Water

Die in Kanada lebende Inderin Deepa Mehta schildert in Water die schonungslose Geschichte hinduistischer Witwen. Ausgegrenzt und geächtet fristen sie bis heute ein trauriges Dasein am Rande der Gesellschaft.

Water

„Bollywood macht glücklich!“ verspricht ein deutscher Filmverleih und tatsächlich erlebte der indische Unterhaltungsfilm in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Boom in Europa. Die abenteuerliche Mischung aus Herzschmerz, Kitsch, Spannung, Gesangs- und Tanzeinlagen begeistert ein breites Publikum. Doch während der Bollywood-Film Erfolge feierte, werden indische Filme, welche ernstere Themen ansprechen, jenseits der Filmfestivals kaum vorgeführt. Neben Mira Nair gehört Deepa Mehta zu den im englischsprachigen Ausland lebenden indischen Regisseurinnen, deren Filme anspruchsvollere und vor allem kontroversere Themen behandeln. Damit folgt sie den Spuren von Satyajit Ray, einem der bedeutendsten Regisseure Indiens. Stark vom italienischen Neorealismus beeinflusst, standen in seinen humanistisch geprägten Filmen wie Pather Panchali (1955) oder Apurs Welt (Apur Sansar, 1959) gesellschaftliche Außenseiter, Kinder und Frauen im Zentrum.

Deepa Mehta knüpft ganz an diese Tradition an. Bereits in den ersten beiden Teilen der Elemente-Trilogie widmete sie sich Geschichten mit sozialer und politischer Sprengkraft. In Fire (1996) steht eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen im Mittelpunkt und Earth (1998) thematisiert die angespannte Situation zwischen Hindus und Moslems. Die permanenten Konflikte zwischen Mehta und ultra-konservativen Kreisen eskalierten schließlich im Jahr 2000 in der Zerstörung der Sets zu Water. Erst vier Jahre später konnten die Dreharbeiten unter größter Geheimhaltung in Sri Lanka fortgesetzt werden.

Water

Vor dem Hintergrund Mahatma Gandhis Aufstieg zur Macht schildert Mehta in Water das tragische Leben der hinduistischen Witwen. Nach alten religiösen Traditionen stirbt mit dem Tod des Mannes auch die ‚halbe’ Frau. Sie verliert ihre soziale Existenz und muss von nun an sowohl für ihre als auch für die Sünden des Ehemannes sühnen. Mit besonderer Verachtung werden dabei junge Witwen gestraft. Sie stellen für Männer eine zu große Versuchung dar und könnten so das Karma ihres verstorbenen Gatten nachträglich beschmutzen.

Das Schicksal der Witwen wird in Water anhand drei unterschiedlicher Frauen illustriert: die achtjährige Chuyia (Sarala), die ruhige Kalyani (Lisa Ray), welche von der Leiterin des Hauses gezwungen wird, sich zu prostituieren, und die sich ihrem Schicksal ergebene Shakuntala (Seema Biswas).

In den ersten Minuten lässt der Film Schlimmes befürchten: traumhafte Landschaften und eine prächtige Farbenpalette wie aus einem Reisekatalog - zum Ethnokitsch ist es von da nicht mehr weit. Doch dann betritt Chuyia das Haus der Witwen und sieht alte Frauen, alle kahlrasiert und mit eingefallenen Gesichtern. Das hin und her zwischen kitschigen Bildern und Motiven aus dem Bereich des sozialen Realismus geben Water eine kunstvolle Spannung und heben ihn wohltuend von einem thematisch ähnlich angesiedelten Film wie Gandhi (1982) ab.

Water

Gerade im Vergleich zu Gandhi treten die Stärken von Water deutlich hervor. Beide Filme zeichnen sich durch eine aufwändige Produktion aus, es wird großer Wert auf historische Exaktheit gelegt und die Inszenierung folgt den klassischen Dramaturgie- und Kontinuitätsregeln. Im Gegensatz zu Gandhi, der sich auf die Nacherzählung historischer Fakten beschränkt, tritt unter dieser Oberfläche in Methas Film geballte Kritik hervor und die Missstände werden schonungslos aufgezeigt. Zwangsprostitution, Pädophilie, soziale Ausgrenzung von Frauen und das Verharren in alten Denkmustern prangert die Regisseurin offen an und macht deutlich, dass diese Probleme in Indien nach wie vor ungelöst sind.

Mehtas Wahl, die Geschichte ins Jahr 1938 zu verlegen, erweist sich dabei als ein ausgesprochen geschickter Schachzug. Gandhi ging es schließlich nicht nur um den Kampf gegen die englische Kolonialherrschaft. Sein Ziel war gleichzeitig eine gesellschaftliche Erneuerung, ein Aufbruch auf politischer wie sozialer und religiöser Ebene. Im Film verkörpert der junge Rechtsanwalt und Gandhi-Anhänger Narayan (John Abraham) die moderne und aufgeklärte Position. Der Kampf zwischen einer kritisch hinterfragenden und einer an Traditionen orientierten Sichtweise bildet den Rahmen innerhalb dessen sich der Film bewegt. Dass dieser Konflikt nach wie vor in Indien vorhanden ist, zeigen die Proteste gegen Water. Der Film schlug so große Wellen, dass er aus Angst vor Anschlägen fundamentalistischer Hindus bislang nicht in indischen Kinos vorgeführt wurde.

 

Kommentare


Christian

18 Minuten Länge? Der kam mir aber deutlich länger vor, der Film ;-)


Rochus Wolff

Ups... Danke, der Fehler ist korrigiert!


Stephanie H

Der Film versagt bei der Darstellung des Kindes. Statt die Darstellung auf kindlich-naive, teilweise verletzende Ehrlichkeit zu beschränken ("Wie sehe ich aus?" "Alt."), wird ein übertrieben vorlautes, freches Mädchen gezeigt, das im damaligen Indien nicht überlebt hätte.

Die Wahl der westlichen Schauspielerin als Kalyani folgt zwar dem Trend zu westlichem Aussehen, der auch in Indien selbst regiert, ist meines Erachtens jedoch nicht unbedingt die beste.

Die die indische Gesellschaft bis zum heutigen Tag in vielen Schichten und in Abhängigkeit von den Bundesstaaten prägenden Nebenproblematiken, wie zum Beispiel "arranged marriages", werden ausgesprochen "flach" und zu oberflächlich dargestellt.

Gelungen fand ich hingegen die Darstellung der Frau, die zum Schluss des Films das Kind an den Bahnhof mitnahm und auch dass der Film nicht realitätsfremd seinen Schluss in einem Happy End fand.






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