Song to Song

Man kann in einen Film von Terrence Malick treten und gerät ins Schweben. Aber was tun, wenn man einmal nicht abhebt?

Ich bin mir, vis-à-vis Terrence Malick, ein Rätsel. Ich könnte auch sagen, er oder seine Filme seien mir ein Rätsel, aber das stimmt nicht. Oder es stimmt erst einmal nicht. Mir scheint durchaus, dass ich sehe und verstehe, was das sehr Besondere seiner Filme ist – und noch nicht mal die Hater werden bestreiten, dass, ob man es mag oder nicht, die Machart und Form des jüngeren, immer rascher über uns kommenden Malick’schen Werks einigermaßen speziell ist.

Alles scheint unverbunden, alles bleibt allein

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An der Oberfläche ähnelt Song to Song den vorangegangenen Filmen, also Knight of Cups (2015) und To the Wonder (2012), die ich beide sehr gemocht habe. An der Oberfläche findet man dieselben luftigen, fast schwerelosen Bilder, vom einen zum anderen erfolgt stets ein schneller, unmarkierter, fast wie selbst um seine Löschung bemühter Schnitt (im Zentrum das „to“, nicht der „Song“), bevor sich zwischen den Menschen im Bild etwas geklärt und gesetzt hat. Sie sind in Bewegung, wie die Kamera in Bewegung ist, gerne nach oben. Sie tändeln, sie gehen mit federndem Schritt, sie umtanzen einander, sie treiben Schabernack miteinander, Malicks Idee von Liebe, und um Liebe geht es diesmal schon ganz besonders, hat zu tun mit einem Neuentdecken der Welt durch Körper, die einander begehren, nur dass diese Körper so seltsam leicht, so fast körperlos sind. Das ist eigen: ein körperloses Begehren, das schon Küsse enthält, irgendwie auch Sex, aber alles daran soll doch makellos sein, darum sind die Körper jung und schön, alles ist hell, die Sonne scheint in die Zimmer, und zwar liebt es Malick, nackte und halbnackte junge Frauen zu zeigen, jedoch weit geht es nicht. (Es gibt diesmal auch ältere Körper: Patti Smith und Iggy Pop hängen in Malicks Bildern herum. Aber es ist, als wüssten sie nicht recht, was sie hier tun. Die Gelegenheit, dass nämlich alles in der Musikszene spielt, und in Austin, hat sie irgendwie in Song to Song geraten lassen, Verbindung zum Film, zu den Figuren, nehmen sie nicht wirklich auf. Was nichts heißt, denn alles scheint unverbunden, wirkliche Verbindungen kann Malicks Stil einfach nicht stiften. Alles, was hier miteinander oder nebeneinander oder ohneeinander in Bewegung gerät, bleibt letztlich allein. Noch die schwereren, wirklicheren, aus realeren Realitäten in die Malickfantasie geratenen Körper von Patti Smith und Iggy Pop hängen in Song to Song in der Luft.)

Aus all den Berührungen folgt so wenig

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Die Form von Malicks Filmen stellt nichts frei, nichts heraus, sie will ein Gleiten, und dass dieses Gleiten ganz am anderen Ende zur Plansequenz liegt – nämlich in einer sanften, fast schmetterlingshaften Berührungsmontage – zeigt, dass Malick wenig daran interessiert ist, Wirklichkeiten zu zeigen, und sehr viel mehr daran, seine eigenen Wirklichkeiten zu schaffen. Seine Filme sind Fantasien, aber im sehr zarten Sinn. Gespinste, die ihren Stoff aus der Wirklichkeit ziehen, aber sie spinnen aus deren Stroh Gold. Mag auch Katzengold sein. Jedenfalls ist es ein gleitender Strom von Bildern, oder kein Strom, sondern ein Regen. Man geht durch einen Malick-Film wie durch einen warmen Sommerregen, in dem die Feuchtigkeit sofort auf der Haut trocknet. Malick-Filme machen nicht nass.

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Sie sind ein endloser Regen aus Bildern von schönen Menschen an schönen Orten zu schöner Musik, wobei „schön“ ja viel heißen kann, aber der Schönheitsbegriff von Malick ist sehr konventionell und auch sehr konventionell heterosexuell: Schöne Menschen sind Stars wie Rooney Mara, Natalie Portman, Michael Fassbender oder Ryan Gosling. Schöne Musik ist auch in Song to Song, obwohl der Film im Rockmusikmilieu spielt, mehrheitlich Klassik von Mahler oder Ravel oder Anähnelungen ans Klassische von Zbigniew Preisner. All das interagiert, wobei da mehr inter ist als agieren. Aus all den Berührungen folgt so wenig. Und das, obwohl ständig noch was dazukommt, leise, ein weiterer Regen, der nicht prasselt, sondern sich fast mehr als Geräusch denn mit Sinn ins Bewusstsein zu schmeicheln versucht: Stimmen, die etwas sagen, Gedanken, die Auskünfte geben zu nicht sichtbaren Innenwelten, von Gefühlen ist die Rede, ein Film, der dem Film auf der Haut liegt, fast nicht fürs Hinhören gemacht. Leider steckt aber doch Sinn in den Wörtern, Sinn in den Sätzen, und es ist daran nichts als Oberfläche auf Oberfläche zu finden, obwohl so oft Dinge gesagt sind, die tiefsinnig tun.

