Ihr werdet euch noch wundern

Fröhliche Lieder von Liebe und Tod, von einem und vielen, Theater und Film.

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Die Wahrheit ist eine Femme fatale. Sie hat ein anderes Gesicht für jeden ihrer Lover. Sieht in ihr der Erste seine frische, glühende Geliebte, beschreibt sie der Zweite als launisches und mitleidloses Biest. Zwei Wahrheiten jedoch kann und will ein Mann aus Prinzip nicht nebeneinander gelten lassen, also muss es zweimal Schauspiel, zweimal Lüge sein. Oder?

Alain Resnais scheint anderer Auffassung zu sein: warum streiten, warum dieser Egoismus? Warum sich nicht über zwei, drei, unendlich viele Wahrheiten gleichzeitig freuen? Resnais’ Einheit ist die Mannigfaltigkeit in Ihr werdet euch noch wundern (Vous n’avez encore rien vu), einem Film voller Falltüren, Gabelungen und Reflexionen, einem Film über das Kino mit den Mitteln des Theaters, und andersherum, also: beides zugleich.

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Resnais beweist, dass man auch heutzutage noch ästhetisch verblüffende Tricks aus dem alten Hut der Postmoderne zaubern kann, man muss sie nur befreien aus ihrem morsch gewordenen Korsett der Häme und Zerstörungsfreude. Was übrig bleibt, ist pure Lust am Spiel, sind endlose Möglichkeiten der Konstruktion von Bedeutung, Identität und Wahrheit. Und daraus lassen sich, entgegen allen Unkenrufen, durchaus feste Fundamente zimmern.

Wie die Erzählung hier immer neue Haken schlägt, sich ständig selbst verschluckt und wieder ausspeit, ist unmöglich im Detail wiederzugeben. Ihr werdet euch noch wundern ist ein Film voll visuell-temporaler Effekte, voller brüchiger Diegesen und prekärer Gleichgewichtszustände, er verlangt nach Augen ohne Lesebrille. Es soll hier genügen, in groben Strichen die Beteiligten zu inventarisieren. Da gibt es ein knappes Dutzend großer französischer Schauspieler, die sich auf den Wunsch eines verstorbenen Theaterregisseurs einen Film anschauen. Der Film im Film ist eine Reinszenierung von Jean Anouilhs Eurydice, selbst eine modernisierende Adaption der griechischen Sage, und alle Schauspieler haben schon einmal dieses Stück für den Toten gespielt, und in Wirklichkeit in Filmen Alain Resnais’. Man sieht: Es gibt genug Netzwerke und Ebenen, um fröhlich mit dem Bauen zu beginnen.

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Zwischen all diesen Plateaus vermittelt der Text des Stücks. Er ist zugleich festes Fundament und Wirbelwind, der die Ontologien ineinander stürzen lässt. Alsbald übernehmen die Worte die Kontrolle, aus den Zuschauern der gefilmten Aufführung werden wieder Schauspieler, die in ihre alten Rollen zurückfallen. Der Text bringt sie zur Aufführung, nicht umgekehrt. Und dann sagen plötzlich drei Frauen, dreimal unterschiedlich, an drei verschiedene Männer gerichtet: „Ich liebe dich.“ Als erweckte Resnais den alten Derrida mit seiner Kamera neu zum Leben, wie Orpheus seine Eurydike mit dem Gesang aus dem Hades locken wollte: Die Sprache wird wieder magisch. Die Worte müssen wiederholbar sein, um verstanden zu werden, und zugleich unbeweglich, um zu bedeuten. „Ich liebe dich“ sind stets die gleichen drei Worte, in allen Mündern, aber ihre Botschaft will einmalig sein. Welche der drei Liebenden ist die wahre Eurydike, welcher der wahre Orpheus? Alle und keine(r).

Resnais inszeniert mit hemmungsloser Übertreibung, wie in Mélo (1986) vor dezidiert antinaturalistischen, bühnenartig entleerten Sets. Hier ist sein neuester Film ganz Theater. Aber er ist auch Blockbusterkino, mit schäbigem Synthiebombast von Mark Snow (wie in Vorsicht Sehnsucht, Les herbes folles, 2009), gedreht in gigantischem Cinemascope und voller langer, gleitender Kamerafahrten.

