sie in einer Kleinstadt in Oregon hängen. Ob Wendy nun eine Aussteigerin aus Überzeugung ist oder durch finanzielle Not in diese Position gedrängt wurde, lässt der Film im Unklaren. Umso präziser beschreibt Reichardt das Stadium zwischen herkömmlicher Obdachlosigkeit und einem gesellschaftlich normierten Leben, in dem sich ihre Hauptfigur befindet. Der ängstliche, aber auch etwas angewiderte Blick, mit dem Wendy einer Gruppe Landstreicher gegenübertritt, zeigt, dass sie mit diesen Menschen vielleicht den sozialen Status teilt, aber trotzdem einer völlig anderen Welt angehört. Als sie wenig später im Supermarkt beim Klauen von Hundefutter erwischt und daraufhin verhaftet wird, ist schließlich sie diejenige, die mitleidig angesehen wird.
Wendy and Lucy beschränkt sich auf ein sehr reduziertes Handlungsgerüst: Plötzlich springt das Auto nicht mehr an, der Hund verschwindet, worauf Wendy den restlichen Film versucht, diese Probleme zu lösen. Reichardts besondere Leistung ist es, mit derart wenig Handlung und Dialog sowie der Beobachtung scheinbar banaler Tätigkeiten einen ebenso dichten wie spannenden Film inszeniert zu haben. Das gelingt ihr vor allem dadurch, dass jede Handlung Wendys durch ihre Tragweite, aber auch die ständige Nähe der Kamera emotional stark aufgeladen ist. Etwas Alltägliches wie der Besuch einer Autowerkstatt wird so zum existenziellen Ereignis, von dem die Zukunft der Protagonistin abhängt, und die zögerliche Bekanntschaft mit einem alten Parkwächter wirkt deshalb so intensiv, weil er der einzige soziale Bezugspunkt für sie ist.
Reichardt scheint eine grundsätzliche Sympathie für gesellschaftliche Außenseiter zu haben, die man vielleicht als Neo-Hippies beschreiben könnte. Das drückt sich neben Wendys Naturverbundenheit und der engen, mitunter fast erotischen Beziehung zu ihrer Hündin auch in einer Skepsis gegenüber modernster Technologie aus. Auf dem Polizeirevier werden etwa Wendys Fingerabdrücke von einer neuen Maschine digital erfasst. Kurz darauf wird sie ein weiteres Mal aus der Zelle geholt und der Vorgang wiederholt, weil die Maschine beim ersten Durchgang nicht richtig funktioniert hat. Trotz solcher Vorbehalte gegenüber zeitgenössischen Entwicklungen romantisiert Wendy and Lucy das ungebundene und ursprüngliche Leben seiner Protagonistin an keiner Stelle, sondern zeigt, mit welchem Aufwand sie versucht, ihr Leben zu meistern, und doch nur eine Enttäuschung nach der nächsten erfährt.
Mit einer Heldin, die am System scheitert, widmet sich der Film einem typisch sozialrealistischen Sujet. Dabei beschränkt sich Reichardts Inszenierung weder auf eine rein nüchterne und objektive Schilderung noch auf eine Anklage des Kapitalismus. Dafür konzentriert sich der Film viel zu stark auf atmosphärische, unabhängig von der Narration funktionierende Qualitäten, die ihm eine traumwandlerische, fest mit der Befindlichkeit seiner Protagonistin verknüpfte Stimmung verleihen. Einige Szenen, wie die unheimliche Begegnung mit einem Psychopathen im Wald, wirken geradezu surreal. Das musikalische Leitthema – und überhaupt die einzige Musik im Film – ist eine abgehackte Melodie, die Wendy mehrmals in sich versunken vor sich hin summt. In diesen Momenten schafft Wendy and Lucy für kurze Zeit eine konfliktfreie Parallelwelt, in die schon bald wieder die ökonomischen Zwänge des modernen Lebens hereinbrechen.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 01.10.2009
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Film-Angaben
Titel: Wendy and Lucy
USA 2008
Laufzeit: 80 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
Produktion: Larry Fessenden, Neil Kopp, Anish Savjani
Bildgestaltung: Sam Levy
Montage: Kelly Reichardt
Darsteller: Michelle Williams, Wally Dalton, Michelle Worthey, Will Oldham, John Robinson, John Breen, Larry Fessenden
Kinostart: 22.10.2009
DVD-Angaben
Titel: Wendy & Lucy
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Englisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 80 Minuten
Extras: Interview mit Kelly Reichardt (Cannes 2008, ca. 16 min); Kurzgeschichte TRAIN CHOIR von Jon Raymond (Literaturvorlage zu WENDY AND LUCY); Kurzgeschichte OLD JOY von Jon Raymond; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 23.04.2010
Copyright Wendy and Lucy
Fotos: © Peripher
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