Welcome to Pine Hill

„It sucks dying of something that you can’t even pronounce.“

Welcome to Pine Hill 01

Ein Mann stirbt an Krebs. Er erzählt es nicht seiner Familie oder seinen Freunden – er bloggt. „This is me, I’m dying of cancer“, lautet die Überschrift seiner Website, große Pusteblumen bebildern die Todesnachricht. Über dem Bett des Sterbenden hängt ein Poster mit Bäumen, von denen lediglich die Stämme, nicht die Wipfel zu sehen sind. Zum Ende des Films wird der Mann aus Brooklyn mit einem Greyhound-Bus in das Dorf Pine Hill fahren, in das Baumbild eintreten und darin verschwinden.

Welcome to Pine Hill 06

Als der Mann, Shannon (Shanon Harper), Spitzname Abu, in der ersten Szene von Welcome to Pine Hill erscheint, weiß er noch nicht, dass er an Magenkrebs sterben wird. Er geht mit seinem Hund spazieren, und wie von den Bäumen auf dem Poster sieht man auch von ihm zunächst nur die untere Hälfte – den „Stamm“ – und erst später sein Gesicht. Der schwarze Hundespaziergänger trifft auf einen weißen Hundespaziergänger (Regisseur Keith Miller), und die beiden stellen nicht nur fest, dass der Weiße den entlaufenden Pitbull des Schwarzen an der Leine führt, sondern auch, dass sie aus verschiedenen Welten stammen. „Where I come from, people get shot in the streets on a regular basis, and nobody gives a shit“, erklärt Abu.

Welcome to Pine Hill 03

Die Szene beruht auf einer tatsächlichen Begegnung zwischen Autor und Regisseur Keith Miller und Hauptdarsteller Shanon Harper, die Miller bereits in seinem Kurzfilm Prince/William (2010) als Aufhänger für eine Diskussion über Klassen- und „Rassen“-Unterschiede nutzte. In seinem ersten Langfilm konfrontiert der Regisseur seinen Protagonisten jetzt erneut und wiederholt mit rassistischen Vorurteilen und kulturellen Stereotypen, in Gesprächen mit Barbesuchern oder Taxifahrern, die im Kontext des Films allerdings allzu aufgesetzt, ausformuliert und auch überflüssig wirken. Zumal die Figur des Abu mit einer Vergangenheit als Drogendealer mit Gewalterfahrungen, einem zerrütteten Elternhaus und ohne Schulabschluss selbst nicht frei von Klischees ist. Welcome to Pine Hill ist dann am stärksten, wenn er gänzlich auf Dialoge verzichtet und seinen Protagonisten wortlos und geduldig beobachtet: Wie dieser alleine in einer karg eingerichteten Wohnung an einem Tisch sitzt und darauf wartet, dass die Mikrowelle sein Fast Food aufwärmt, nachdem er die Diagnose Krebs erhalten hat. Oder wie er in den einsamen Wäldern von Pine Hill wie ein verlorenes Kind einen Finger in das Loch seiner Jeans bohrt.

Welcome to Pine Hill 04

Hauptdarsteller Shanon Harper, der hier sein Schauspieldebüt gibt, besitzt nicht nur in dieser späten Szene die Ausstrahlung eines großen Kindes mit einem runden, offenen Gesicht, das mal ernst und misstrauisch in die Kamera blickt und dann wieder sehr einnehmend und entwaffnend lächelt. Harpers beachtliche, nie ganz durchschaubare Präsenz trägt einen Großteil des Dramas, das wie eine Kreuzung aus Spiel- und Dokumentarfilm wirkt. Viele Szenen sind mit einer Handkamera gefilmt, die sich besonders im ersten Handlungsteil dicht an die Figuren hält und vor allem auf das Gesicht der Hauptfigur konzentriert. In Gesprächen blickt sie häufig über die Schulter einer Nebenfigur, die dadurch nur in Ausschnitten und nicht als vollständige Person erscheint – eine Bildanordnung, die Abus distanziertes Verhältnis zu seinen Mitmenschen betont. Als der Stadtflüchtige im Dorf Pine Hill eintrifft, filmt sie ihn aus einer größeren Entfernung, die seine Fremdheit in der unbekannten Umgebung unterstreicht.

Welcome to Pine Hill 05

Dass Sterbende plötzlich die Natur für sich entdecken, ist ein immer wieder gerne bedientes, überstrapaziertes Motiv in der Literatur- und Filmgeschichte. Trotz des Klischees ist die letzte Sequenz von Welcome to Pine Hill die fesselndste des gesamten Films. Die dominanten Naturgeräusche in Verbindung mit einem beunruhigenden Sound Design und Shanon Harpers berührender Darstellung räumen sehr eindringlich mit der falschen Vorstellung auf, dass man in einem Wald zwangsläufig Harmonie und inneren Frieden findet – Vögel können nervenzermürbend zwitschern. Wir sehen Abu wiederholt und nicht ausschließlich zum Schluss beim Laufen zu. Verarbeitet er damit vielleicht seine tödliche Krebsdiagnose, oder läuft er ihr eher davon? Wer dem Abspann bis zum Ende lauscht, kann ihm ein letztes Mal dabei zuhören.

Trailer zu „Welcome to Pine Hill“


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Kommentare


wes.walldorff

Ein "besinnlicher" Film im positivsten Sinn....
- - - passt zur gnadenvollen Weihnachtszeit wie die Faust aufs Aug`!






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