We Can’t Go Home Again

In einem kleinen Verlag in Tokyo kreuzen sich die Wege mehrerer junger Japaner. Fujiwara Toshis Debütspielfilm greift auf fast vergessene Kinotraditionen zurück und verpflanzt sie erfolgreich in das moderne Japan.

We Can’t Go Home Again

Nicht alle jungen Japaner sind cool, nicht alle tragen hippe Kleider und Frisuren, telephonieren mit den neusten Handys oder hören stets die angesagtesten Bands. Manche schauen sich lieber alte europäische Kunstfilme an, tragen Godzilla-T-Shirts oder fertigen Polaroid-Fotografien von sich selbst an. Diese anderen Japaner sind das Thema eines äußerst ungewöhnlichen Werkes, das einem Japan jenseits der Hightech-Klischees auf der Spur zu sein scheint, sich aber mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher selbst dekonstruiert.

„In memoriam Nicholas Ray and Jean Renoir“ - mit dieser Widmung endet das Spielfilmdebüt des ehemaligen Kritikers und Dokumentarfilmers Fujiwara Toshi. Durch die Erwähnung dieser beider Cineastenlieblinge par Excellence scheint sich der junge Regisseur hochgradig des Größenwahns verdächtig zu machen, vor allem, da der Titel des Films We Can’t Go Home Again (Bokura wa mo kaerenai) direkt auf Rays unvollendetes gleichnamiges Opus Magnus verweist. In den siebziger Jahren arbeitete der amerikanische Regisseur, Zeit seines Lebens vor allem von der französischen Filmkritik fast kultisch verehrt, zusammen mit Studenten an einem Werk im Cinema-Verité-Stil, dessen endgültige Fassung nie das Licht der Welt erblickte. Fujiwara versucht sich 30 Jahre später an einem ähnlichen Projekt, seine Version von We Can’t Go Home Again verzichtet auf ein Drehbuch und arbeitet ebenfalls mit Laienschauspielern, die Handlung entstand größtenteils durch Improvisation. Das Ergebnis dieses Experiments ist glüklicherweise mehr als eine angestrengte Hommage an Nicholas Ray oder das Cinema Verité. Fujiwara gelingt es, Filmtechniken, die im modernen Kino kaum noch eine Rolle spielen, mit Hilfe eines phantastischen Ensembles wiederzubeleben.

We Can’t Go Home Again

We Can’t Go Home Again erzählt mehrere Episoden aus dem Leben junger Menschen in Tokyo. Die junge Mao (Torii Mao) ist Filmstudentin und arbeitet in einem Verlag für Filmbücher. Sie möchte ein Buch über Schauspieler schreiben und trifft sich dafür mit einem Kritiker (gespielt vom Regisseur selbst), während ihr Arbeitskollege Yushin (Katori Yushin) von einer Karriere als Filmemacher träumt. Kurumi (Takasawa Kurumi) arbeitet als Domina in einem S/M Club und lernt den zurückhaltenden Studenten Masato (Dougase Masato) kennen. Die verschiedenen Erzählstränge finden immer wieder punktuell zusammen, driften aber genauso schell wieder auseinander.

Fujiwaras Film zeichnet sich vor allem durch eine ungewöhnliche erzählerische Struktur aus. Keine der Episoden genießt besondere Priorität, die Aufmerksamkeit der Regie scheint sich fast willkürlich mal dieser, mal jener Person zuzuwenden. Manche Figuren verschwinden wie aus heiterem Himmel aus der Handlung, andere, die vorher kaum eine Rolle zu spielen schienen, rücken urplötzlich in den Mittelpunkt. Vor allem jeoch verweigert sich Fujiwara jedes moralischen Blicks auf seine Schauspieler, die sich zumindest teilweise selbst spielen, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie in der Filmhandlung ihre eigenen Namen tragen. Der junge Yushin etwa, der seine Freundin (Fujiwara Tamaki) demütigt, wird für dieses Verhalten nicht bestraft. Im Gegenteil, erst nach der Trennung von ihr rückt er in den Mittelpunkt der Handlung und verwirklicht sein erstes eigenes Filmprojekt. We Can’t Go Home Again ist kein Bildungsroman und auch kein umfassendes Panorama des urbanen Japans.

We Can’t Go Home Again

Vielmehr erinnert Fujiwaras Film an einige der herausragenden Kinoexperimente der sechziger und siebziger Jahre. An Paul Morrisseys und Andy Warhols Flesh-Trilogie etwa (1968-1972), in welcher Joe Dallesandro New York unsicher macht oder an Jacques Rivettes monumentales Out 1 (1971), ein ebenfalls auf Improvisation beruhender, in der längsten Schnittfassung über 12 Stunden langer Mysterythriller. We Can’t Go Home Again entzieht sich, wenn auch auf subtilere Weise als obige Werke, gängigen filmischen Strukturen und legt diese dadurch in ihrer Konstruiertheit bloß. Anfangs mag manche erzählerische Volte prätentiös erscheinen, vor allem die zahlreichen Bezugnahmen auf die Filmgeschichte, doch sobald Fujiwaras ungewöhnliche Arbeit Fahrt aufnimmt, erweist sich das ungewöhnliche Strukturprinzip als äußerst effektiv.

Unterstützt wird dies durch den Soundtrack, für den Simon Stockhausen und die Band Craft verantwortlich zeichnen. Ebenso wie die einzelnen Episoden der Handlung ist die Tonspur nie richtig zu fassen, ständig im Wandel begriffen, oszilliert zwischen Hip-Hop Beats, elektronisch verzerrten Stimmen und Synthesizerklängen. Und doch drängt sich manchmal eine einzige, einfache Melodie in den Vordergrund, für einen kurzen Moment ist sie der Mittelpunkt des Universums. Danach hat sich nicht viel verändert. Oder alles.

 

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