We Feed The World

Regisseur Erwin Wagenhofer geht in seiner Dokumentation unter anderem der Frage nach, woher die Billigtomaten aus unseren Supermärkten kommen und behandelt dabei die weit reichenden Folgen industrialisierter Landwirtschaft.

We Feed The World

We Feed The World beginnt mit Bildern von riesigen Brotbergen, die in Wien täglich auf dem Müll landen. Die Menge an täglich entsorgten und durchaus noch genießbaren Backwaren ist derart groß, dass man die gesamte Bevölkerung der Stadt Graz damit ernähren könnte. Regisseur Erwin Wagenhofer nimmt diesen Überfluss an Nahrungsmitteln als Einstieg für seine systematische Offenlegung der Nachteile einer zunehmend industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft. Ausgehend von Wien verschlägt es Wagenhofer an die Produktionsstätten von in Österreich verkaufter Billigware wie Tomaten aus Spanien, Getreide aus Brasilien oder Fisch aus Frankreich. Dabei geht es ihm vor allem um die nicht zu unterschätzenden globalen Folgen, die durch den Konkurrenzkampf europäischer Lebensmittelkonzerne um den niedrigsten Verkaufspreis entstehen, sowie um das daraus resultierende, immer größer werdende Gefälle zwischen dem Überfluss der westlichen Welt und der Hungersnot in ärmeren Ländern.

Wagenhofer deckt in seiner Dokumentation die Mechanismen ausschließlich kapitalorientierter Konzerne auf und verfolgt damit ein ähnlich ambitioniertes Ziel wie erst kürzlich der Film Darwin’s Nightmare (2004). In Kapiteln mit scheinbar absurden Zwischentiteln wie „Warum unsere Hühner den Regenwald auffressen“ wird mithilfe eines fachkundigen Gesprächspartners jeweils ein bestimmter Standort und die dort produzierte Ware in den Mittelpunkt gestellt, wodurch im Laufe dieser kritischen Betrachtung auch der kausale Zusammenhang des Titels verständlich wird. So erfährt man etwa, welch verheerende Folgen das für österreichische Hühner im brasilianischen Regenwald angebaute Saatgut für die dortige Natur und Bevölkerung mit sich bringt. Im Grunde genommen zeigt jedes Kapitel auf unterschiedliche Weise, wie durch die zunehmende Industrialisierung einzelner Nahrungsmittelzweige nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze zerstört werden, sondern auch die Qualität der Ware drastisch abnimmt.

We Feed The World

Diesem weltverbessererischen und moralischen Ansatz zum Trotz ist We Feed The World weit entfernt von agitatorischen Dokus wie den Filmen von Michael Moore. Das liegt vor allem daran, dass Wagenhofer dem Zuschauer weitaus mehr zutraut und man sich ganz ohne anklagenden Off-Kommentar, emotionalisierende Musik oder allzu starke Vereinfachungen selbst ein Bild der Lage machen kann. Dabei sollte jedoch nicht die manipulative Wirkung selektierter und aneinander gereihter Bilder und Texte unterschätzt werden. So wird dem Zuschauer beispielsweise durch mehrmalige Wiederholung indoktriniert, dass Lebensmittel aus biologischer Produktion schlichtweg besser sind als industriell gefertigte Ware. Die Neutralität Wagenhofers bei der Behandlung seiner aus unterschiedlichen Bereichen stammenden Gesprächspartner wird zudem gebrochen, indem die Äußerungen des UN-Sonderberichterstatters Jean Ziegler keinem bestimmten Kapitel zugeordnet sind, sondern sich wie eine höhere Wahrheit durch den gesamten Film ziehen. Wenn dieser behauptet, dass wegen genügender Ressourcen der Weltlandwirtschaft jedes an Hunger sterbende Kind ermordet wird, greift der Film genau jene Polemik auf, die er sonst weitgehend vermeidet. Dass Aussagen wie diese den Film immer noch nicht in die Nähe Moorescher Meinungsbildung rücken, liegt neben seiner subtileren Vorgehensweise vor allem auch daran, dass die Bilder nicht nur Mittel zum Zweck sind, sondern auch eine autonome ästhetische Qualität besitzen. Sorgfältig komponierte Totalen scheinbar endlos aneinander gereihter Gewächshäuser und unüberschaubarer Massen an Tomaten dienen nicht nur als visuelle Ergänzung des Gesagten, sondern gönnen dem Zuschauer auch eine Verschnaufpause inmitten zahlreicher Fakten.

We Feed The World

Wagenhofer beklagte sich in einem Interview neben dem mangelnden Kaufbewusstsein des durchschnittlichen Konsumenten auch über die häufiger anzutreffende Reaktion von Zuschauern, die von den im Film thematisierten globalen Konsequenzen unberührt blieben, sich aber über die nur kurz gezeigte schlechte Haltung von Hühnern erzürnten. Wagenhofer selbst ist an dieser Reaktion allerdings auch mit verantwortlich. Sicher hätten Bilder verhungerter Menschen zu sehr auf die Betroffenheit des Publikums abgezielt, jedoch ist die einzige Visualisierung des Hungers eine brasilianische Familie, die ihre Situation relativ souverän meistert. Da verwundert es nicht, dass das sichtbare Leid eines kleinen Kükens mehr berührt, als das unsichtbare Leid vieler Menschen.

Als dickes Ausrufezeichen stellt Wagenhofer an den Schluss von We Feed The World ein Gespräch mit Peter Brabeck, dem Chef des Nestlé-Konzerns. Wie bei seinen anderen Interviewpartnern begeht der Regisseur nicht den Fehler Brabeck vorzuführen, sondern lässt ihn einfach seinen Standpunkt vertreten, auch wenn dieser sicher für viele Menschen schwer nachzuvollziehen ist. Ganz abrupt bricht der Film während diesem Gespräch dann auch ab und lässt so manchen Zuschauer mit einem schlechten Gewissen zurück.