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Resnais beginnt seinen Ringelreihen der wandernden Bedeutungen und Identitäten mit einer Dynamik, die unmöglich über den ganzen Film aufrechterhalten werden kann. Das erste Drittel ist eine frenetische, jubelnde Feier der Jahrmarkttricks und filmischen Kniffe, mit digitalen Spielereien, Überblendungen, Splitscreens. So verschießt Resnais sein Pulver recht früh, die Wechsel der Ebenen werden seltener, statt für das Wandern der Worte zwischen verschiedenen Stimmen interessiert sich der Film mehr und mehr für die ununterbrochene Dauer, den vollendeten Monolog. Ab und an wirkt er daher doch wie abgefilmtes Theater, ohne aber je an inszenatorischer Eleganz einzubüßen.

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Ihr werdet euch noch wundern ist das extravagante Capriccio eines Altmeisters. Resnais verfügt souverän über einen Cast von außergewöhnlicher Erfahrung und schauspielerischer Brillanz. Alle sind im Theater wie im Film gleichermaßen zu Hause, und ihr Spiel verknüpft die raumgreifenden Bewegungen der Bühne mit dem intimen Geflüster vor der Kamera. Theater und Film werden hier zu tragischen Geliebten, für immer aneinander gebunden, von Anfang an entzweit. Wenn der Text Themen wie Leben und Tod streift, unmögliche Wiederauferstehung und die unstillbare Sehnsucht nach ihr, dann lässt uns Resnais grübeln über das Verhältnis zwischen den Künsten. Das Theater lebt, wie Eurydike, im Moment der Performance, sein Fluch ist die Flüchtigkeit, sein Segen die Wiederholbarkeit und die Aussicht, alles tausendmal Gesagte wie das erste Mal klingen zu lassen. Das Kino hingegen konserviert den einen einzigen Moment, die eine Version, und wiederholt sie getreulich. Wie Orpheus singt es den Trauergesang an ein immer schon verlorenes Leben. Dass man diesen Song jedoch auch fröhlich singen kann, beweist Resnais. Man muss nur aufgeben, nach dem einen Gesicht der Geliebten zu suchen, dann kann auch die eine filmische Version, umschlungen von den Variationen der theatralen Wiederholung, eine mannigfaltige sein. 

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Kommentare


Martin Zopick

Bereits die Vorlage von Anouilh erfordert vom Zuschauer Fantasie und geistige Beweglichkeit. Resnais dreht noch ein paar Umdrehungen an der Schraube des Verständnisses. Seine Lieblingsschauspieler werden mit ihrem richtigen Namen vorgestellt. Es beginnt wie eine Art Treffen der Ehemaligen zu einem Screening. Quasi als letzten Willen des Regisseurs. Die ‘alte Garde‘ schaut sich eine Theateraufführung an und greift ins Geschehen auf der Leinwand ein. Wiederholungen, Überschneidungen. Ganz allmählich kristallisieren sich zwei Pärchen der ‘Alten‘ heraus: Arditi/Azéma und Wilson/Consigny. Unter anderem gehen ihre Dialoge in Richtung des Eurydike-Themas: mit dem Blick zurück und der Erlösung oder dem Tod als Option.
Nach Verwunderung und Überraschung folgt man der Handlung und einer von Worten kreierten Situation, die sich mit den Personen ändert. Man erkennt Piccoli als Vater, Anne Duperey als Mutter und Amalric als Götterboten. Die Figuren sind real, die Situation, in der sie agieren ist fiktiv. Aber denken wir an den Titel!?
Nachdem der Verstorbene gar nicht tot war, gibt es noch einen kurzen Dialog:
-Darf Orpheus sie anschauen?
-Ja.
- Orpheus ist bei Eurydike. Endlich. Klar, was das bedeutet!?
Geht nun der angeblich tote Regisseur etwa ins Wasser? Der Titel weiß die Antwort.
Ein Arthouse Spezial. Genuss für Genießer. Brotsuppe für Realos.






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