Was bleibt

In den besten Familien. Hans-Christian Schmid erzählt in seinem neuen Film von Eltern und Kindern, die sich zu ähnlich sind. 

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Aus dem Räderwerk der Gruppenpsychologie gibt es kein Entkommen – vor allem, wenn die Gruppe eine Familie ist. Keine individuellen Eigenheiten, keine persönlichen Macken ohne eine darin gespiegelte Beziehungssituation. Nicht anders verhält es sich bei Krankheiten. Aber auch wenn alle Empfindungen in Gemeinsamkeit beheimatet sind, gibt es doch immer den einen Körper, der ein bestimmtes Gefühl als Zentrum besetzt. Mein Trauma, deine Psychose, seine Depression. Will man irgendwo den Fakt beobachten, dass jede Gemütsregung ebenso im Umfeld wie in der Einzelperson ihre Ursprünge und Auswirkungen offenbart, dann am besten in einer Familie.

Knirschen im Getriebe der Familienmaschine

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Es ist erst einmal nicht viel mehr als diese Observation einer geteilten Gefühlswelt, an der Hans-Christian Schmid in Was bleibt gelegen ist. Die gutbürgerliche Familie irgendwo bei Bonn, der er sich hier widmet, ist sein Experimentierkasten für die Untersuchung einiger interpersoneller Selbstzerstörungsmechanismen. Zu Beginn funktioniert noch alles nach folgender Gleichung: Mama (Corinna Harfouch) ist die psychisch Kranke und konstant Gefährdete, Papa (Ernst Stötzer) ist Geldgeber und kommandierender Offizier, Marko (Lars Eidinger) ist der Sohnemann aus Berlin mit den etwas „anderen“ Ansichten, Jakob (Sebastian Zimmer) ist im Dorf geblieben und braucht noch ein bisschen Unterstützung von Papa beim Start seiner Zahnarztpraxis. Auftritt Marko, der gemeinsam mit seinem Sohn Zowie (Egon Merten) zu einem seiner immer rarer werdenden Besuche im alten Zuhause eintrifft. Doch nicht heimatliche Stabilität erwartet ihn, stattdessen fängt es im Getriebe der Familienmaschine ganz gehörig an zu knirschen.

Drehbuchautor Bernd Lange bildet mit seiner Figurenkonstellation eine derzeit weit verbreitete Form der familiären Gemeinschaft ab und schlägt zugleich ein neues Kapitel generationaler Konfliktstoffe auf. Wurden in früheren Familiendramen häufig Zwiste zwischen an harter Arbeit geschulten Eltern und verwöhnten, vergeistigten Kindern verarbeitet, das Produkt zweier unvereinbar scheinender Lebenserfahrungen, so zeigt uns Was bleibt eine Familie, die an ihrer geistigen Nähe zueinander zerbricht. Die Söhne reden die Eltern mit den Vornamen an; „Gitte“ und „Günter“ entstammen keiner anderen, sondern nur einer älteren Version der gleichen Welt. Und dort fressen sich Streit und Verzweiflung sehr lange ins Innere, weil es nach außen hin ja an nichts zu mangeln scheint. Uns geht es doch gut ...

Ein emotionaler Mülleimer ohne Boden

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Als Gitte bei Tisch bekannt gibt, schon seit zwei Monaten ohne ihre Psychopharmaka auszukommen, annulliert sie den innerfamiliären Geheimvertrag der Verantwortungen und Rollenverteilungen. Schnell wird klar, dass ihre manische Depression nur ein Blitzableiter für die ganz persönlichen Dramen jedes einzelnen der Männer war, ein emotionaler Mülleimer ohne Boden. Mit der ständigen Ausrede, „Gitte nicht noch mehr Sorgen zu machen“, haben die drei einen ganzen Haufen unausgesprochener Leiden und Lügen aufgetürmt. Jakob ist pleite, der Vater untreu, Marko unglücklich getrennt. Aber anstatt sich den eigenen Verantwortungen zu stellen, wälzen sie die Schuld hin und her, immer auf der Suche nach einem neuen Prügelknaben. „30 Jahre verheiratet, 30 Jahre mit meiner Krankheit“, sagt Gitte beim Grillen. Sie meint das nicht als Vergleich, aber sie bringt die allegorische Grundidee von Was bleibt damit auf den Punkt. In dem Moment, in dem sie ihre Depression endlich zu ihrer eigenen Sache erklärt, wird klar, wie sehr die Krankheit immer schon Gemeinschaftsgut gewesen ist.

Die Tragödie steuert mit sicherem Kurs auf die Katastrophe zu. Langes Buch hat die Motivationen jeder einzelnen Figur sehr genau abgewogen, die Einzelperspektiven sind je für sich schlüssig und psychologisch austariert. Kein inneres Leiden ohne externe Schuld, kein Abel ohne Kain. Die Dialoge geben jedem Protagonisten zumindest einen Moment, um sein oder ihr zentrales Dilemma auszuformulieren. Schmids Regie bildet diese erzählerische Offenheit durch viele frontale Schüsse, viele konfrontative Momente gut ab, während sich die düsteren emotionalen Muster des Drehbuchs in einer sehr verschatteten Lichtsetzung und einer nüchternen Farbpalette niederschlagen.

All dem ist bis auf die recht grob geschnitzten Dialoge wenig vorzuwerfen, außer dass der Film selten bis nie wirklich zu einem freien Ausdruck findet. Schmid analysiert sehr präzise, aber ohne echten filmischen Einfallsreichtum, ohne jedes Wagnis. Dadurch hat Was bleibt etwas Formelhaftes, Verkopftes an sich. Nichts ist gegen das Bemühen um Klarheit einzuwenden, und so aufschlussreich wie hier wurde diese spezifische, wahrscheinlich weit verbreitete Konfliktkonstellation sicherlich noch nie auseinandergenommen. Nur die ästhetische Erfahrung kommt eindeutig zu kurz.

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