Wahre Lügen
Eine tote Hotelangestellte in der Badewanne sorgt auch zwei Jahrzehnte später noch für reichlich Ärger. Atom Egoyan erzählt in seinem neuen Film eine Geschichte im Stil des „Film Noirs“, voller Drogen, Sex und Gewalt.

Der amerikanische „Film Noir“ der Vierziger und Fünfziger Jahre hat bis heute einen großen Einfluss auf die Filmproduktion. Werke aus unterschiedlichsten Genres und Ländern griffen - vor allem in den letzten 25 Jahren – immer wieder auf visuelle und dramaturgische Elemente sowie die Figurenkonstellationen der damaligen düsteren Gangsterdramen zurück, vom Science Fiction-Klassiker Blade Runner (1982) bis zur japanischen Zeichentrick-Dystopie Akira (1988, basierend auf dem gleichnamigen Comic).
Erst vor kurzem versuchte David Cronenberg in seinem neuesten Werk A History of Violence (2005) eine sehr persönliche Neuinterpretation des Genres. Atom Egoyan beschäftigt sich in seinem ersten Film seit 2002 (Ararat) ebenfalls mit diesem Abschnitt der Filmgeschichte, bleibt aber deutlich näher an Thematik und erzählerischem Stil der Originale. Inhaltlich ist alles vorhanden, was einen guten „Film Noir“ ausmacht: Verbrechen, Männer mit düsterer Vergangenheit und eine Femme Fatale. Was die Darstellung von Drogenmissbrauch und Sex in allen Spielarten angeht, kann Wahre Lügen (Where the Truth Lies) allerdings um einiges expliziter werden als die klassischen Vorbilder.

Wahre Lügen erzählt die Geschichte der beiden ehemaligen Starkomiker Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth), die nach einem Skandal um die ermordet in ihrem Badezimmer aufgefundene Hotelangestellte Maureen O’Flaherty (Rachel Blanchard) unter Mordverdacht gerieten und bald darauf getrennter Wege gingen. Die Geschichte setzt knapp 20 Jahre später ein und beginnt damit, dass die junge Reporterin Karen O’Connor (Alison Lohman) ein Interview mit Collins führen will, in dem dieser die Geheimnisse der Vergangenheit enthüllen soll. Zufällig trifft die ehrgeizige Journalistin allerdings noch vor dem Gespräch in einem Flugzeug Collins ehemaligen Partner Morris, welchen sie seit ihrer Jugendzeit verehrte, und hat eine kurze Affäre mit ihm. Als Collins dies erfährt, ist auch die Situation in der Erzählgegenwart ähnlich verfahren wie die Geschichte um den alten Mordfall, die Stück für Stück ans Licht kommt und in Rückblenden, nach den Erinnerungen verschiedener Beteiligter, erzählt wird.
Egoyan entwickelt seine Geschichte parallel auf zwei Zeitebenen, die auch optisch unterschiedlich dargestellt werden. Die Fünfziger Jahre erscheinen als eine hochstilisierte Traumwelt, überflutet vom künstlichen Licht der Scheinwerfer, vom Weichzeichner gedämpft, das perfekte Ambiente für eine Hochglanz-Gangstergeschichte voller überzeichneter Charaktere und überbordender Sexualität. Die Welt der Erzählgegenwart in den Siebzigern dagegen ist naturalistischer abgefilmt, wird von matten Farben und härterem Licht dominiert, die Figuren haben einen anderen Bezug zur Realität, auch die allgegenwärtigen Drogen funktionieren auf eine ganz andere Weise.

