Was heißt hier Ende? – Kritik

Wenn man die Augen nur weit genug aufsperrt: Dominik Graf setzt dem 2011 verstorbenen Kritiker Michael Althen ein filmisches Denkmal.

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Gegen Ende des Films setzt die unverwechselbare Stimme von Michael Althen zu einem eleganten Vergleich an: Wie der Erzähler in Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit eingangs im Dunkeln liegt und vom Bett aus versucht, den Raum zu rekonstruieren, in dem er eingeschlafen ist, sitzt der Zuschauer im Dunkeln des Kinos und lässt sich vom Sessel aus die Welt ausmalen. Wer aber Was heißt hier Ende? schaut, liegt doppelt im Proust’schen Bett. Der Film scheint durchzogen von der Einsicht, dass sich mit dem Denken, dem Sprechen, dem Schreiben über Film das Medium Film und die Kinoerfahrung rekonstruieren lassen. Tatsächlich: In Was heißt hier Ende? werden fast keine Filmausschnitte gezeigt, die Filmkritik kommt ohne ihren Gegenstand aus, steht gewissermaßen allein auf der Bühne, sie, die aus der Rippe des Films erschaffen wurde. Und doch geht es hier um nichts anderes als um Filme, „zwar nicht unser Leben, aber doch eine ganz wunderbare Alternative zu dem, was wir für unser Leben halten“ (Michael Althen). Gefeiert wird die geballte Kraft des bewegten Bildes, die der Wirklichkeit ebenbürtige Präsenz des per se Unwirklichen. Wie ein Engel trete der Film in unsere Welt, während wir zu träumen glauben.

Die Verlängerung des Films

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Was heißt hier Ende? zeigt einen, der sich von diesem Traum überwältigen lassen konnte und ihn gleichzeitig zu sehen, zu lesen, zu deuten wusste. Im Laufe des Films sagt der Regisseur Christian Petzold, das Lesen von Filmkritiken habe ihm – so wie Michael Althen – die Augen und die Sinne geöffnet. Er habe Dinge sehen können, weil sie andere gesehen hatten. Wenn eines in diesem Film aber klar wird, dann, dass die Schule des Sehens keine entzaubernde ist, dass sie den Zuschauer nicht aus dem Zustand des Überwältigt-Seins entlässt, ihm die unmittelbare Wirkung des Films nicht streitig macht. Die Filmkritik wird nicht als dieser Moment präsentiert, in dem die Lichter im Kinosaal angehen und der Film nicht mehr reine Gegenwartserfahrung ist, sie ist nicht dieser undankbare Moment, in dem man noch ganz geblendet aus der einladenden Unwirklichkeit verstoßen wird. In Was heißt hier Ende? ist Filmkritik eine Verlängerung des Films, der Welt, der Gefühle, die darin entfaltet werden, sie trägt den Zauber des Films in ein anderes Medium, hält ihn warm, sie ist sein Gedächtnis. Er schreibe Kritiken, weil er „irre vergesslich“ sei, sagt Michael Althen. Schreibend versuche er zu rekonstruieren, warum welche Gefühle zurückgeblieben sind.

Diese fünf Minuten Ewigkeit

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Dominik Grafs Film ist eine Suche nach Spuren, Splittern und Spiegelungen von Althens Schaffen. Immer wieder teilt sich die Leinwand in verschiedene Bilder auf, immer wieder löst sich ein Bild im anderen, werden Textauszüge über das Bild gelegt, Privataufnahmen herangezogen. Was heißt hier Ende? lässt Michael Althen und seine Weggefährten sprechen: Filmkritiker, Regisseure, Familienmitglieder. Sie erzählen von einem Menschen, der das Kino liebte, der es liebte, sich von ihm verführen zu lassen, und so uneitel war, auch den filmischen Mainstream zu zelebrieren. Ein Mensch, der selten verwarf, weil er aus so vielem Freude schöpfen konnte, und seien es nur „diese fünf Minuten“. Er verstehe es, kleine Ewigkeiten aus Einzelheiten zu machen, sagt Wim Wenders irgendwann über Michael Althen. An anderer Stelle heißt es, er habe sich „liebend“ den Filmen angenähert.

Damals war alles besser

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Liebend nähern sich auch die befragten Zeitzeugen dem Gegenstand des Films an, aus ihnen allen, ausnahmslos, spricht Zärtlichkeit, Freundschaft, Bewunderung. Lediglich zum Ende hin wird ein anderer Ton angeschlagen, wenn Was heißt hier Ende? zum Abgesang auf eine Feuilletonkultur ansetzt, die, so scheint es, zeitgleich mit ihrem besten Mann Michael Althen unterzugehen begonnen hat. Einige nehmen sich selbst in die Pflicht, die meisten aber schimpfen auf den nachrückenden Nachwuchs und trauern der Zeit nach, da Filmkritiker und Filmemacher Komplizen waren und eine Filmbewegung wie die Nouvelle Vague aus dem Schreiben kommen konnte. Langweilig sei die Filmkritik heute, ihr sei der Saft ausgegangen.

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Und mögen sie recht haben – auch sie fragt die Galionsfigur, die sie so stolz hochhalten und als Inbegriff eines bedrohten Habitus betrachten: Was heißt hier Ende? Was heißt hier Ende, das fragt Michael Althen den Film, der doch über sich selbst hinausweist; das fragt er die Filmkritik, die doch die Filmerfahrung verlängert; das fragt er die anderen Künste, das Theater, die bildende Kunst, aus denen sich doch sein Denken auch speist; und das fragt er vielleicht eben auch all die beflissenen Hiobs der Branche. Was heißt hier Ende, das möchte man als Zuschauer schließlich auch fragen in Anbetracht des Vermächtnisses, das Michael Althen zurücklässt und auf das der Film große Lust macht.

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