Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien

Seit Jahren tobt in Tschetschenien ein blutiger Krieg, der in Westeuropa kaum noch wahrgenommen wird. Jochen Feindt und Tamara Trampe zeigen, wie die Kampfhandlungen auf beiden Seiten irreparable Schäden hinterlassen.

Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien

Die digitale Revolution ist im Kino seit Jahren in vollem Gange, die meisten Zuschauer bekommen davon allerdings noch nicht allzuviel mit. Nicht nur wird die Umstellung der Projektion auf die neue Technik in den meisten Spielstätten wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen, auch auf der Produktionsseite setzt vor allem der Mainstream – trotz aller Computerspielereien – meist noch auf analoges Trägermaterial. Zwar erwarben sich auch Regisseure wie Michael Mann (Collateral, 2004) und allen voran George Lucas mit seiner neuen Star Wars-Trilogie (1999-2005) Verdienste um die Entwicklung einer digitalen Ästhetik, doch der Großteil der Innovationen auf diesem Gebiet findet an den Rändern der Kinolandschaft statt, in den Bereichen des Experimental-, Underground- oder Dokumentarfilms.

Die Resultate dieser Arbeiten sind extrem unterschiedlich, mal führt die neue Produktionsweise zu mehr Stilisierung, oft ganz im Gegenteil zu einer Darstellung, die ungleich realistischer erscheint, als alle bisherigen Formen des Filmschaffens. In dem politisch brisanten Werk Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien resultiert der Einsatz digitaler Technik vor allem in einer Intensivierung des emotionalen Erlebens.

Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien

Johann Feindt und Tamara Trampe führen den Zuschauer nach Russland und verfolgen die Spuren des seit Jahren andauernden Krieges in Tschetschenien, dem die europäischen Medien meist wenig Aufmerksamkeit schenken. Nur spektakuläre Wendungen wie das Geiseldrama von Beslan bringen den Konflikt gelegentlich in die Schlagzeilen. Die beiden treffen auf verschiedene Menschen, die an vorderster Front beteiligt waren und bis heute darunter leiden. Manche werden, das ist abzusehen, niemals wieder ein normales Leben führen können. Petja etwa verlor durch eine Mine in Tschetschenien ein Bein, verdrängte die Schrecken des Krieges und blickt lethargisch einer trostlosen Zukunft entgegen. Kiril geriet in Gefangenschaft, seit seiner Rückkehr versuchte er sein Leben zu ordnen, doch vergeblich. Inzwischen sitzt er im Gefängnis, weil er bei einem Einbruch betrunken ein neunjähriges Mädchen missbraucht hat.

Das Leben hat den Menschen, die Weiße Raben porträtiert, nichts erspart und ebenso wenig ersparen Feindt und Trampe dem Zuschauer. Auch hoffnungsvollere Geschichten, wie die des Komitees der Soldatenmütter, das versucht, zumindest denjenigen unter den Veteranen, die der Hilfe am dringendsten bedürfen, beizustehen, können den bedrückenden Eindruck, den der Film hinterlässt, nicht abschwächen. Die digitalen, kalten Bilder kennen keine Gnade, zeigen Kiril, Petja und die anderen in langen, unbarmherzigen Aufnahmen und Tamara Trampe hört selbst dann nicht auf, nachzufragen, wenn die Schmerzgrenze bei allen Beteiligten schon weit überschritten ist.

Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien

Konzeptionell erinnert das Werk entfernt an Michael Moores Fahrenheit 9/11 (2004), auch die beiden deutschen Dokumentarfilmer versuchen, einen militärischen Konflikt von der Heimatfront aus zu diskreditieren. Im Gegensatz zu dem Amerikaner, der die Perspektive der irakischen Opfer konsequent aussparte und den Krieg am Golf fast ausschließlich auf einige hundert getötete GIs und deren Hinterbliebene reduzierte, zeigen Feindt und Trampe die russischen Soldaten nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter. Hierbei begeben sie sich auf eine schwierige Spurensuche, in Tschetschenien filmen konnten sie nicht. Das Archivmaterial, das ihnen zur Verfügung stand, beschränkt sich auf einige Fotos tschetschenischer Kriegsgefangener und kurze Amateurvideos, die mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Dennoch wird klar, dass die Leiden der russischen Soldaten nicht mehr sind als ein schwaches Echo der Verwüstungen, die sie im Kaukasus zu verantworten haben.

Insgesamt hinterlässt der differenziert argumentierende Film einen etwas zwiespältigen Eindruck. Sicherlich ist es notwendig, den nicht nur in russischen, sondern auch in europäischen Medien viel zu wenig präsenten Konflikt wieder an die Öffentlichkeit zu bringen und ein Dokumentarfilm ist hierfür, auch wenn er wohl kaum jemals in Russland aufgeführt werden wird, sicher nicht das schlechteste Medium. Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien jedoch anästhesiert den Zuschauer mit schockierenden Bildern und Erzählungen ohne einen wirklich analytischen Ansatz. Das politische Interesse Moskaus an einer weiteren Fortführung des Konflikts wird eher behauptet als erläutert, die Veteranen erscheinen als Opfer eines Systems, das nie an Kontur gewinnt und ebenso anonym bleibt wie der Großteil der tschetschenischen Rebellen, die in den unbarmherzig geführten Kämpfen ihr Leben verlieren. So bringt der Film dem Zuschauer zwar die Schrecken des Krieges eindrücklich nahe, scheitert jedoch daran, ein konkretes Bewusstsein für die Dringlichkeit der spezifischen Situation im Kaukasus zu erzeugen. Gewalt und Leid gibt es schließlich überall und so fällt es – trotz aller visueller und emotionaler Grausamkeit – relativ leicht, nach dem Verlassen des Kinosaals wieder zur Tagesordnung überzugehen.

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