We Are Your Friends

„House Music for Dummies“. Ein junger DJ erforscht in diesem prolligem Komplementärstück zu Mia Hansen-Løves Eden die Anatomie einer guten Party.

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Es ist ein komischer Zufall, dass nur wenige Monate nach Mia Hansen-Løves Eden (2014) ein Film über elektronische Musik und Clubkultur in die Kinos kommt, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Der Kontrast zeigt sich sehr anschaulich an einer fast identischen Szene, in der der Held – beide Male ein junger Mann, der es in der House-Szene zu etwas bringen will – vor seinem Computer an einem Track feilt. Während Hansen-Løves melancholischer Protagonist eine Typologie der Bassdrum erstellt (und sich dabei ganz nebenbei die Komplexität der immer noch in einigen Kreisen belächelten Musikrichtung offenbart), baut Sonnyboy Cole (Zac Efron) im Schnellverfahren eine Trance-Nummer für die Großraumdisco zusammen. Nicht nur die Zeiten haben sich geändert, sondern auch das Milieu. Die Subkultur ist längst zu einem Massenphänomen geworden und das Dasein als DJ zu einer ernsthaft zu erwägenden Zukunftsperspektive. Besonders im San Fernando Valley, wo die Traumfabrik Hollywood zwar nur eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt ist, der glamouröse Lebensstil, den man damit in Verbindung bringt, für Cole und seine Freunde aber unerreichbar scheint.

Unverstellter Hedonismus

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Mit We Are Your Friends erzählt Regisseur Max Joseph eine Aufstiegsgeschichte aus dem Baukasten. Cole muss im weiteren Verlauf nicht nur seine Karriere vorantreiben und seinen Platz finden zwischen den alten, eher einfach gestrickten Kumpels und dem falschen Schein, der den abgewrackten Star-DJ James (Wes Bentley) umgibt, er entdeckt auch die Liebe zu James’ Freundin Sophie (Emily Ratajkowski, der man die ganze Zeit auf die dicke Oberlippe starren muss und sich fragt, ob das nun eine Laune der Natur ist oder das Resultat eines chirurgischen Eingriffs). Die Hingabe zur Musik spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es dem Film darum, das Lebensgefühl von Menschen um die 20 auszudrücken, besonders von denen, die sich für keinen der klassischen Karrierewege entschieden haben. Cole wirkt sympathisch, weil er nichts als den naiven Wunsch hegt, berühmt zu sein. Was ihn zunächst antreibt, ist ein unverstellter Hedonismus, der vor allem Freidrinks, Drogen und Mädels meint (und damit lauter Beweggründe, bei denen Hansen-Løves Held wohl die Nase gerümpft hätte). Wenn Mentor James dazwischen dann doch mal über Musik spricht und faselt, dass sie wahrhaftig und authentisch klingen müsse – was dann nur durch ein hörbar menschliches Element wie Sophies Gesang möglich wird –, dann kocht der Film genau die Vorurteile auf, mit der sich die elektronische Musik seit ihrer Entstehung konfrontiert sieht. Doch das etwas konservative Musikverständnis spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Denn eigentlich steckt in diesen Momenten das Kernthema des Films: Finde dich selbst und mach dein eigenes Ding!

Ein makelloser Jedermann

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So ökonomisch We Are Your Friends aufgebaut ist, so plausibel wirkt es auch, dass er an so etwas wie ein Erfolgsrezept glaubt. Das schlägt sich schon in Coles mathematischem und biologischem Zugang zur Musik nieder, der wie das Resultat eines „House Music for Dummies“-Buchs wirkt. Eine Poolparty-Szene übernimmt dabei die Funktion eines Tutorials, wie man die Crowd am besten zum Schwitzen bringt. Entscheidend ist dabei vor allem, dass sich die Musik langsam den 128 Schlägen pro Minute nähert, also jenem Rhythmus, der der Frequenz des menschlichen Herzens am nächsten kommt. Immer wieder beherrschen dazu Slogans in fetten Lettern die Leinwand („If you’re a DJ, all you need is a laptop, some talent and one track“). Statt die Musik zu etwas Magischem und Ungreifbarem zu stilisieren, nähert sich Joseph vereinfacht und klar der Anatomie einer guten Party – und wird dabei, dem egalitären Geist des Films entsprechend, wohl auch bei einigen Zuschauern das Interesse wecken, es Cole gleichzutun.

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Joseph Beuys hatte also doch recht: Jeder ist ein Künstler – oder zumindest jeder, der genug Ehrgeiz und Vertrauen in den amerikanischen Traum hat. Und wer könnte das besser verkörpern als ein makelloser Jedermann wie Zac Efron, der die ideale Projektionsfläche für ein möglichst breites Publikum bietet. Wenn er während des Finales vor einer Menschenmenge steht, um ein Set zu spielen, das wirklich von Herzen kommt, ist das so cheesy wie berührend. Zusammengestellt aus Samples, die er mit dem Smartphone aus seiner Umgebung aufgenommen hat, gelingt ihm ein Track, der das zunächst vermutete konservative Musikverständnis dann vielleicht doch wieder auf den Kopf stellt: Auch mit Maschinen kann man Musik machen, die etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat; die nicht nur zeigt, wo man herkommt, sondern auch, wo man hinwill. Bei der Hookline handelt es sich nicht zufällig um die Frage eines Freundes, den Cole an die Drogen verloren hat: „Are we ever going to be better than this?“ Das ist schon ein besonderer Moment, in dem beruflicher Ehrgeiz und Feierkultur wie selbstverständlich miteinander verschmelzen.

Trailer zu „We Are Your Friends“


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