Waste Land

Waste Land nimmt uns mit an einen ganz und gar widerlichen Ort, zu dem niemand je gehen wollte. Doch der Empfang ist so freundlich, dass man sich fast wohl fühlt.

Waste-Land Still 01 Tiao and Fabio

Es gibt, vergessen, ungeliebt, einen wahrlich utopischen Ort in jeder unserer Städte, einen Ort, an dem totale Gleichheit herrscht und Arm und Reich nicht länger arm und reich sind, sondern eins und beieinander. Nur dass diese Utopie zum Himmel stinkt.

Utopie bedeutet ja, ganz wörtlich genommen, so viel wie „Ort, den es nicht gibt“. Insofern greift das Konzept durchaus, wenn uns Lucy Walker in Waste Land auf die größte Mülldeponie der Welt entführt, an einen Ort, der wahrhaft unvorstellbar ist. Endlos wie Wüstendünen wellt sich der weiche Boden vor den Toren Rio de Janeiros, Krähenschwärme kreisen am Himmel, Lastwagen laden Schwall um Schwall auf die sich unablässig verschiebende Substanz. Ewig alt scheint dieser Ort, unfassbar natürlich in seiner Natur zweiten Grades. Mixt man alle Farben zu gleichen Teilen, erhält man grau. Genau von diesem Grau ist dort der Boden. Surrealisten würden sich verlieben in diesen Schauplatz.

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Und auf den Hügeln wuseln gelb blinkende Gestalten, Hunderte von ihnen, und ziehen gigantische Säcke und riesige Tonnen aus Plastik hinter sich dahin. Müllsortierer, catadores, sind wie Pfadfinder in diesem Meer der grauen Undurchschaubarkeit, die Experten der Endstation alles Anorganischen, unserer versteckten Utopie. Einmal stehen drei, vier Männer beieinander und wühlen in Müllsäcken: „Die hier waren arm, der Sack ist ganz klein. Je kleiner der Sack, desto ärmer.“ Neben dem ausgebeulten Plastik liegen große schwarze Beutel.

Der brasilianische Künstler Vik Muniz will genau dorthin, um im Müll Welten zusammenzubringen. Oder: moderne Kunst zu schaffen an diesem Ort des Elends. Aber Schluss damit: Nichts hier ist dramatisch. Muniz lacht und scherzt, seine Mitstreiter aus der Riege der menschlichen Recycler (Mülltrennung wird in Brasilien noch auf der Deponie betrieben) sind weit davon entfernt, ihr Schicksal zu beklagen. Es sind Menschen, die für einen viel zu harten Job viel zu schlecht bezahlt werden, aber abstoßend oder gar würdelos sind sie ganz sicher nicht. Gemeinsam wollen sie die Kunstwelt übers Ohr hauen, Werke schaffen aus Müll und Geld damit verdienen auf  einer Londoner Auktion, das der Müllsammlergewerkschaft übermittelt werden soll.

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Der Deal ist klar: Muniz stellt Ideen und sein Standing im Kunstmarkt, die Sortierer Brisanz und Wirklichkeit zur Verfügung. Gewinnen wollen beide. Regisseurin Walker sympathisiert so stark mit allen Beteiligten, dass Widrigkeiten stets recht schnell Platz machen für Glückstränen und Momente menschlichen Kontakts. Die Bilder der Mülldeponien, analog gedreht, beeindrucken in ihrer fast ehrwürdigen Rauheit und durch kurze, flüchtige, intime Großaufnahmen von Gesichtern. Ansonsten funktioniert hier alles recht klassisch: Interviews, gestellte Szenen, Observation. Das Ergebnis ist Feelgood-Kino der unerwarteten Sorte, fein geschliffen durch Mobys Elektrosoundtrack. Walker will uns die Laune nicht vermiesen, sondern Hoffnung ziehen aus einem äußerst unwahrscheinlichen Setting. Das kann manchmal etwas arg parteiisch, manchmal penetrant gefühlsduselig werden, aber die Menschen scheinen so aufrichtig, so unverlogen da zu sein, dass man sich am Ende wirklich besser fühlt.

Trailer zu „Waste Land“


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Kommentare


anno nym

wo kann man den film kaufen?


Antje Hanselmann

Ich lebe in der norddeutschen provinz, will diesen Film aber gerne noch mehr Menschen zeigen. Wann ist er auf DVD erhältlich?
Der Film ist grossartig!






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