Wahre Lügen versucht nicht, wie so viele andere Filme, durch visuelle Klischees und zeitgenössische Popmusik vergangene Jahrzehnte wiedererwecken zu wollen, sondern entwickelt eine ganz eigene Ikonographie, die von dem äußerst vielseitigen Soundtrack unterstützt wird. So ist Egoyans Werk mehr als eine nostalgische Reminiszenz an vergangene Zeiten und Filme und entwickelt sich stellenweise zum Diskurs über die mediale Reproduktion von Geschichte, glücklicherweise ohne die Thrillerhandlung zu vernachlässigen.
Neben der oft verwirrenden Visualisierung sorgt auch die Erzählstruktur dafür, dass Wahre Lügen mehr ist, als ein stilisierter „Whodunit“. In der Tradition des „Film Noir“ arbeitet der Regisseur nicht nur mit Rückblenden, sondern auch mit „Voice-Over“-Kommentaren, welche allerdings nicht, wie im klassischen Kriminalfilm, nur von der Hauptfigur, sondern von verschiedenen Personen stammen und deren tatsächlicher Wahrheitsgehalt jeweils neu bestimmt werden muss. Und auch den Bildern kann man nicht bedingungslos trauen...
Egoyan, der bereits 1994 mit Exotica eine beeindruckende Arbeit in der Tradition der schwarzen Serie gedreht hatte, gelingt es, die alten Erzähltechniken zu modernisieren und in mancher Hinsicht auf die Spitze zu treiben: die Rückblenden erschaffen eine noch komplexere Zeitstruktur, das multiple „Voice-Over“ beraubt das Publikum oft jeglicher Orientierung und verhindert einfache Identifikationsstrukturen, die Charaktere erscheinen deutlich ambivalenter als in den klassischen Vorbildern. Dass die Geschichte, die am Ende zum Vorschein kommt, nicht allzu originell ist, sollte nicht stören; dieses Schicksal teilt sie mit dem Großteil aller Kriminalstorys, die stets mehr Wert auf die Präsentation legen als auf den tatsächlichen Handlungskern.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 04.01.2006
Kommentare zu Wahre Lügen
Philip 17.01.2006 18:37
Einer del langweiligsten Filme seit langem!
Endlose Überlegungen der Hauptdarstellerin, sehr wenig Handlung, viel BlaBla...
Und was fuer eine tolle Pointe am Ende!!
Verdammt, ich wuerde mir diesen Film nicht noch einmal antun!
Jim 14.02.2006 15:01
sehneswerter streifen, kann man sich auf jeden fall anschauen, alle schauspieler spielen gut, aber kevin bacon überragt
Martin Z. 08.07.2009 13:33
Eine sehr komplexe und detaillierte Darstellung von zwei Charakteren: Vince(Collin Firth) und Lanny (Kevin Bacon). Beide stehen als berühmte Showstars auf der Bühne und blödeln zwischen unverschämten Publikumsbeschimpfungen und schlüpfrigen Anzüglichkeiten hin und her, zwischen schnulzigen Sentimentalitäten und kohlebringenden Wohltätigkeitsveranstaltungen. Beide sind skrupellos, unmoralisch, vergnügungssüchtig, jähzornig und gefährlich. Und in einer Art Hass-Liebe mit einander verbunden. Wer von beiden hat die Gelegenheitsnutte Maureen umgebracht? Eine überraschende Lösung wird am Ende geboten, obwohl dies ein allseits bekanntes englisches Bonmot beschreibt. Nicht nur die äußerst verschachtelte Story verblüfft, sondern auch die optischen Überblendungen sollen bewusst verwirren. Man kann diesen spannenden Film durchaus zweimal genießen, so gut gemacht ist er, vor allem der lyrische Schluss ist typisch Egoyan.
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Film-Angaben
Titel: Wahre Lügen
Originaltitel: Where the Truth Lies
Kanada, Großbritannien, USA 2005
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Atom Egoyan
Drehbuch: Atom Egoyan
Produktion: Robert Lantos
Darsteller: Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Rachel Blanchard, Sonja Bennett
Kinostart: 02.02.2006
DVD-Angaben
Titel: Wahre Lügen
Vertrieb: Eurovideo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: k.A.
Verleih ab: 06.07.2006
Verkauf ab: 16.08.2006
Copyright Wahre Lügen
Fotos: © Concorde
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