Vorsicht Sehnsucht

Erwarten Sie besser nichts von Alain Resnais’ surrealer Tragikomödie – es passiert garantiert anders oder nie. Der Gewinner des Spezialpreises der Jury in Cannes ist so impulsiv und unvorhersehbar wie das Verhalten seiner Protagonisten. 

Vorsicht Sehnsucht

zoomicon

Marguerite Muir (Sabine Azéma) zum Beispiel nimmt erst mal ein Bad, als ihr die Handtasche geklaut wird, anstatt zur Polizei zu gehen. Georges Palet (André Dussollier) findet ihr Portemonnaie, überlegt allerdings, ob er nicht zuerst zwei vorbeispazierende junge Damen umbringen sollte, bevor er sich weiter um den Fund kümmert. Vielleicht ist der harmlos aussehende Georges wirklich ein Mörder oder aber nur ein pensionierter Familienvater mit aggressiven Fantasien und irritierenden inneren Monologen – wie manches in diesem Film bleibt es ein Rätsel.

Das Bild von Marguerites Pilotenschein in ihrer Brieftasche verwandelt den 63-Jährigen in einen obsessiv verliebten Teenager, der gleichermaßen romantisch wie wahnsinnig sein könnte. Der Mann, der vom Fliegen träumt und damit Kindheitserinnerungen verbindet, verliert die Bodenhaftung und heftet sich an die Fersen der Zahnärztin und Hobbypilotin. Er ruft die Frau mit den ungewöhnlichen Füßen und der feuerroten Wildwuchsfrisur an, schreibt ihr Briefe und verfolgt sie. Dass Marguerite abweisend reagiert, kann Georges nicht aufhalten.

Vorsicht Sehnsucht

zoomicon

Georges ist eines der „verrückten Kräuter“ (so der Originaltitel Les herbes folles), die mit Vorliebe an den unpassendsten Plätzen wachsen, wie das Gras, das sich in einer frühen Szene durch Risse im Asphalt zwängt. Das Motiv symbolisiert nicht nur die Eigenwilligkeit und Unkontrollierbarkeit von Gefühlen, sondern steht auch für die Kraft des Unterbewussten und die vergleichsweise schwache Schicht der Rationalität, mit dem sich der 87-jährige Regisseur in seinen Werken wiederholt beschäftigt hat, unter anderem in den Klassikern Hiroshima mon amour (1959) und FilmLetztes Jahr in Marienbad (L’année dernière à Marienbad, 1961).

Vorsicht Sehnsucht

zoomicon

In seinem letzten Film FilmHerzen (Coeurs, 2006) fehlen die (Schutz-)Decken der Vernunft und Logik manchmal buchstäblich und der permanente Schneefall gelangt direkt in die Wohnungen der einsamen, emotional unterfrorenen Protagonisten. Doch wie das hartnäckige Gras in Resnais’ aktuellem Beziehungsexperiment ist der zwanghafte Georges schließlich tatsachlich erfolgreich und das Blatt wendet sich: Marguerite wird zur Stalkerin und Georges zu ihrem Objekt der Begierde, bevor die Handlung im letzten Drittel erneut eine andere Flugrichtung einschlägt.

Der für unkonventionelle und antirealistische Erzählformen bekannte Regisseur hat mit Vorsicht Sehnsucht den Roman L’incident (1996) des französischen Autors Christian Gailly verfilmt, an dem ihn besonders die ambivalenten Dialoge fasziniert haben, die er weitgehend unverändert übernommen hat. Das mehrdeutige und widersprüchliche Auftreten der Figuren wird durch das vielfach gleichzeitige Ja und Nein ihrer Aussagen noch unterstrichen. Ein unentschlossener anonymer Off-Erzähler, der sich nach Lust und Laune ins Geschehen einmischt und dann wieder für längere Zeit abtaucht, sorgt für zusätzliche Verwirrung.

Vorsicht Sehnsucht

zoomicon

Das Spiel der beiden Hauptdarsteller ist wie das in FilmHerzen immer etwas übertrieben, aufgekratzt und an der Grenze zur Farce. Einige Szenen wirken so boulevardtheaterhaft wie in der Alan Ayckbourn-Adaption Smoking/No Smoking (1993), manche erinnern an Screwball-Komödien aus den 30er Jahren, andere könnten wiederum einem Hitchcock-Thriller entstammen. Nicht zuletzt ist Vorsicht Sehnsucht mit seinem ausgelassenen Genre-Mix, den zahlreichen Referenzen und dem Einspielen der 20th-Century-Fox-Fanfare eine Hommage an das Kino. Hier begegnen sich Marguerite und Georges zum ersten Mal, und hier muss Georges beim Anblick der Fliegerromanze Die Brücken von Toko-Ri (The Bridges at Toko-Ri, 1954) wie schon viele Resnais-Protagonisten vor ihm feststellen, wie unzuverlässig und wirklichkeitsentfremdend die menschliche Erinnerung sein kann.

