We Need to Talk About Kevin

Wenn Mutter und Sohn sich hassen. Mit visueller Extravaganz und Versatzstücken des Horrorfilms versucht Lynne Ramsay ein Familienmelodram zu umschiffen.

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Der Kanadier Xavier Dolan erzählte in seinem Spielfilmdebüt I Killed My Mother (J'ai tué ma mère, 2009) von einem schwierigen Familienverhältnis. Der junge Protagonist und seine Mutter schaffen es nur über lautstarke und beleidigende Streitigkeiten zu kommunizieren. Wenn es dann mal zu einem kurzen, zärtlichen Moment kommt, wird dieser schnell von einer verletzenden Bemerkung zunichte gemacht. Eine herkömmliche Mutter-Sohn-Beziehung ist das nicht, aber doch vergleichsweise harmlos zu dem, was uns Lynne Ramsay in We Need to Talk About Kevin präsentiert.

Die gegenseitige Ablehnung zwischen Eva (Tilda Swinton) und ihrem Sohn Kevin (Ezra Miller) sitzt tief. Schon während der Schwangerschaft gelingt es Eva nicht, sich so richtig über ihren Nachwuchs zu freuen. Bei der Geburt fühlt sie sich, als würde man ihr ein Geschwür entfernen, und je älter Kevin wird, desto feindseliger und bösartiger wird er auch seiner Mutter gegenüber.

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Dieser Junge scheint das reine Böse zu sein, ein wenig wie Damien in Das Omen (The Omen, 1976). Während er dem naiven Vater (John C. Reilly) den perfekten Sohn vorspielt, lässt er keine Gelegenheit aus, Eva zu demütigen. Die Narbe, die sie ihm in einer Kurzschlussreaktion zugeführt hat, wird für den Jungen dabei zum wirkungsvollen Druckmittel. Und mit den Jahren häufen sich auch seltsame Unfälle: Ein Haustier kommt zu Schaden, die kleine Schwester verliert ein Auge, und die wirkliche Tragödie steht erst noch bevor.

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Man könnte diese Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman von Lionel Shriver basiert, nun als sozialrealistisches Familiendrama erzählen. Doch Ramsay setzt alles daran, genau das nicht zu tun. Zunächst einmal bricht sie mit der linearen Erzählweise. In einem Durcheinander aus verschiedenen Zeitebenen muss man sich als Zuschauer erst einmal zurechtfinden. Szenenfragmente zeigen die Nacht, in der Kevin gezeugt wurde, wie sich Eva auf der Tomatina, einer alljährlich im spanischen Buñol veranstalteten Tomatenschlacht, rauschhaft in der Menge verliert oder sie nach einem offenbar traumatischen Erlebnis von Passanten attackiert wird. Seinen Schwerpunkt findet der Film aber dann doch in der chronologischen Schilderung einer gescheiterten Beziehung.

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Bereits in ihren ersten beiden Filmen, Ratcatcher (1999) und Movern Callar (2002), widmete sich die Schottin Ramsay den emotionalen Zwangslagen ihrer Figuren mit einem visuell ausschweifenden Stil. Diese starke Ästhetisierung ist gleichermaßen Segen und Fluch ihres neuen Films. Die Spielereien mit Tiefenschärfe und Zeitlupe, der leitmotivische Einsatz der Farbe Rot oder die sorgfältig komponierten Bilder treiben We Need to Talk About Kevin zwar einerseits den Charakter eines Problemfilms aus, drängen sich aber auch etwas zu selbstgefällig in den Vordergrund. Welche Haltung Ramsay dagegen zu ihren Figuren einnimmt, bleibt lange im Ungewissen. Eva bewegt sich immer wieder am Rande zur Karikatur, ihre skurrile amerikanische Vorstadtwelt scheint direkt den Filmen von Todd Solondz oder denen der Coen-Brüder entsprungen zu sein. Die ironisch eingesetzten Country-Songs haben noch eine zusätzlich distanzierende Wirkung.

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Obwohl Ramsay immer wieder Versatzstücke aus dem Horrorkino verarbeitet und Kevin als kleinen Satan inszeniert, widersetzt sich der Film letztlich dieser einfachen Lesart. Die Spannung von We Need to Talk About Kevin speist sich lange aus der Unklarheit, ob der Junge nun das personifizierte Böse ist oder Eva ihm vielleicht doch etwas zu konsequent die Liebe verweigert hat. Zahlreiche Konflikte und ein Amoklauf später zeichnet sich schließlich so etwas wie eine Erklärung ab. Das Familienmelodram, das Ramsay so lange ausgesperrt hat, klopft nun vehement an die Tür. Immerhin lässt sie es nicht herein. 

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