Wall Street: Geld schläft nicht

Wall Street: Geld schläft nicht sollte man sich anschauen. Glatt, bunt, ein bisschen altmodisch und absolut zum Wohlfühlen: besser lässt sich das krisengeplagte Gewissen schwerlich streicheln.

Wall Street: Geld schläft nicht

Denn schließlich hat sich als erstes das Kapital im Laufe seiner Geschichte von der Zerstörung aller Referentiale, aller menschlichen Zwecke genährt und hat dabei alle Unterscheidungen zwischen wahr und falsch, gut und böse zerschlagen, um so ein radikales Äquivalenz- und Tauschgesetz, das eherne Gesetz seiner Macht, zu zementieren. -  Jean Baudrillard

Willkommen in der Welt des Hyperrealen! Noch ein Zitat zu Beginn: Natürlich von Gordon Gekko (Michael Douglas), denn Wall Street: Geld schläft nicht (Wall Street 2: Money never sleeps) ist seine Bühne, etwas mehr als zwei Stunden Film für sein Comeback. Also, Gekko zum Pendant seines früheren Selbst, dem bösen Investmentbanker Bretton James (Josh Brolin): „Stop telling lies about me, then I will stop telling the truth about you.“ Ein Satz wie ein Hammerschlag. Gecko verkündet nicht weniger als den Tod der Dialektik, sie hat ausgedient. Wahrheit und Lüge stehen sich in Oliver Stones jüngstem Film nicht länger als Gegensätze gegenüber, weil sie auf keine Realität mehr verweisen (oder sie verleugnen). Das Spiel des Hyperrealen hat begonnen.

Wall Street: Geld schläft nicht

Essenziell ist das der neue Vorwurf, den Oliver Stone an den High-Risk-Kapitalimus, an die Heuschrecken richtet: Ihr habt die Wirklichkeit zerstört. Das hat sich geändert seit den Achtzigern, die Todsünde des Kapitalismus ist eine Neue. Nicht mehr allein reine Gier, nicht mehr Insiderhandel sind die Akte des Bösen, sondern Spekulation. In der Spekulation lösen sich nicht nur Lüge und Wahrheit ineinander auf, sondern sogar die Zeit. Die Investition in eine mögliche Zukunft (um sie dadurch hervorzubringen), die unablässige Produktion von selbsterfüllenden Prophezeiungen, sie hat sogar die gute alte Ausbeutung auf dem Gewissen. Die Spekulation auf den Niedergang von Firmen, von ganzen Staaten sogar: nicht mal der Bankrott ist mehr Zeichen für das Scheitern des Kapitalismus. Er hat eine Metamorphose durchgemacht, er ist nicht mehr eine Blut saugende Kreatur, sondern ein Aasfresser, der alles verschlingt, auch die eigenen Exkremente.

Wall Street: Geld schläft nicht

Stones Wall Street: Geld schläft nicht ist ein Film mit Mission, ein Einsatz für etwas Gefährdetes, ein Wachrütteln. Und natürlich Entertainment. Geschützt werden muss diesmal die Zeit. Und Oliver Stone spielt sehr geschickt, wenn auch mit gezinkten Karten, im Spiel um ihre Verteidigung. Er erkauft sich Wirklichkeit, in dem er sie in ihrer (vermeintlichen) Heimat aufsucht, der Vergangenheit. Der Film spielt 2008, setzt ein kurz vor Beginn jener Finanzkrise, die uns alle bis heute (und auf Jahre noch) in Atem hält. Eine kluge Konstruktion, kann Stone dadurch doch wild den Zeigefinger schwenken, düster prognostizieren, wie schrecklich alles werden wird: die Gegenwart gibt ihm recht, genau so schlimm wird alles kommen. Schrieb nicht François Lyotard, das Futur II sei die charakteristische Zeitform der so genannten „Postmoderne“? Er wird so gewesen sein, es wird so geworden sein. Fürwahr.

Wall Street: Geld schläft nicht

Gordon Gekko verlässt zu Beginn, wir befinden uns im Jahr 2000, das Gefängnis. Der Wärter händigt ihm seine Besitztümer aus: eine goldene Uhr, eine goldene Geldklammer („Ohne Geld!“), und sein gigantisches Mobiltelefon. Insignien der Vergangenheit. Acht Jahre später ist er gefeierter Buchautor und geriert sich als Verkünder des Untergangs der Finanzmärkte, als geläuterten Sünder. Sein Buch heißt: „Ist Gier gut?“. Noch so ein Fingerzeig durch die Zeiten, eine kleine Abwandlung seines berühmten Monologes aus dem Vorgänger. Aber lange Zeit ist er gar nicht Teil der Handlung. Stattdessen lernen wir seine Tochter, eine engagierte Internetjournalistin (Carey Mulligan), und seinen Schwiegersohn in spe kennen, den aufstrebenden Investmentbanker Jacob (Shia La Beouf).

Wall Street: Geld schläft nicht

Gar nicht so wichtig, wie sich die Handlungsfäden entwickeln und zusammenlaufen. Aber recht schnell setzt die Katastrophe ein, die Blase platzt und die Finanzjongleure müssen umdenken, aus Verlust Kapital schlagen. Der Panikzirkus angesichts der implodierenden Wirtschaft gibt Stone die Möglichkeit, seine Stärken voll auszuspielen. In wilden Montagesequenzen überlagern sich Statistiken, Graphen, Nachrichtenbilder, teilt sich die Leinwand in verschiedenste Splitscreenmuster. Eine in ihre Einzelteile zerschlagene Gegenwart, zersplittert, kakophon. Immer wieder laufen die Kurven der Aktienmärkte entlang der Silhouetten der New Yorker Skyline, der Markt schreibt sich in die Bilder, überlagert und zerstört die Realität. Aus ihren Trümmern entsteht das Gerücht als neuer Bezugsrahmen der Wirklichkeit: einmal in die Welt gesetzt, kann ein schlechtes Gerücht in Windeseile ganze Firmen in Luft auflösen. Und auf diese Auflösung wird dann gesetzt, meist natürlich von denen, die als erste düster orakelten.

