Wanted

Eine Gilde von Auftragskillern entscheidet mit Hilfe von Webstühlen darüber, wer leben darf und wer mit Kugeln, die Kurven fliegen, ins Jenseits befördert wird. Das ist so absurd wie es sich anhört. Und gleichzeitig der beste Sommerblockbuster der Saison.

Wanted

Wesley Gibson (James McAvoy) hat kein besonders aufregendes Leben. Im Büro erträgt er die Schikanen der herrschsüchtigen Chefin, die Freundin (Kristen Hager) betrügt ihn mit seinem besten Freund auf dem eigenen Ikea-Küchentisch und eine Googlesuche nach „Wesley Gibson“ ergibt keinen einzigen Treffer. Letzteres verweist bereits darauf, dass die Welt, in der Wesley lebt, nicht die unsere ist: In der Wirklichkeit produziert „Wesley Gibson“ in der Suchmaschine selbst mit Anführungszeichen 203.000 Ergebnisse.

Tatsächlich wird Wesley bald herausfinden, dass das Schicksal der gesamten Welt von einem gigantischen Webstuhl vorausberechnet wird und dass er selbst die Fähigkeit besitzt, mit Pistolen um die Ecke zu schießen. Doch zunächst lernt er während etwas, das auf den ersten Blick wie ein Supermarktüberfall wirkt, die geheimnisvolle Fox (Angelina Jolie) kennen. Wesley, der nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, findet sich in einer wilden Schießerei wieder, die sich in einer noch wilderen Autoverfolgungsjagd fortsetzt.

Wanted

Wenig später eröffnen Fox und ihr Boss Sloan (Morgan Freeman) dem immer noch verdutzten Wesley, dass sie beide einer Gilde von Auftragskillern angehören, die ihre Aufträge nicht von reichen Individuen, sondern vom Schicksal selbst erhält. Und er, Wesley, sei auserwählt, der größte Auftragskiller von allen zu werden, um den Tod seines Vaters zu rächen. Im Folgenden wird er darauf trainiert, den abtrünnigen Gildenangehörigen Cross (Thomas Kretschmann) zu stellen.

Training bedeutet in Wanted totale körperliche und psychische Zurichtung. Die Übungssessions sehen aus wie die nach außen gefaltete innere Brutalität neoliberaler Managercamps. Bestimmend sind harte Fäuste, stumpfe ebenso wie spitze Metallgegenstände und jede Menge Blut. Zwischen massiven Rinderhälften und archaischen Fleischerhaken erinnert Wanted bisweilen eher an die Splatterfilme der Saw-Reihe (seit 2004) als an High-Concept-Actionfilme.

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Freilich will die Zurichtung genau auf diesen Filmtypus hinaus. Um in der Welt, um selbst nur in den Bildern von Wanted bestehen zu können, müssen Wesley und seine Mit- wie Gegenspieler ihre biologischen Grenzen nicht als Beschränkung, sondern als Herausforderung begreifen. Schon vor seiner Rekrutierung schluckt Wesley Tabletten, damit Alltagsgeräusche wie die U-Bahn vor seinem Fenster oder das Klackern eines Bürotackers ihn nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Später dann ist er in der Lage, einer Stubenfliege die Flügel per Pistole einzeln zu entfernen. Der Actionfilm als permanenter Ausnahmezustand des Wahrnehmungsapparats: Selbst ein Kuss von Angelina Jolie ist primär Spezialeffekt, für Wesley wie für das Kinopublikum.

Wanted basiert – eher lose – auf einer Comicvorlage Mark Millars, der in erster Linie das Setting zu verdanken ist. Wichtigster Schauplatz ist ein altes, bronzefarbenes Fabrikgebäude, in welchem die Auftragskillergilde zuhause ist. Räumlichkeiten wie Gerätschaften gemahnen an die Anfänge der industriellen Revolution des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Dass ausgerechnet in diesem Ambiente die oben erwähnten ultrablutigen Trainingssequenzen stattfinden, führt zu interessanten Parallelisierungen. Eine vage Äquivalenz entsteht zwischen der historischen Disziplinierung der Arbeiterschaft in den Manufakturen einerseits und der Brutalität andererseits, mit der der Film seine Hauptfigur – und in der Übertragung auch sein Publikum – stählt. An der Oberfläche jedoch, und Wanted ist ein Film der Oberfläche, kümmern solche Überlegungen wenig.

