Was will ich mehr

Silvio Soldini kehrt nach Mailand zurück, knüpft an den sozialen Hintergrund seines letzten Films Tage und Wolken (Giorni e nuvole, 2007) an und inszeniert eine Geschichte vom wankelmütigen Leben.

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Mailand - Schauplatz eines weiteren Films, der die Probleme und Ängste von Großstädtern in einer globalisierten Welt thematisiert. Silvio Soldini porträtiert mit Was will ich mehr Vertreter einer Generation zwischen dreißig und vierzig, die sich durch ihre Unentschlossenheit und Inkonsequenz auszeichnen. Dabei bedient er sich Klischees, deren man längst überdrüssig ist. Die Stereotypen der feinen Großstädterin aus dem italienischen Norden und des immigrierten Arbeiters aus dem Süden – verkörpert von Anna (Alba Rohrwacher) und Domenico (Pierfrancesco Favino) - treffen zufällig aufeinander und beginnen eine Affäre. Das Fremde wird als das Aufregende, Anziehende dargestellt, das Vertraute als das Langweilige. So weit, so bekannt.

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Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass es weniger Soldinis Film ist, dessen man überdrüssig wird, sondern vielmehr die Haltung, die aus seinen Figuren spricht. Schon bald erträgt man das Verharren Annas und Domenicos in ihrer Feigheit, durch die sie sich alle Möglichkeiten offen halten wollen, kaum noch. Der Regisseur inszeniert dies äußerst gekonnt, indem er das Umfeld Annas und Domenicos als derart einengend und bedrückend darstellt, dass man sofort Verständnis dafür aufbrächte, wollten die Figuren daraus ausbrechen. Die Zerrissenheit durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten – symbolisiert durch das anstrengende Pendeln zwischen Stadtrand und Zentrum – ist nachvollziehbar, denn durch alle Räume, in denen Was will ich mehr spielt, zieht sich ein beklemmendes Gefühl von Enge. Neben der urbanen Enge des Wohnens an der Peripherie steht die gesellschaftliche Enge, die wie schon in Tage und Wolken gekennzeichnet ist von finanziellen Sorgen und ausbeuterischer Arbeit, und die familiäre Enge, die sich manifestiert, als Annas Familie zum Mittagessen bei der Mutter zusammenkommt und dicht gedrängt am Esstisch sitzt. Die vergitterte Eisentür zum Innenhof des Wohnhauses, die in einer Szene hinter Anna und ihrem Lebensgefährten Alessio (Giuseppe Battiston) ins Schloss fällt und nachhallt, erinnert nicht ohne Grund an ein Gefängnis. Man erwartet als Zuschauer förmlich einen Befreiungsschlag der Figuren – doch kein solcher erfolgt.

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Silvio Soldini inszeniert seine Figuren als suchend, ohne Halt – und ohne Haltung. So lässt er Anna stets meinungslos wirken, wenn sie Alessio bei seinen Aktivitäten begleitet. Sowohl Domenico als auch Anna werden als wankelmütig gezeigt, trotz der offensichtlich empfundenen Leidenschaft füreinander, die sich dem Zuschauer allerdings nie völlig erschließt. Alessio wird entgegengesetzt dargestellt: Er scheint mit seinem Leben zurechtzukommen, weil er es sich darin wohnlich einrichtet. Auch wenn man ihm nicht abnimmt, dass er so ignorant ist, wie seine geschäftige Gemütlichkeit glauben lassen soll. Er erweist sich in seinem Handeln als die konsequenteste und zielstrebigste Figur, während Anna und Domenico als Zauderer dargestellt werden, die sich nicht zwischen möglichen Lebensentwürfen entscheiden können und die Vorteile auf allen Seiten mitnehmen wollen, was nicht funktioniert. So bleiben etwa die ermüdend häufigen Sexszenen zwischen Anna und Domenico unterkühlt, das Hotelzimmer ist mindestens so bedrückend wie die kleinen Vorstadtwohnungen. Der schnelle Sex endet in betroffen schweigsamer Atmosphäre, sodass sich die Frage aufdrängt, was genau die Beteiligten so süchtig danach werden lässt.

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Zumindest am Anfang scheint es so, als beobachte Silvio Soldini die Figuren wertfrei und wolle das Urteil über sie dem Zuschauer überlassen. Doch in der Geduldsprobe, auf die er uns mit der unablässigen Inszenierung ihres Zauderns und ihrer Inkonsequenz stellt – ohne die Figuren je ganz ins Unsympathische kippen zu lassen, liegt freilich schon ein wertendes Moment, denn gerade dadurch entlarvt der Regisseur die Protagonisten Anna und Domenico ja als ignorante und feige Charaktere. So verlässt man den Film nach einem offenen Ende mit nachklingendem Unbehagen. Wenn es Soldinis Absicht war, dieses Unbehagen vor einem Leben in der Unentschlossenheit hervorzurufen, so gelingt ihm dies vortrefflich. Andere Gründe, warum man sich Was will ich mehr ansehen sollte, sind jedenfalls nicht erkennbar.

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Kommentare


Martin Z.

Der Titel lässt mehrere Deutungen zu: ’Ich habe alles und brauche nichts mehr’ oder ’Was kann es sein, dass mir da noch fehlt?’ An sich ist der Film eine Variante des immerwährenden Soldini-Themas: Ausbrechen, die Zeit zurückdrehen und mit einer neuen Liebe eine Rückfahrkarte in die eigene Jugend zu gewinnen. Hier aber gibt es weder Brot noch Tulpen, soll heißen weder Witz noch Charme. Die Probleme schlummern unter der Oberfläche, bevor sie dann nach einem Wutausbruch des vernachlässigten Partners/Partnerin unter den besagten Teppich gekehrt werden. Zwischendurch stöhnen zwei Rasierklingen (Alba Rohrwacher und Pierfrancesco Favino) rhythmisch auf der Matratze eines Stundenhotels. Und dann gibt es von Regisseur Soldini noch mehrere Messages: ’Stürme bestehen macht stärker’, ’guter Sex geht nach einer Weile vorüber’ und schließlich noch ’Genieße den Augenblick’. Wenn es doch nur so einfach wäre.
Sicherlich ist Versöhnung das Rezept für eine lange Ehe, mit Bitte um Verzeihung oder der oft zitierten Bequemlichkeit bzw. Gewohnheit, aber wie es dazu kommt, würde man schon gern erfahren. Am Ende ist alles wieder FFE. Na toll! Betrachtet man das offizielle Poster, geht es wohl hauptsächlich nur um das eine. Auch gut, wenn sie’s denn braucht!?






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