Was du nicht siehst

Wolfgang Fischers Genre-Mix aus Familiendrama und Horrorfilm ist visuell beeindruckend, zeigt aber dramaturgische Schwächen.

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In das Heulen des Windes mischt sich das Rauschen der Wellen, langsam schwenkt die Kamera vom endlosen Blau des Meeres auf den Jungen, der auf das Wasser starrt. Dann fährt die Kamera beunruhigend schnell über den Rand der Steilküste. Mit der kurzen Eingangssequenz zieht Wolfgang Fischer den Zuschauer sogartig in seinen Film, der einen Blick auf die seelischen Abgründe wirft, die sich beim Erwachsenwerden auftun.

Wie bereits in seinem Kurzfilm Grau (2001) erzählt der Regisseur auch in seinem Spielfilmdebüt Was Du nicht siehst (2009) ein Familiendrama aus der Sicht eines 17-Jährigen. Eigentlich ist Anton zu alt, um mit seiner Mutter Luzia und ihrem Freund Paul in Urlaub zu fahren. Dreiecksbeziehungen sind immer schwierig, umso mehr, weil Anton den Tod des leiblichen Vaters noch nicht verarbeitet hat. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Angst, sich von der Mutter zu lösen, durchlebt Anton ein Wechselbad der Gefühle. Je näher Luzia Paul kommt, desto mehr zieht sich Anton in seine eigene Welt zurück. Im Nachbarhaus trifft er auf David und Katja, ein mysteriöses Paar in seinem Alter, das von einer Aura aus Freiheit, Gewalt und Sexualität umgeben ist, die Anton gleichzeitig fasziniert und abstößt.

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Im Verlauf der Geschichte werden David und Katja immer mehr zu Dämonen aus der Vergangenheit stilisiert, die sich Anton vielleicht nur einbildet. In blaues, geisterhaftes Licht getaucht, wird das gläserne Ferienhaus nachts zum Spiegelkabinett von Antons Ängsten und Träumen. Der Wind heult, ein Wasserhahn tropft, Anton wacht auf. Das Telefon klingelt, doch in der Leitung ist nur unheimliches Rauschen, und auf seinem Bett findet Anton ein Familienfoto, auf dem die Gesichter der Eltern zerkratzt sind. Obwohl Regisseur Wolfgang Fischer auf Schockeffekte verzichtet, setzt er die zum Klischee erstarrten Stilmittel des Horror- und Mysterygenres nicht sehr subtil ein.

Der Film ist dort am stärksten, wo er nicht auf gruselige Effekte setzt, sondern mit feinem Gespür für Lichtstimmungen und Musik intensive Atmosphären schafft. Mit beeindruckenden Naturbildern knüpft Was Du nicht siehst an die Motive und die Bildsprache der romantischen Malerei an. In ruhigen, oft statischen Einstellungen gelingt es dem Kameramann vor der rauen Kulisse der bretonischen Landschaft, die Verlorenheit und Einsamkeit der Figuren zum Ausdruck zu bringen. Gleißendes Sonnenlicht verwandelt den Wald in einen paradiesischen Ort, in dem immer auch das Grauen lauert. Ein totes Reh in einem dunklen See – das romantische Naturidyll spiegelt Antons wiederkehrende Angst vor dem Ertrinken und seine chaotische Gefühlswelt. Auch wenn diese Bilder stark an von Triers Antichrist (2009) erinnern, gehören sie zu den intensivsten des Films.

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Die Stilisierung von Licht und Farbe, der Sprachrhythmus, das Auftauchen und Verschwinden der Figuren aus dem Nichts – ist das alles nur ein Traum? Traumwelten eröffnen im Kino einen filmischen Blick nach innen, auf unsichtbare Ängste und Sehnsüchte. Im deutschsprachigen Film wird diese Ausdrucksmöglichkeit des Kinos, die durch die strukturelle Ähnlichkeit von Traum und Film im Medium bereits angelegt ist, eher selten genutzt. Fischer entwickelt die oft widersprüchliche Logik eines Traums jedoch nicht konsequent genug, um den Zuschauer in Antons Welt eintauchen zu lassen. Die emotional stärkste und verstörendste Szene ist die Schlammschlacht im Moor, bei der die clipartige Montage zu einem zeitlichen Orientierungsverlust des Zuschauers führt und die melancholische Musik bereits den Moment des Glücks bedroht.

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Der Film ist bemüht, durch bedeutungsschwangere Kamerafahrten und rätselhafte Ereignisse Spannung aufzubauen, pendelt aber zu unentschlossen zwischen den Genres Horror und Coming-of-Age-Drama. Die Enthüllung von Antons dunklem Geheimnis ist wenig schockierend und die die Eskalation der Ereignisse am Ende vorhersehbar. Trotzdem ist Was Du nicht siehst ein visuell beeindruckender Film, dem es streckenweise gelingt, die Ängste und Sehnsüchte des Heranwachsens als reinen Horror spürbar zu machen.

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Kommentare


Dirk G.

Nee, also wirklich, Frau Horn, da sind Sie viel zu rücksichtsvoll in Ihrer Kritik. Das ist echt nur unausgereifter deutscher Filmhochschul-Schrott. Schöne Bilder und ein paar Horror-Effekte reichen wirklich nicht, um mir eine spannende Geschichte zu erzählen. Dazu gehört auch ein irgendwie gearteter Plot bzw. ein sinnvolles Konzept hinter den wahllos aneinandergereihten (zugegebenermaßen schönen) Bildern und Szenen. Unentschlossenheit würde ich das aber nicht nennen, eher Unfähigkeit oder sogar ignorante Dreistigkeit. Die armen (guten!) Schauspieler wurden hier nur verheizt. Schade! Der Regisseur sollte sich mal wieder Shining ansehen, damit er weiß, wie man die bedrohliche Vermischung von innerer Traumwelt des Hauptdarstellers mit der äußeren Realität inszenieren muss, damit es für den Zuschauer funktioniert. Fazit: Höchst ärgerlich - ich will mein Geld zurück, Herr Fischer.


Frederique

So ein Quatsch, Ich war von dem Film gerade deswegen so fasziniert, weil er eben nicht eindeutig ein Genre bedient. Fischer lässt dem Zuschauer eine ungewohnte Freiheit, die aber durchaus anregend wirkt.
So ein spannender, visuell und dramaturgisch gut durchkomponierter Film. So ein Genuss. So.


Sarah

Sehe ich genauso wie Frederique... Gruselfilm kann jeder - hier wirkten die "Gruselszenen" aber höchst befremdlich (und daher für mich noch schauriger), weil man nicht mit ihnen rechnete. Und dann noch in Kombination mit diesen düster aufgeladenen Bildern - TOP!


Harder

Der Film ist überdeutlich aus mindestens 4 - 5 anderen Filmen zusammen"geklaut"
worden. Ich wundere mich sehr,dass das kaum Jemand erwähnt oder bemerkt hat.
Zum Beispiel sind ganze Text - Passagen aus dem französischen Film von 1968
"Swimmingpool" eins zu eins übernommen worden. Diesen Film habe ich zufällig am
Abend vorher gesehen, daher fiel mir das sofort auf. Ich wundere mich, dass das
erlaubt ist...


Ben

Mir hat der Film bis zum Ende ganz gut gefallen, aber das offene Ende ist wirlklich
"zu offen". Ich find es ja nicht schlimm, wenn man sich alles am Ende zusammenreimen soll, aber bei dem Film fehlt mir wirklich der durchblick.:(






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