Wanted

Inszeniert hat Wanted der gebürtige Kasache Timur Bekmambetov. Dieser hatte mit seinen beiden russischen Fantasystreifen Wächter der Nacht (Nochnoy dozor, 2004) und Wächter des Tages (Dnevnoy dozor, 2006) bewiesen, dass er mit kleinen Budgets großes Spektakel veranstalten kann. Die erste Hollywoodproduktion, an der vor allem in technischen Disziplinen zahlreiche Landsleute des Regisseurs beteiligt waren – selten waren im Abspann eines amerikanischen Films mehr russische Namen zu lesen –, kostet ein Vielfaches, und das Geld ist gut angelegt. Die Actionsequenzen, deren eindrücklichste sich auf einer Eisenbahnbrücke, hunderte von Metern über einem gähnenden Abgrund, abspielt, sind von schier unglaublicher Intensität und zeugen von großer Imaginationskraft. Wo die restlichen Blockbuster dieses Sommers, von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (Indiana Jones and the Kingdom of the Chrystal Skull, 2008) bis The Dark Knight (2008) bei allem Eskapismus einen Rest Realitätshörigkeit bewahren, setzt Bekmambetov auf Kinetik in Reinform und das freie Spiel von Bildern und Tönen.

Die ultimative Wirklichkeitstransformation stellt das Gimmick des Films, die Kugel mit gekrümmter Flugbahn, dar. Wanted versucht nicht, dieses Gimmick durch auch nur den Ansatz einer Erklärung in die Wirklichkeit zurück zu biegen. Die Frage nach der empirischen Wirklichkeit stellt sich nicht in einem Film, der immer schon über diese hinaus zielt.

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Kommentare


anna schwind

Nach überschwänglichen Kritiken, die unterhaltsames Action-Popcorn-Kino mit nie gesehener Action-Ästhetik versprachen, bin ich in diesen Film gegangen, um nach 30 Minuten fluchtartig den Saal zu verlassen. Eine dermaßen unfassbare, widerliche Scheiße (sorry, aber angesichts dieses Machwerks kann man nur noch in Fäkalsprache verfallen) habe ich bisher noch nicht gesehen. Ein einziger Gewaltporno, dessen fragmentarische Story-Reste einzig dazu dienen, um zur nächsten Gemetzel-Orgie zu gelangen, und der, wenn man das denn schon unbedingt ertragen will, in ermüdender Weise und in endlosen Wiederholungen Effekte (die alle zusammengeklaut sind) an Effekte reiht. Nach der gefühlt 250sten Nahaufnahme von in Slow-Motion zerplatzenden Köpfen, ausgeschlagenen Zähnen, spritzendem Blut und duch die Luft fliegenden Kugeln hatte ich wahrlich genug von diesem hirnlosen Schrott und frage mich nur, warum sich so gute Schauspieler wie James McAvoy und Morgan Freeman immer wieder für so etwas hergeben.
Selten soviel Brechreiz im Kino erlebt.


Chan

Nun, wer´s mit Gewaltdarstellungen nicht aushält, ist hier im falschen Film. Gewalt (Action) und Angst (Horror) sind nun mal filmische Metaphern für extreme Grenzsituationen, und was kann interessanter sein als das? Bekmambetov ist auf dem Gebiet mikroskopisch fein inszenierter Action gewiss der größte Meister seines Fachs, und ich wünsche ihm nur eins: eine rundum perfekte Story, die einerseits verständlich ist (anders als Wächter) und andererseits Tiefe hat (anders als Wanted).


wolf

SUPER Film! Nun ja, die Story verdient natürlich keinen Oskar und die Fähigkeiten werden nicht logisch und wissenschaftlich erklärt, aber wen stört das schon. Es ist herrliches Popcorn Kino welches mit visuell toll in Szene gesetzt wird.






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