Welcome

Das klassische Drama über einen kurdischen Migranten, seinen Schwimmlehrer und die Überquerung des Ärmelkanals wurde in Frankreich unversehens zum Politikum.

Welcome

An der schmalsten Stelle sind es immer noch 32 Kilometer, die Frankreich und Großbritannien trennen. Seit dem 19. Jahrhundert war die Meerenge immer wieder Anreiz und Herausforderung für Kanalschwimmer, wie den englischen Kapitän Matthew Webb, der das Gewässer 1875 in zwanzig Stunden durchquerte.

In jüngerer Zeit hat der Ärmelkanal über den Schwimmsport hinaus eine migrationspolitische Bedeutung bekommen. Flüchtlinge aus internationalen Kriegsgebieten wie dem irakischen Kurdistan versuchen täglich von der französischen Nordküste aus durch den Eurotunnel oder den Wasserweg illegal in das Eldorado Großbritannien zu gelangen, das eine großzügige Sozialhilfe, weniger Bürokratie und mehr Jobs als Frankreich verspricht. Seit das umstrittene Rot-Kreuz-Auffanglager Sangatte von Nicolas Sarkozy 2002 geschlossen wurde, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, leben tausende Menschen unter elenden Bedingungen in notdürftigen Behausungen und illegalen Minicamps in der Gegend um Calais, die regelmäßig von der Polizei zerstört werden. Ein Gesetzesparagraph aus dem Jahre 1945 macht Solidarität strafbar und setzt ehrenamtliche Sozialhelfer mit Schleppern gleich. Jeder Mensch, der illegalen Migranten die Flucht oder den Aufenthalt erleichtert (dazu zählt eine aufgeladene Handykarte oder eine Mitfahrgelegenheit) kann mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen.

Welcome

Ein Thema im Schatten der Öffentlichkeit. Die Entwicklung wurde von den französischen Medien nur marginal behandelt, bis Welcome in die Kinos kam. Das Echo der Projektion schlug hohe Wellen und ging schließlich so weit, dass der Film von Philippe Lioret in der französischen Nationalversammlung vorgeführt wurde. Hat Kino also doch ein subversives Potential? Man könnte ein agitatorisches Werk erwarten, einen tiefschürfenden Dokumentarfilm, eine polarisierende und politisierende Sozialstudie. Tatsächlich geht es im Kern von Welcome aber um etwas ganz anderes: Die märchenhafte Konstellation des Helden, der sich einer Herausforderung stellt.

Fünfhundert querende Schiffe pro Tag, reißende Strömungen und zehn Grad Wassertemperatur. Wird Bilal rüberkommen? Der siebzehnjährige Bilal (Firat Ayverdi) ist ein kurdischer Flüchtling, der durch den Ärmelkanal von seiner Geliebten und dem Traum einer Fußballerkarriere bei Manchester United getrennt wird. Der Altschwimmmeister Simon (Vincent Lindon) träumt seinerseits davon, seine geschiedene Frau, eine freiwillige Sozialhelferin, zurückzugewinnen. Was bleibt ihm also anderes übrig, als selbst Flüchtlingshelfer zu werden und Bilal, seinem kurdischen Sohn auf Zeit, bei sich unterzubringen und ihm das Kraulen beizubringen.

Welcome

Über eine gewisse Zeit funktioniert Welcome so als klassisches Drama, schlicht und ökonomisch erzählt, von soliden Darstellern getragen. Zugutehalten muss man Lioret den unaufgeregten Gestus, in dem er die soziale Realität andeutet, weder überzeichnet noch polemisiert. Mit zunehmender Dauer des Dramas, wenn Lioret nach einer halben Stunde die Perspektive wechselt und seinen zweiten Hauptdarsteller Simon etabliert, verliert er aber die wirkliche Härte der Verhältnisse aus den Augen. Die Geschichte einer Männerfreundschaft ist Lioret wichtiger als die gesellschaftlichen Verhältnisse rundherum. Das weinerliche Klavierleitmotiv trägt seinen Teil dazu bei, dass jegliche sozialpolitische Schärfe nach und nach verwischt wird.

Eine weitaus zwingendere und radikalere Form hat Laura Waddington jüngst in ihrer experimentellen Videoarbeit Border (2004) gefunden. Auch Border zeigt die Realität der Flüchtlingslager und die verzweifelten Fluchtversuche von Frankreich nach England. Ein intimer Kurzfilm, montiert aus unscharfen und verlangsamten Nachtaufnahmen verlorener Gestalten, deren Gesichter man niemals zu erkennen vermag. Unterlegt mit einem persönlichen Kommentar der Filmemacherin, der ihren eigenen Aufenthalt in der Grenzgegend reflektiert, stellt er die Frage nach der Darstellbarkeit einer ungreifbaren Entwicklung.

Welcome

Im Spiegel von Border, der den dringlichen Versuch einer offenen, politischen Form unternimmt, wird die Problematik von Liorets Film noch deutlicher, der in erster Linie vom dramatischem Potential des Sujets fasziniert scheint. Welcome spricht ein Thema an, das eine klaffende Wunde im europäischen Selbstverständnis darstellt, ohne aber diese Wunde wirklich sichtbar zu machen. Wie in seinem letzten Film Keine Sorge mir geht’s gut (Je vais bien, ne t’en fais pas, 2006) bedient sich Lioret einer geschlossenen, „harmonischen“ Erzählform. Das Thema Migration ist letztlich nur der Rahmen für ein gefühliges, kathartisches Kanalschwimmerdrama, das berührt und betroffen macht, aber niemals aufrüttelt oder gar schmerzt.

Die ironische Wendung: Trotz der Milde seines Films, der jede Polemik vermeidet, hat Lioret in Frankreich eine seltene politische Diskussion heraufbeschworen, deren Auslöser allerdings weniger das Werk selbst, als seine provokanten Aussagen gegenüber der Lokalzeitung „La Voix du Nord“ waren. Seine Äußerung „Ich habe das Gefühl, die Geschichte eines Mannes erzählt zu haben, der 1943 einen Juden in seinem Keller versteckt“ provozierte den Minister für Immigration Eric Besson derart, dass eine scharfzüngige Auseinandersetzung entbrannte (später zeigte sich allerdings selbst Besson vom Film „bewegt“). Auch wenn ein ernsthaft geführter, politischer und öffentlicher Diskurs über Immigration in Frankreich weiter auf sich warten lässt, hat die Diskussion um den Millionenerfolg Welcome zumindest eines erreicht: Der Gesetzesparagraph, der jede Form von Flüchtlingshilfe unter Strafe stellt, steht nun zur Debatte. Die „Parti socialiste“ initiierte eine Gesetzesänderung und ließ Welcome dazu im Parlament vorführen. Unversehens wurde der Film zum politischen Instrument. Die mögliche Änderung des Paragraphen soll den Namen „Welcome“ tragen.

Trailer zu „Welcome“


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Kommentare


Dana v. Shadalla

Ich sah diesen Film im Village kinocenter in Wien 3. Bezrik zum ersten Mal im juni 2010 .welcome zeigte nur ein kleine Beispiel von zahlreichen tagischen aber realen Storien der Kurdischen heimatlosigkeit.
Dana v. Shadalla aus Wien






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