Walk Hard: Die Dewey Cox Story

Johnny Cash plus Ray Charles plus Bob Dylan ergibt Dewey Cox: Der ewige Nebendarsteller John C. Reilly liefert in dieser Parodie auf Musikfilme eine vergnügliche komödiantische Vorstellung.

Walk Hard

Früher Verlust, euphorische Produktivität, dekadente Prominenz - das ist, auf zulässige Weise vereinfacht, der Dreiklang, aus dem Musiker-Biopics wie Ray (2004) oder Walk the Line (2005) gebaut sind. Bei aller Liebe zu ihren Figuren und bei aller Schauspielkunst, die diese beiden Filme auszeichnet, gerät das Genre doch leicht in die Gefahr des Schematischen - ob das starren Drehbuchregeln oder dem vielleicht wirklich etwas gleichförmigen Leben der dargestellten Stars geschuldet ist, sei dahingestellt. Mit Todd Haynes' I'm not There (2007) gibt es mittlerweile einen radikalen Versuch, diese Form aufzubrechen. Einen anderen Weg wählt Walk Hard: Die Dewey Cox Story: Hier wird der oben angeführte Dreiklang nicht wie in einem Kaleidoskop bis zur Unkenntlichkeit zersplittert, sondern im Gegenteil bis zur Kenntlichkeit übertrieben. In der Erhöhung zum Klamauk enthüllt das Schema seine wahre Natur.

Walk Hard

Und so ist die mehr oder weniger fiktive Geschichte des Rockstars Dewey Cox (John C. Reilly) ein Konglomerat aus vielen vorangegangenen Filmen, vor allem aber aus den bereits genannten Walk the Line und Ray. Letzterer liefert das Ambiente für das erste Drittel, bis in die Beleuchtung hinein, mit der Kindheit in Armut und dem alten Schwarzen, durch den der Kontakt zur Musik zustande kommt. Die Zeit des Aufstiegs ist dann ganz der Johnny-Cash-Biographie gewidmet, einschließlich eines wunderbaren Duetts zwischen Cox und Darlene (Jenna Fischer), in dem es - anders als bei Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon - vor brüllend komischen sexuellen Anspielungen nur so wimmelt. Aber nicht nur die Biopics neuerer Machart werden verarbeitet. Zwischendrin gibt es immer wieder Sequenzen, die die alten Beatles-Filme persiflieren oder auch Bob-Dylan-Dokus wie Don't Look Back (1965), einschließlich dem Wechsel zu Schwarzweiß und Handkamera. Walk Hard eignet sich das Genre des Musikfilms ungefähr so an, wie es die Nackte-Kanone-Filme (1988-1994) mit den Detektivgeschichten getan haben. Manche Gags sind sogar direkt von dort übernommen, etwa wenn durch einen absichtlich auffälligen Schnitt ein muskulöser Oberkörper entsteht, wo eigentlich wohl eher eine Hühnerbrust zu vermuten wäre.

Walk Hard

Als Komödie mit viel Körperflüssigkeitenhumor reiht sich Walk Hard nahtlos in Werke wie Superbad, Beim ersten Mal (beide 2007) oder Ricky Bobby (2006) ein, an denen ebenfalls Produzent Judd Apatow beteiligt war. Eine besonders böse Anspielung gibt es gleich zu Beginn, wenn der kleine Cox beim kindlichen Spiel mit Macheten (!) aus Versehen seinen Bruder in zwei Stücke schlägt. Manchem Johnny-Cash-Fan mag in diesem Moment das Herz stocken, denn Cashs Bruder kam in jungen Jahren bei einem Unfall mit einer Kreissäge zu Tode (der von Ray Charles, das nur am Rande, ertrank als Kleinkind in einem Bottich). Und so wie in Walk the Line immer mal wieder vor dem geistigen Auge des Protagonisten eine Kreissäge auftaucht, zieht sich die Machete leitmotivisch durch die Dewey Cox Story; „the wrong kid died“, sagt immer und immer wieder der Vater.

Die Stärke von Jake Kasdans Inszenierung liegt nicht nur in solchen und ähnlichen kalkulierten Aufregern (einmal befindet sich beiläufig ein primäres männliches Geschlechtsmerkmal im Bild, für gefühlte zwei Minuten, und zwar keineswegs verschämt im Hintergrund) . Sondern vielmehr in herrlich auf den Punkt gebrachten Klischees. Zum Beispiel in der Parodie jener Sequenz, die in fast jedem Musikfilm vorkommt, um den Durchbruch, den ersten Ruhm zusammenzufassen. Das sieht hier so aus: Dewey, noch unbekannt, ist im Studio und muss den skeptischen Produzenten überzeugen, ihm noch eine Chance zu geben. Er fängt an zu singen, der Produzent wechselt bereits nach zwei Takten von totaler Ablehnung zu kompletter Begeisterung. Umgehend wird das Lied im Radio gespielt (der DJ ruft: „Recorded by Dewey Cox just 34 Minutes ago.“), und als der frisch gebackene Star aus dem Studio auf die Straße tritt, rennt ihm bereits eine Schar Fans entgegen, mit Platten in der Hand, zum signieren. Würde das Schule machen, ließe sich die Geschichte so manchen zu lang geratenen Films in den 3 Minuten 30 Sekunden eines klassischen Popsongs erzählen.

Walk Hard

Walk Hard ist aber auch, und vor allem, eine Gelegenheit, den wunderbaren John C. Reilly endlich einmal in einer Hauptrolle zu sehen. Mit seiner etwas zerknautschten Mimik kann er eine vollkommene Naivität auf sein Gesicht zaubern, mit der er wie ein musikalisch begabter Forrest Gump durch die Handlung stolziert. Dabei holt er die Aura der großen Stars auf die Reihenhausebene. Deweys Version eines Rockstar-Wut-Anfalls besteht im Umbiegen von Löffeln in der heimischen Küche. Das ist vielleicht nicht die Zukunft des Rock'n'Roll, aber doch eine vergnügliche Veralberung seiner Vergangenheit.

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