 

Kommentare


Robin Avram

Die Aussagen Jean Zieglers, etwa dass jedes Kind, das verhungert, ermordet wird, weil die weltweiten Ressourcen ausreichen, um nicht 6 Milliarden, sondern gar 12 Milliarden Menschen zu ernähren, mögen zwar polemisch angelegt sein - basieren jedoch allesamt auf Fakten. Zudem sorgen sie eben auch für eine emotionale Rührung, die nötig ist, um die Einprägsamkeit des Filmes zu steigern. Michael Moore ständig als negatives Beispiel heranzuziehen, ist m.E. auch ein wenig daneben, schließlich profitieren Filme wie "We feed the world" erheblich davon, dass Moore das Genre des politischen Dokumentarfilms so popularisiert hat. Und überhaupt: Bei all der reichlich verkopften Moore-Kritik, die in den Feuilletons so betrieben wurde und wird, habe ich mich stets gefragt, ob sich die Autoren in ihrer elitären Pose niemals die Frage stellen, ob sie nicht dazu beitragen, das Kind mit dem Bade auszuschütten - denn Vereinfachung und Zuspitzung hin oder her, die Botschaften seiner Filme sind richtig und wichtig. Sie verlieren aber einiges an Glaubhaftigkeit, wenn Moore ständig als "dumpfer Polemisierer" abgekanzelt wird.


Dirk

Ich war sehr enttäuscht über den Film. Das Geld hätte ich mir sparen können. Für jemanden der sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzen will, ist dieser Film meiner Ansicht nach nicht geeignet. Gute Idee, aber schlechte Ausführung!


Timo Bandhold

Es ist sehr gelungen, wie Wagenhofer einzelne Fäden des Themas aufgreift und später miteinander verknüpft. Viele der einzelnen genannten Fakten waren mir neu, obgleich ich mir die Gesamtzusammenhänge ähnlich vorgestellt hatte. Traurig nur, daß Filme wie dieser wohl nicht so sehr von Menschen gesehen werden, die sich keinen Kopf um Nahrungsmittelproduktion machen. Für mich war dieser Film interessant, hat aber in mir nichts verändert. Er hat mir die Richtigkeit meines Konsum- und Ernährungsverhaltens bestätigt: Ich bin Veganer, kaufe hauptsächlich Produkte aus der Region, bevorzuge Bio-Produkte und boykottiere seit etwa 10 Jahren Nestlé u.ä. Dabei gebe ich für Nahrungsmittel nicht mehr Geld aus, als "herkömmliche" Konsumenten, denn ich bevorzuge weitestgehend unbearbeitete Lebensmittel, welche billiger sind als sogenannte "veredelte" Waren. Die Versorgung meines Körpers mit Vitaminen und Mineralstoffen hat sich deutlich verbessert, seitdem ich vegan lebe. Ich koche täglich, weiß, was in meinem Essen drin ist, und es schmeckt deutlich besser als alles, was an Fertiggerichten auf dem Markt ist. Seitdem ich vegan lebe, ist mein ehemals übergroßer Kehlkopf wieder abgeschwollen, ich habe so gut wie keine Erkältungen mehr u.v.m.
Danke diesem Film: Ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg und werde so weitermachen.


orangefx

super kritik


Kommentator

Von Welt kann nun gar nicht die Rede sein. Es werden ein paar Produktionsprozesse der Lebensmittelherstellung gezeigt. Die in keinerlei Zusammenhang stehen.

Zuerst regt sich der Autor über die unnötig produzierten Brotmengen Wiens auf, wie mit diesen allerdings weiter verfahren wird bleibt - wie so vieles - offen.
Dann wird kurz die energetische Verwertung von Mais und Getreide angeprangert, ohne zu erwähnen, dass dies auch oft auf Flächen geschieht, die vorher von der EU subventioniert brach lagen.
16 Minuten werden der Fischerei gewidmet. Quintessenz ist, dass Küsten nah gefangener Fisch frischer und Qualitativ besser ist als Fisch aus der Hochseefischerei. Welch Einsicht!
Anschließend wird auf den Tomatenanbau im spanischen Almeria beleuchtet.
Weiter geht’s nach 15 Minuten mit der rumänischen Landwirtschaft. Hier versucht ein Mitarbeiter eines Saatgut-Herstellers dadurch Absolution zu erhalten, dass er die Verwendung von Hybridsaatgut, welches sein Arbeitgeber vertreibt, verteufelt und dass von rumänischen Bauern selbst gewonnene Saatgut in den Himmel lobt. Wenn dass so schlimm wäre, hätte er schon längst den Job wechseln müssen, um sich morgens noch im Spiegel betrachten zu können.
Weitere 13 Minuten werden der Abholzung des brasilianischen Regenwaldes zum Soja-Anbau gewidmet.
Der letzte große Block zeigt 16 Minuten lang die Aufzucht und Schlachtung von Hühnern. (Gibt's auch als SPIEGEL-TV-Reportage).
Zum Schluss kommt nochmals Jean Ziegler (UN Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung) zu Wort.
Zu Guter letzt gibt auch noch Peter Brabeck seinen Kommentar ab. Um Kund zu tun für wie viele Mitarbeiter, insbesondere, wenn man die Zulieferbetriebe mit berücksichtigt, er als Nestlé-Konzernchef doch Verantwortung hat.

Wenig Kommentare; einiges mit Untertiteln, leider nicht bei den österreichischen Beiträgen ;-)))))






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