Wall Street: Geld schläft nicht

Aber Stone ist zuerst Entertainer, dann Intellektueller. Und er weigert sich beharrlich, hoffnungslos zu werden. Vielleicht aus Humanismus, vielleicht, weil Kino eben Träume braucht. Stones intellektuelle Schwäche, oder seine emotionale Stärke, liegt darin, dass er inmitten dieser rumorenden, referenzlosen Welt des Scheins, der Produktion von frei flottierenden Gerüchtepartikeln, noch immer echte Menschen sehen will. Und dass er, mit ihnen, noch immer an Wahrheit und Lüge glaubt. Es wäre ihm ein Leichtes, auch die letzten Taue zur Wirklichkeit zu kappen, so, wie es in Natural Born Killers (1994) passierte. Aber inmitten des wirbelnden Karussells der Scheinwahr- und falschheiten gravitiert alles, früher oder später, zum Menschen zurück, und dann auch zur Moral. Warum? Ganz einfach weil er sterben muss. Die Zeit sei die wertvollste Ware der Welt, sagt Gekko dem Schwiegersohn, wertvoller noch als Geld. Und wenn eines an ihm nagt, dann das Alter und das Wissen, dass es nicht ewig so weiter gehen wird mit dem Spielen am Markt. Oder, noch so eine Gekko-Einsicht: Menschen seien mixed bags, nicht einfach gut oder böse. Auf ihn gemünzt meint das soviel wie: dummerweise steckt auch in mir Gutes und Liebe, dummerweise bin auch ich ein Mensch und nicht eine Idee, ein ewiges Prinzip. Dann nämlich wäre man befreit von Sterblichkeit. Und so inszeniert Stone das Hyperreale, nur um es angesichts der Sterblichkeit des Menschen am Ende wieder auszulöschen. Willkommen in der Wirklichkeit!

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Kommentare


Grettli

Meiner Meinung nach ein echt interessanter Film über Börsianer, die Summen mit denen diese Menschen arbeiten und WIE diese Menschen arbeiten, nämlich vollkommen apgekoppelt vom tatsächlichen Wirtschaftsgescheen um sie herum.


SiLa

Ich finde interessant an Wall Street 2, dass das "wirkliche" Geld in dem Film, jeweils ausserhalb von New York City, bzw der Wall Street, noch zu existieren scheint. Gekkos Tochter, die Chinesen, am ehesten noch Kalifornien als tatsächliche (nächst gelegene) Zukunftsperspektive. NYC erscheint durch und durch als aufgeblasene Stadt, in der vor allem Gebäude, Appartements und Büros zuhause sind. Natürlich durch die Börsencharts in die Extreme gespitzt. Ein romantischer Blick wie bspw. Manns auf Großstädte ist es nur selten. London und Zürich, eine einführende Einstellung jeweils, dann bereits Transaktionen und Cashflow. In New York pufft und verpufft es wie von Sinnen.
Ebenfalls interessant finde ich die Treffen bei der "Fed". Nicht zuletzt durch die Besetzung von Eli Wallach als Großfinancier, aber vor allem durch die Sitzungen selbst, entsteht ein mafiöser Beigeschmack, auch durch die klare Trennung von diesem völlig geräuschlosen Raum zum flirrenden und stetig lärmenden WallStreetBusiness.
Was mir ebenfalls bedeutend aufgefallen ist, waren die vielen "von außen" befunkelten Augen. Seien es Monitore, Lampen was auch immer. Ein übernatürlich hervorgehobener Glanz in den Augen.
Zuletzt will ich noch anfügen, dass mir die schließende Aussage Stones weniger als eine Rückkehr zur Moral, als vielmehr der Versuch ein altes Klischee über die Hyperrealität der postmodernen Finanzwirtschaft zu werfen. Das Erinnerungsfoto der klassischen Familie, er (LaBeouf) mit den Freunden, sie mit den Freundinnen beim Ringvorzeigen, der akzeptierte Großvater und der Blick von Long Island auf die Skyline, von dort, wo die "Gold Coast" schon immer war. Gerade dieses Flair der (erfolg-)reichen Jungfamilie wirkt so gezwungen installiert, dass es, meiner Meinung nach, bedeutend auffällt und gleichzeitig fehlschlägt. Wie in vielen seiner Filme, wo Geld alles ruiniert, sehnt sich Stone nach dem verklärten Gestern. Aber zugegeben, von kaum einem anderen lässt man sich das so gerne gefallen, wie von Oliver Stone.


Grettli

Das erschreckendsde an dem ganzen Film, war ziemlich am Anfang glaube ich, wo ein "kleines" Gerücht um die Welt geht das irgendein Staatspräsident private Ölquellen verstaatlichen will, und das dem Unternehmen einen " kleinen Stich" versetzt - 100 000 000 US-$. Ein normales mittelständiges, nicht an der Börse handelndes Unternehmen macht in ungefähr 10 Jahren 1/100 diesen Betrags an Umsatz, nicht mal an Gewinn. Sehr gekonnt von Stone meiner Meinug nach, auf so eine Weise zu zeigen, wie echte Arbeit - bei der ein Endprodukt entsteht nicht mehr tragbar gegenüber einer Aktienspekulation ist. denn das ist ja das Problem: Der Wert wird von der Firma locker wider reingeholt auch wenn überhaupt keine eigentliche Wertschöpfung gemacht wird.






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