Manchmal bin ich verstimmt

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Nun also das Rätsel: Man kann in einen Malick-Film treten und gerät ins Schweben. Dann gleitet man mit, pfeift auf den Sinn, oder das meiste vom Sinn, oder macht sich weiter keine Gedanken, oder ist glücklich, dass auch Gedanken in seinen Filmen etwas Gleitendes haben. Man genießt dann die dummen Weisheiten, die banalen Schönheiten, die minimal music der von Schnitt zu Schnitt fliegenden Bilder, und auf eher magische Art wird aus dem Geflirre und Gewisper ein recht erhabenes Ding. So erging es mir in den beiden vorangegangenen Filmen, obwohl man auch da so manches ausblenden muss. Es ist schwer, hinterher für Malick zu argumentieren, denn alle, die das nur öde und reaktionär finden, haben natürlich nicht einfach nur unrecht. Ich tue dann meist, was man als an der Objektivierbarkeit des eigenen Empfindens und Urteilens hängender Mensch ungerne tut – ich ziehe mich auf die bloße Erfahrung zurück: Doch, die zwei Stunden waren sehr schön, ich bin selbst ein bisschen geschwebt. Wenn ich aber, wie diesmal, nicht ins Schweben gerate, sondern das Ganze selbst als öde empfinde, und auch als reaktionär, was es geschlechterpolitisch sowieso ist, was tue ich dann? Meiner eigenen Vorerfahrung nicht trauen? Wo finde ich Anhalt für die Differenz des Erlebens, wenn sich an den Oberflächen aus Oberflächen doch alles dem Anschein nach gleicht? Die ehrliche Antwort: Ich kann es nicht sagen. Malicks Filme spielen mich wie ein Instrument. Manchmal ist es toll, diesmal bin ich verstimmt.

Kathedralen aus Kitsch

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Denn hier wie da ist das alles doch Kitsch. Schönheit aus vorgefertigten Konventionen von Schönheit. Unkonventionell ist daran allerdings die Furchtlosigkeit, mit der sich einer, der doch offenbar weiß, was er tut – ob er es reflektiert, ist eine andere Frage –, Kathedralen aus Kitsch baut. Bilderkitsch, Körperkitsch, Musikkitsch, Sprachkitsch. Kitsch auf Kitsch getürmt, aber in der Summe kann das, manchmal, schweben und so das Material transzendieren, aus dem es gemacht ist. All das ist ja nicht schön, weil es konventionell schön ist, sondern weil das komplett Konventionalisierte an seinen Schönheiten hier anders ins Spiel gebracht wird. Es ist nicht die Schönheit selbst, die einen bezwingt, eher diese Furchtlosigkeit, mit der sie wider alle künstlerischen Abmachungen der Moderne noch einmal aufgeführt wird. Wenn aber Malick sein Zaubertrick nicht gelingt, wenn also diese Evidenz des eigenen Schwebens sich nicht einstellen will, dann sieht man nur Machart und Material und wendet fast beschämt, und zwar von seiner früheren Begeisterbarkeit, den Blick.

Fromme Filme? Kritische Filme?

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Und dann ist mir Malick doch auch ein Rätsel. Man weiß nicht nur, dass er die Vogelbeobachtung liebt. Auch seine Heideggerlektüren sind bekannt. Aber was will er mit seinen Filmgespinsten eigentlich sagen? Sind das wirklich, wonach es gerade auf der Sprachspur oft klingt, Absagen an die Welt, die er zeigt? Geht es in Song to Song, seinem Reigen der einander unglücklich verbundenen und sich verbindenden und unglücklich sich wieder trennenden Männer und Frauen, die Musik machen und verkaufen, darum zu zeigen, wie leer die Seelen derer sind, die hier im Malickbildertaumel agieren? Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Das Verhältnis der schweben wollenden Bilder aus Oberflächen des Kitschs zur Oberflächlickeit der in diesen Bildern aufgehobenen Menschen(körper) ist von Dialektik vollkommen frei, und würde man eine hineindenken, sie käme gänzlich von außen. Aber wie verhält es sich dann? Malicks Filme sind verdammt feierliche Veranstaltungen. Und ja, von Fall zu Fall ist das umwerfend schön. Aber warum feiern sie etwas, das nicht feierlich ist? Feiern sie das Leben an sich, das noch in seinen verfehltesten Formen des Feierns wert ist? Sind das fromme Filme? Sind das kritische Filme? Beides zugleich können sie beim besten Willen nicht sein. Als nächstes kommt Radegund, in Babelsberg gedreht, in der Hauptrolle August Diehl. Ein Film über einen katholischen Märtyrer im Widerstand gegen Hitler. Sankt Radegund heißt der Ort, aus dem dieser Franz Jägerstätter kam. Wird Malicks Frömmigkeit, wenn es tatsächlich eine ist, zuletzt doch affirmativ? Wie sieht das dann aus? Wer flüstert da wie? Oder wird es nur ein weiterer Schlüssel zum Werk, das nur leider kein Schloss hat?

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