W. - Ein missverstandenes Leben

Es ist nicht leicht, ein Bush zu sein.

W. - Ein missverstandenes Leben

George W. Bush hat es geschafft. Im Oval Office diskutiert er die Sprachregelung für seinen Kampf gegen den Terror. Spontan kommt ihm „Achse des Hasses“ in den Sinn, doch der anwesende Redenschreiber (Colin Hanks) kann ihn davon abbringen und schlägt die Variante „Achse des Bösen“ vor. Es entspinnt sich eine kontroverse Diskussion, bei der schnell die Fronten klar werden. Auf der einen Seite, das findet hier auch seine Entsprechung in der Sitzanordnung, plädieren Condoleezza Rice (Thandie Newton) und Colin Powell (Jeffrey Wright) für einen gemäßigteren und differenzierten Umgang mit der Materie. Dafür erhält zumindest sie einen gut gemeinten Kommentar vom Chef: „as always, girl – sharp!“

W. - Ein missverstandenes Leben

Der burschikose, kumpelhafte Umgang mit seinem engeren Zirkel zeichnet den Präsidenten aus – unweigerlich bereits in den Anreden zu erkennen. Donald „Rummy“ Rumsfeld enthält sich einer Meinung, doch CIA-Direktor „Brother George” Tenet bezieht Stellung. Genauso wie der stellvertretende Stabschef Karl Rove (Toby Jones) und der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz (Dennis Boutsikaris). Der nennt den Iran „mothership of terrorism“. Die offensichtlich wichtigste Rolle in dieser Beratungsrunde nimmt allerdings Richard „Dick“ Cheney (Richard Dreyfuss) ein, der es sich leistet, später zu kommen und am Türrahmen zu verweilen. Als er sich dem Plädoyer für „Achse des Bösen“ anschließt, ist die Entscheidung gefallen. Abgerundet wird sie mit einem Gebet.

Mit dieser frühen Sequenz gelingt Regisseur Oliver Stone ein leiser Paukenschlag. Er gestattet dem Zuschauer das, was dem vermeintlich am meisten am Herzen liegt: einmal durchs Schlüsselloch schauen und die wichtigsten amerikanischen Politiker bei ihren Entscheidungsfindungen beobachten. Das bannt schon deshalb Interesse, weil man sich zunächst eine Übersicht verschaffen muss: Wer ist wer, und vor allem: Wer spielt wen?

Stone lässt die politischen Schwergewichte von schauspielerischen Schwergewichten verkörpern. Scott Glenn als Donald Rumsfeld zu besetzen ist ein genialer Schachzug, aus dem der Film allerdings keinerlei Kapital zieht. Denn näher als in dieser Szene kommen wir den Personen nie, und alles, was Stone erzählen möchte, ist er an diesem Punkt bereits losgeworden.

W. - Ein missverstandenes Leben

Die Konfliktpunkte sind deutlich, die Verhältnisse auch. Colin Powell kann sich gegen die rechtslastige Mehrheit im Kabinett um seinen Konkurrenten, den ölgeilen Dick Cheney, nicht durchsetzen. Er wird sich bei der Argumentation um die Beweislage für einen Krieg gegen den Irak überstimmen lassen. Welche Konsequenzen der Politiker daraus zieht, dafür findet W. - Ein missverstandenes Leben (W.) keinen Platz, denn er ist ganz seinem Titelgeber gewidmet. Alle anderen Figuren entfalten ihre Bedeutung nur im direkten Zusammenspiel oder Widerstreit mit Bush junior. Und das läuft immer reichlich ähnlich ab. So wird Cheney später noch, wieder im freundschaftlichen Ton, aber doch deutlich, für seine exaltierte Position während der Diskussion gerüffelt. Niemand solle verkennen, wer der Chef im Ring sei und wer die Entscheidungen fälle. Ähnliches bekommt auch Karl Rove mit auf den Weg, schon während des ersten Wahlkampfs um den Posten als Gouverneur von Texas.

