Gefährten

Kriegsgemälde mit Pferd: In seiner Adaption des Jugendromans von Michael Morpurgo folgt Steven Spielberg dem Ross Joey durch die Wirren des Ersten Weltkriegs.

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Seit seiner Domestizierung im fünften vorchristlichen Jahrtausend hat das Pferd wie kaum ein Nutztier Einfluss auf die kulturelle Entwicklung des Menschen genommen. Ob als Lastträger oder Fortbewegungsmittel, im Frieden oder im Krieg – das Pferd ist als Gefährte des Menschen wohl unstrittig eine kulturanthropologische Größe. Wie kein anderes Tier genießt es beim Menschen Achtung, wird mit Intelligenz, Sensibilität, Treue, Anmut und Schönheit assoziiert. Und wer Pferde schlecht behandelt, ist ein schlechter Mensch. Auch zur Entstehung des Films leistet das Pferd seinen Beitrag, erinnert man sich an die ersten chronofotografischen Bilder aus Eadweard Muybridges Zoopraxiskop (um 1875) oder an die ersten Streifen der Lumière-Brüder. Heute finden sich in nahezu jedem Genre Tierspielfilme mit Pferd.

Beseelt von der Idee, einen familientauglichen Antikriegsfilm auf die Leinwand zu bringen, kombiniert nun Steven Spielberg seine jüngst bei Tim und Struppi (The Adventures of Tintin, 2011) erneut bewiesenen Fähigkeiten zu kindgerechter Narration mit erprobten Weltkriegssujets. Als Vorlage dient der 1982 erschienene Roman War Horse des renommierten britischen Kinder- und Jugendbuchautors Michael Morpurgo. Darin berichtet ein Pferd als Ich-Erzähler von seinen Irrwegen durch das Geschehen des Ersten Weltkrieges. Die durchaus originelle Idee hat sich in der Leinwandadaption nicht erhalten. Stattdessen setzt Gefährten – War Horse (War Horse, 2011) auf die Macht malerischer Bilder als Emotionsgenerator.

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Die epische Geschichte kommt nur langsam ins Rollen, denn zunächst gilt es die Friedenszeit zu beleuchten und die innige Beziehung zwischen Farmerssohn Albert und seinem Pferd Joey zu etablieren. Südwestliches England, Grafschaft Devon: Auf dem Markt will Bauer Narracott (Peter Mullan) für sein heruntergekommenes Pachtland ein Arbeitspferd ersteigern. Doch als er Joey sieht, ist es mit der Vernunft vorbei, verzückt erwirbt er das stolze Tier zu einem viel zu hohen Preis. Narracotts Frau (Emily Watson) ist entsetzt, eignet sich das Vollblutross doch kaum zur Schwerstarbeit im Feld. Die aber tut Not, denn Verpächter Lyons (David Thwelis) droht die Schulden einzutreiben oder die Pacht zu kündigen. Der junge Albert hingegen ist vom Pferd begeistert und will es um keinen Preis der Welt mehr hergeben. Und allen Widrigkeiten zum Trotz schaffen es Albert und Joey gemeinsam, ein steiniges Feld umzupflügen und so der Welt zu beweisen, dass Freundschaft das Unmögliche möglich macht. Schöne heile Welt, wenn nicht ein Unwetter die aufgehende Ernte vernichten würde und wenn da nicht der Weltkrieg wäre, der vor keiner Freundschaft Halt macht. So verkauft der bankrotte Narracott das Pferd an die britische Kavallerie.

Dass die Verabschiedung Alberts von Joey, einschließlich des dem Ross gegebenen Treueschwurs, nicht zur unerträglichen Gefühlsduselei wird, liegt an der recht reduzierten Spielführung. Zwar etabliert Spielberg große Emotionen, doch dies gelingt – ganz getreu seinem Werk – durch mittelbare Narration, durch Umschreibungen und Umwege. Der Film verlässt auch schnell die Albert-Figur, um dem Weg des Pferdes durch die Wirren des Ersten Weltkrieges zu folgen. Spielberg fokussiert sich dabei nicht zu sehr auf das Tier, es ist hier eher Mittel zum Zweck, um Weltkriegsepisoden zu erzählen. Joey wechselt mehrfach die Fronten, um nahezu alle Tätigkeiten zu verrichten, die einem Pferd im Krieg zukommen – vom Kavallerieross bis hin zum Kanonen schleppenden Zugtier.

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Dabei reicht die episodische Verweildauer des Pferdes beim jeweiligen Besitzer nie, um tiefgreifende Porträts der Figuren zu zeichnen. Auch an einem umfassenden Geschichtsbild scheint Spielberg kein Interesse zu haben. GefährtenWar Horse beschränkt sich – bis auf wenige Ausnahmen – auf Episoden, in denen Figuren unter dem Diktat des Krieges einfach nur agieren und dabei Parametern folgen, die der historische Kontext bereithält. So etwa, wenn die stolze und ehrenvolle britische Kavallerie mit gezogenen Säbeln in einem industriellen Krieg neuen Typs gegen deutsche Maschinengewehrstellungen und mithin in ihren Untergang reitet. Wenn Joey, nun als Kriegsbeute in deutschen Diensten, alsbald mit zwei jungen Männern desertiert, seine neuen Besitzer aber wieder verliert, weil diese standrechtlich erschossen werden, dann sind es diese Momentaufnahmen, die die Auswirkung des Krieges auf das Individuum verdeutlichen. Hingegen nutzt Gefährten – War Horse das Mensch-Pferd-Verhältnis als Indikator für den Grad (noch) vorhandener Menschlichkeit, bis hinein in die Materialschlachten des Kriegsgeschehens. So kulminieren die einfachen Botschaften dieses Films, wonach Krieg verheerend und jeder im Überlebenswillen gleich ist, in einem geradezu surrealen Bild: Das scheuende Pferd, das durch mehrere Absperrungen gerannt ist, steht, schwer verwundet und von Stacheldraht eingeschnürt, zwischen den Schützengräben. Hier wird es in einer Gefechtspause von einem deutschen und einem britischen Soldaten gerettet.

Solchen Bildern Infantilität vorzuwerfen wäre allerdings müßig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich bei Morpurgos Roman um ein Jugendbuch handelt, das von einem Pferd erzählt wird, und Spielbergs Film erklärtermaßen Kino für die ganze Familie sein will. So fliegen zwar in den Kampfbildern arg die Fetzen, die wie bei Der Soldat James Ryan (Saving Private Ryan, 1998) von Janusz Kaminskis Kameras rasant ins Bild gesetzt werden, jedoch wirkt das Schlachtengemälde im Vergleich zu Spielbergs D-Day-Epos routiniert und geradezu (auch wörtlich) blutarm.

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