We Want Sex

Mit seinem historischen, sozial engagierten Komödiendrama setzt Regisseur Nigel Cole den Arbeiterinnen der Ford-Werke von Dagenham, Essex und ihrem Kampf für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz ein großartiges Denkmal.

Im Jahre 1968 streikten die Näherinnen der Ford-Werke in Dagenham, Greater London, Essex. War ihr Ziel zunächst eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, kämpften sie alsbald für gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen. Historisch gilt dieser Arbeitskampf als Beginn des Prozesses, der 1970 zum Equal Pay Act führte – dem ersten Gleichbehandlungsgesetz Großbritanniens.

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Arbeitskampf aus sozialer Not, Studien des Alltags britischer Arbeiter im Film – das klingt regelmäßig nach ernstem, engagiertem Kino mit geringem Amüsierfaktor. Und regelmäßig schafft der britische Film hier den Gegenbeweis mit seinen working class -Komödien wie Mark Hermans Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten (Brassed Off, 1996), Peter Cattaneos Ganz oder gar nicht (The Full Monty, 1997) oder Sam Garbarskis Irina Palm (2007). Die Leistung dieser Filme ist, soziale Probleme und Not nicht voyeuristisch zu desavouieren, sondern Dramatisches mit Komischem so auszubalancieren, dass bei aller Problembeschreibung die Würde der Protagonisten nie dem Blickfeld entschwindet. So radelte die schon beängstigend gutgelaunt-quirlige Grundschullehrerin Poppy in Mike Leighs Happy-Go-Lucky (2008) gegen die sie umgebende existenzielle Traurigkeit an.

In Nigel Coles We Want Sex führt nun Leighs Hauptdarstellerin Sally Hawkins die Arbeiterinnen in den Kampf. Über den deutschen Verleihtitel mag man zunächst die Nase rümpfen (Originaltitel: Made in Dagenham), jedoch entspringt er direkt dem Film, oder genauer einem Transparent, das die streikenden Frauen beim Demonstrieren vor dem Arbeitsministerium entrollen: We want sex ist dort zu lesen und, nachdem es völlig entrollt ist: We want sexual equality.

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Der Film hat keinen Anspruch auf historische Korrektheit – das Drehbuch von William Ivory baut Figuren und Handlungen nach dramaturgischer Notwendigkeit um die historischen Ereignisse, in deren Mitte er die fiktive Näherin Rita O’Grady (Sally Hawkins) setzt. Unterstützt von einem mentorhaften Kollegen, dem gewerkschaftlich organisierten Albert (Bob Hoskins), fordert Rita für ihre Kolleginnen nicht nur eine Anerkennung ihrer Arbeitsqualifikation (bislang werden Näherinnen als „Ungelernte“ geführt und entsprechend schlecht bezahlt), sondern alsbald auch Lohngleichheit mit den Männern. Am Ende ziehen die Frauen in den Krieg. Und was anfangs belächelt wird, weitet sich für den Ford-Konzern wie auch für die Gewerkschaften zu einem Ärgernis aus.

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Bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit der Film verkrustete Haltungen darstellt – ohne moralisierend zu wirken: Streikende Frauen sind ein völliges Novum in der britischen Arbeitswelt der späten 1960er Jahre. Wenn diese dann auch noch vermeintlich völlig absurde Forderungen wie Lohngleichheit fordern, sind die meisten Männer überfordert – egal, welchem Lager sie angehören. Dabei ist es vor allem die Neuerungen scheuende Funktionärsebene der Gewerkschaft, die Ivory und Cole aufs Korn nehmen: Streikende Frauen torpedieren das altbewährte, eingefahrene Junktim zwischen Arbeitgebern und männlichen Arbeitnehmern. Als der Streik der Näherinnen – in Ermangelung von genähten Sitzbezügen – zur Schließung des Werkes in Dagenham führt, bauen Konzernleitung und Gewerkschaften darauf, dass die Ehemänner (sämtlich Ford-Arbeiter) ihre Frauen wieder zur Vernunft bringen. Waren bislang Arbeiterfrauen zur Solidarität mit ihren streikenden Männern berufen, nehmen sie nun Gleiches ihrerseits in Anspruch – ohne Erfolg, denn schließlich sei das etwas anderes – wie Ritas Ehemann Eddie (Daniel Mays) feststellt.

Doch die Frauen fügen sich nicht und streiken öffentlichkeitswirksam weiter. Als sich der Streik über Dagenham ausweitet und zum Medienereignis wird, sieht sich auch die Labour-Regierung von Premier Harold Wilson (John Sessions) in der Zwickmühle, droht doch Ford mit der Schließung aller britischen Werke, sofern man nicht Herr über die streikenden Frauen werde.

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Es ist der hörbare Zusammenbruch des Selbstverständnisses dieser bis dahin männerdominierten Welt, der – ähnlich wie Aristophanes’ „Lysistrata“ – hier die Komödie antreibt. Flankiert wird dies durch erstklassige Darstellerleistungen, allen voran Sally Hawkins’, deren Rita einen unaufhaltsamen Elan für die Sache entwickelt. Der ist auch nötig, um die Frauen zu motivieren und zu organisieren. Der Preis dafür sind Schäden im Privaten, etwa wenn sie sich mit ihrem Mann Eddie entfremdet. Dennoch bleibt Rita trotz aller Kraft spürbar verletzlich, wodurch Hawkins über weite Strecken eine beeindruckende Mehrschichtigkeit gelingt. An ihrer Seite gibt Bob Hoskins überzeugend den grundguten, aber gewitzten Taktierer und väterlichen Freund, der seinerseits gegen die verkrusteten Strukturen einer selbstherrlichen Gewerkschaftsaristokratie rebelliert.

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Als der Funke des Enthusiasmus so weit springt, dass sich selbst Oberklassendame Lisa (Rosamund Pike), die Ehefrau des lokalen Ford-Bosses, darauf besinnt, von ihrem Ehemann häuslich unterdrückt zu sein und sich über Klassengrenzen hinweg fortan mit Rita solidarisiert, driftet der Film ein wenig in typische Komödienmuster ab. Was aber am Ende nicht schadet, sondern eine spürbare Euphorie vermittelt.

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Und wenn sich die Erste Staatssekretärin und Ministerin für Arbeit und Produktivität, die legendäre Barbara Castle (Miranda Richardson)– auch „die feurige Rote“ genannt – enthusiasmiert hinter die Frauen stellt und auf diese Weise plötzlich Frauenpolitik betreibt, dann kommt das schließlich einem Triumph der Streikenden gleich. Triumphal inszeniert Cole dieses Finale auch, wodurch We Want Sex unnötigerweise einen pathetischen, eigentümlich amerikanischen Duktus bekommt. Doch diese kleine Schwäche der Komödie währt zu kurz, um den Gesamteindruck nachhaltig zu beeinträchtigen – denn neben der vermittelten Euphorie, für eine gute Sache einzustehen, ist der Film vor allem auch durch die Bilder von John de Borman sowie den passend kompilierten Soundtrack ein buntes und stimmiges Bild der letzten Jahre der „Swinging Sixties“.  Ein engagiertes Werk, das – aller Sozialproblematik zum Trotz – einfach Spaß macht.

Trailer zu „We Want Sex“


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