Bush – so viel gesteht ihm der Film zu – weiß um die Kritikpunkte von außen und möchte ihnen keinerlei Nahrung geben. Er steckt durchgehend in dem Dilemma, ein Mann des Volkes und gleichzeitig alleiniger Entscheidungsträger zu sein, nicht der geistig limitierte Nachplapperer seiner fähigen Beraterelite.

W. - Ein missverstandenes Leben

Eigentlich möchte dieser George W. Bush doch nur den Respekt seines tadellosen Vaters – obwohl er dessen politisches Vermächtnis weit weniger schätzt als das eines Ronald Reagan. Während Stone einem anderen republikanischen Präsidenten, Richard Nixon, in seinem 1995 entstandenen filmischen Porträt nicht nur über drei Stunden Spielzeit, sondern vor allem eine große persönliche Ambivalenz einräumte, reduziert er seinen dritten präsidialen Titelhelden auf dessen Vater-Komplex.

Dabei zeichnet er den Texaner als Taugenichts, der die Begabten beinahe unmerklich aussticht. Als überhole ein Trucker mit ächzendem Motor auf dem Seitenstreifen die im Stau stehenden Linksfahrer mit ihren Limousinen und Sportwagen. Deren Inkarnation ist in diesem Fall George W.s jüngerer, talentierter Bruder Jeb, dem von den Eltern schon eine glänzende Karriere prophezeit wird, als der Ältere sich noch mit Alkoholexzessen herumschlägt. Leider wird diesem Jeb, der 2000 als Gouverneur von Florida nicht unerheblichen Anteil an der umstrittenen Wahl seines Bruders zum Präsidenten hatte, in W. kein Gesicht verliehen. Nur in einer marginalen Szene taucht er auf – ein Schicksal, das dem Großteil des Personals widerfährt. Auch Condoleezza Rice ward bald nicht mehr gesehen, was insofern vielleicht Sinn macht, als Thandie Newton für diese Rolle genauso deutlich zu jung ist wie Jeffrey Wright für die des Colin Powell.

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Neben Scott Glenn als „Rummy“, Richard Dreyfuss als diabolischer Cheney und James Cromwell als erstaunlich weiser George Bush senior bleibt vor allem ein Duo in Erinnerung, das erst in den letzten Jahren in das Bewusstsein der Kinogänger gerückt ist. Toby Jones, der manchmal wie ein kleiner Bruder Bud Corts wirkt, hatte zunächst die undankbare Aufgabe gemeistert, nach Philip Seymour Hoffmans oscarprämierter Darstellung als Capote (2005) dem Schriftsteller ebenfalls Gesicht und Stimme zu leihen (Kaltes Blut – Auf den Spuren von Truman Capote, Infamous, 2006). Dann fiel er in der bemerkenswerten Stephen-King-Adaption Der Nebel (The Mist, 2007) auf, ehe er hier der politischen Karriere Bushs ein Hintergrund-Gesicht gab. Zentrum von W. bleibt aber ganz Josh Brolin, der, eine Parallele zu seiner Filmfigur, selbst lange Zeit im Schatten seines Vaters stand, ehe er in No Country for Old Men (2007) einen längst vergessenen archetypischen Männerschlag wieder belebte.

Konsequent ist diese Konzentration auf den Protagonisten schon, sie führt im Falle von W. jedoch in eine Sackgasse. Der Film widmet sich immerhin über zwei Stunden einem Mann, der seinen Traum, Mitinhaber und Manager eines Baseballteams zu sein, früh verwirklichte und im Anschluss, ein wenig aus Mangel an Alternativen, in die Politik auszog, um die unrühmlichste Präsidentschaft der jüngeren amerikanischen Geschichte anzutreten. Mehr als dieses Kuriosum zu konstatieren vermag Stone leider nicht.

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