Vorsicht Sehnsucht

zoomicon

Frei assoziierend und realitätsfern scheint Resnais’ gesamte Inszenierung, mehr noch als seine Umsetzungen der letzten Jahre. Die Schauplätze sind oft bewusst künstlich gestaltet und wirken wie die Kulissen eines Filmstudios. In Kombination mit Neonbeleuchtung und dem starken Blau und Rot des Setdesigns entsteht der Eindruck, man befinde sich in einer (Alb-)Traumwelt oder im bunten Kopfkino der Hauptfiguren. Unter der artifiziellen, verspielten Oberfläche verbirgt sich aber ein wirklichkeitsnaher, melancholischer Kern über das Wesen von Sehnsucht und Vorstellungen. Darüber, wie bereits ein einzelnes Bild die Imagination ankurbelt und einen Erwartungsprozess in Gang setzt. Für Georges ist es Marguerites Pilotenschein, für den Zuschauer von Vorsicht Sehnsucht kann es die erste Einstellung des Films sein. Beide müssen sich auf Unerwartetes gefasst machen. „Nach dem Kino kann einen nichts überraschen, alles ist möglich“, meint Georges einmal. Resnais’ abenteuerfreudiges Werk ist hierfür ein schöner Beleg.

Filmkritik von Birte Lüdeking

Veröffentlicht am 08.04.2010

Kommentare zu Vorsicht Sehnsucht

Es gibt bisher noch keine Kommentare.

Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Vorsicht Sehnsucht. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.

Kommentar schreiben

*
*
*


*

Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.

Blog: Berlinale im Dialog

Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog

 
 

Film-Angaben

Titel: Vorsicht Sehnsucht

Originaltitel: Les herbes folles

Frankreich 2009

Laufzeit: 104 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

 

Regie: Alain Resnais

Drehbuch: Alex Réval, Laurent Herbiet

Basierend auf dem Roman L’incident (1996) von: Christian Gailly

Produktion: Jean-Louis Livi

Bildgestaltung: Eric Gautier

Montage: Hervé de Luze

Musik: Mark Snow

Darsteller: André Dussollier, Sabine Azéma, Anne Consigny, Emmanuelle Devos, Mathieu Amalric, Michel Vuillermoz, Annie Cordy

 

Kinostart: 22.04.2010

 

Weitere Filme

... von Alain Resnais

Herzen
Frankreich 2006
Mit André Dusollier, Laura Morante

Letztes Jahr in Marienbad
Frankreich 1961
Mit Giorgio Albertazzi, Delphine Seyrig

Hiroshima mon amour
Frankreich, Japan 1959
Mit Emmanuèle Riva, Eiji Okada

... mit André Dussollier

Mein liebster Alptraum
Frankreich, Belgien 2011
Von Anne Fontaine

Micmacs - Uns gehört Paris!
Frankreich 2009
Von Jean-Pierre Jeunet

Kein Sterbenswort
Frankreich 2006
Von Guillaume Canet

... mit Sabine Azéma

Herzen
Frankreich 2006
Von Alain Resnais

Malen oder lieben
Frankreich 2005
Von Arnaud Larrieu, Jean-Marie Larrieu

 

Links

Vorsicht Sehnsucht Pressespiegel film-zeit.de

Vorsicht Sehnsucht auf moviepilot

IMDB-Eintrag zu Vorsicht Sehnsucht

 

Copyright Vorsicht Sehnsucht

Fotos : © Schwarz-Weiss

 

Neue Kritiken

alle neuen Kritiken

 

Neueste Kommentare

 

Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen

Interview mit Christoph Terhechte, Leiter des Forums der Berlinale. weiter

 

Boardwalk Empire

Die erste Staffel der HBO Serie auf DVD weiter

 

Überlebensstrategien im Japan der Nachkriegszeit

Retrospektive des japanischen Filmemachers Kawashima Yuzo im Forum auf der Berlinale 2012. weiter