Warrior

Euphorie und Schmerz. Gavin O’Connors Kampfsportdrama Warrior ist das Wuchtigste, was derzeit auf dem DVD-Markt zu finden ist.

Warrior 2

Zwei Brüder im finalen Kampf. Der eine wird vom gehassten Vater gemanagt, der andere will sein Zuhause bewahren, beide haben sich schon seit Jahren nichts mehr zu sagen. Es dauert fast zwei Stunden, bis sie schließlich zusammen in den Ring steigen, dass es aber so kommen muss, ist bereits nach kurzer Zeit klar. Warrior ist weit mehr als nur ein perfekt choreografierter Kampfsportfilm – es ist ein Familiendrama voll zerrütteter Seelen, oder kurz: die bessere Version von The Fighter (2010).

Ex-Soldat Tommy (Tom Hardy) hat nach seiner Heimkehr aus dem Irak nur eine Möglichkeit, seine Persona unter Beweis zu stellen und sich in der Gesellschaft zu behaupten: seinen Körper. Er betritt einen ehemals bekannten Box-Club und fordert sogleich den regionalen Favoriten heraus – nein, er haut ihn mit einem Schlag zu Boden. Die Tötungsmaschinerie ist noch intakt, und offenbar nur aus diesem Bewusstsein heraus sucht er seinen Vater (Nick Nolte) auf. Er hasst den alten Mann, der sein Leben lang gesoffen hat und für seinen Sohn nie da war. Dass er allerdings ein guter Trainer war, hat Tommy nicht vergessen.

Warrior 5

Brandon (Joel Edgerton) war früher Kampfsport-Profi und hat nun neben seiner Frau und seinen beiden Töchtern den Beruf des Physiklehrers an einer High School angenommen. Nebenbei arbeitet er als Türsteher, aber die drei Jobs von ihm und seiner Frau reichen nicht, um die Familie längerfristig über Wasser zu halten. Auch er stellt fest, dass seine Fähigkeit, andere im Kampf zu bezwingen, noch nicht erloschen ist, und beginnt wieder mit dem Training.

Warrior 6

Nach einiger Zeit lässt sich erahnen, worauf Warrior zusteuert: Die Brüder werden im größten Mixed-Martial-Arts-Turnier des Landes um das Preisgeld kämpfen. Kollision ist dabei das Hauptprinzip des Films. Sie findet kontinuierlich und überaus konsequent statt, lässt dem Zuschauer kaum Luft zum Atmen. Das Dreigestirn Bruder-Bruder-Vater ist dabei gar nicht mehr im Rahmen einer „natürlichen“ Ordnung existent. Keiner hat Kontakt zum anderen, ihre Leben gingen schon vor langer Zeit auseinander. Nur im Kampf, sei er verbal oder körperlich, finden die Individuen schließlich zueinander. Der Vater funktioniert dabei als mehr oder weniger loses Bindeglied zwischen den beiden Brüdern. Sein Auftreten in der Gegenwart ist für Tommy und Brandon vor allem mit den Wunden der Vergangenheit verbunden, zumindest darüber sind sich die beiden einig. Dass der alte, psychisch wie körperlich zermarterte Mann dann doch noch im richtigen Moment zur Stelle ist, ist Fluch und Segen gleichermaßen. Immerhin hat er es geschafft, seine beiden Jungs wieder zusammenzubringen – vor johlendem Publikum in der großen Arena.

Warrior 7

Neben Ex-Actionstar Nick Nolte, der für die Figur des gebrochenen Vaters wie geschaffen ist, brillieren Joel Edgerton (The Thing, 2011) und vor allem Tom Hardy in den Hauptrollen. Ersterer hat sich mit diesem Auftritt das Ticket in Hollywoods A-Liga gesichert, während Hardy der Einstieg bereits vor drei Jahren gelang. Gerade war er als Ricki Tarr in Tomas Alfredons Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, 2011) zu sehen, eine Rolle, die zur der hier besprochenen gegensätzlicher nicht sein könnte. Hardy ist ein Chamäleon und interessiert sich vor allem für die Rolle des Außenseiters und/oder Exzentrikers, sei es in Nicolas Winding Refns grotesk-brillantem Biopic Bronson (2009) oder Greg Williams’ Kurzfilm Sergeant Slaughter, My Big Brother (2011). Spätestens mit seiner Rolle des Bane in Christopher Nolans The Dark Knight Rises (2012) wird er der ganzen Welt bekannt sein.

Während in dem mit dem Oscar prämierten Boxerdrama The Fighter die Rolle des Bruders als Assistent und gescheitertes Individuum an vielen Stellen überzeichnet wurde, liegt die Stärke von Warrior in der Balance und Konzentration. Beide Brüder erwidern ihre offenen Fragen kämpferisch und sind auf diese Weise gleichgestellt. Exemplarisch ist vor allem die Szene, wenn sich die beiden – zufällig – in der Nacht vor dem Finale am leeren Strand gegenüberstehen. „Wer bist du?“, fragt Tommy seinen Bruder. „Ich kenne dich nicht.“ Dass der Film gerade in der letzten Dreiviertelstunde verstärkt auf wuchtige Kampfsequenzen setzt, ist logisch und konsequent. Die Protagonisten müssen sich erst durch die größte Scheiße ihres Lebens prügeln, um schließlich die finale Erlösung zu finden. Doch die kommt Jahre zu spät. Zum Bild der Vereinigung gesellt sich ein bitterer Beigeschmack, der so urtypisch für die amerikanische Gesellschaft ist: Die Familie findet erst wieder im Kampf zueinander, und der muss so episch und riesig sein, dass die ganze Nation mitfiebert.

Trailer zu „Warrior“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.