Von Löwen und Lämmern

”Do you want to win the war on terror? Yes or No? This is the quintessential Yes or No question of our time.“

Von Löwen und Lämmern

Tom Cruise gibt in Robert Redfords Von Löwen und Lämmern (Lions for Lambs) den knallharten Neokonservativen Jasper Irving, der in einem Interview Meryl Streep als idealistischer Journalistin nur anfangs Rede und Antwort steht. Alsbald dreht er den Spieß um. Denn auf der Anklagebank steht hier nicht in erster Linie die Regierung Bush – diese ist von Anfang an im Unrecht und muss nicht mehr aufwändig kritisiert und verurteilt werden. Vielmehr geht es um das Versagen des liberalen Amerikas, das in vorauseilendem Gehorsam den Konservativen den Weg ebnete und irgendwo zwischen embedded journalism und zynischer Politikverdrossenheit die eigene Integrität verloren hat.

Trotz Filmen wie Flug 93 (United ’93, 2006) oder Oliver Stones World Trade Center (2006) sind die Antworten Hollywoods auf die geopolitischen Veränderungen seit dem 11.9.2001 bisher recht spärlich gesät, zumindest wenn man darauf verzichtet, die Folterexzesse in Saw 3 (2006) oder Hostel (2006) als Allegorien auf Abu Ghraib zu lesen. Nun hat die Zurückhaltung ein Ende und die international erfolgreichste Filmindustrie der Welt beginnt damit, ihren Teil zu der Bilderflut hinzuzufügen, die den sogenannten „War on Terror“ bislang vorwiegend über Fernsehen und Internet Tag für Tag medial vervielfältigt. Eine ganze Reihe von Filmen wird sich in den nächsten Monaten mal mehr, mal weniger direkt mit den aktuellen Konflikten in Afghanistan und im Irak befassen, von Paul Haggis’ In the Valley of Elah (2007) bis zu Brian De Palmas Redacted (2007).

Von Löwen und Lämmern

Robert Redford nimmt sich des Afghanistan-Konflikts an. Cruises Irving entwirft einen neuen Plan für den finalen Sieg gegen die Taliban. Während die ersten Truppen bereits auf dem Weg in die afghanischen Hochplateaus sind, absolviert der Senator das PR-Programm. Von Löwen und Lämmern ist ein message picture, ein reiner Thesenfilm, der sich keinerlei Mühe gibt, seine Botschaft in einer klassischen Spielfilmhandlung mit psychologisch ausformulierten Figuren zu verpacken. Wenn Meryl Streep sich vor dem Interview die Lippen nachzieht, ist dies bereits Teil des politischen Programms des Films. Genauso wie die dandyhafte Sonnenbrille Andrew Garfields, der den zynischen Studenten Todd Hayes verkörpert. Nie verschwinden die Schauspieler hinter ihren Charakteren. Cruise bleibt immer Cruise, hier noch mehr als in seinen übrigen Rollen. Umso besser funktioniert die Montage, die den Weltstar gemeinsam mit George Bush auf einer Fotografie unterbringt. Auch Robert Redford bleibt immer Robert Redford, das selbsterklärte liberale Gewissen des amerikanischen Films. Und als solches lässt er es sich nicht nehmen, auch in Von Löwen und Lämmern als – man höre und staune – Professor der Politikwissenschaft Stephen Malley lautstark seine Ansichten zu vertreten.

Wie gesagt: Ein reiner Thesenfilm. In diesem Fall bedeutet dies vor allem eine ungeheure Dominanz des Dialogs. Mehr als die Hälfte des Films besteht aus zwei langen und intensiven Gesprächen: Das bereits erwähnte Interview Streeps mit Cruise einerseits und eine ebenso ausführliche Auseinandersetzung zwischen Redford und Garfield andererseits. Dabei geht es bei weitem nicht nur um Afghanistan. Verhandelt wird neben dem Nahostkonflikt in Gegenwart und Vergangenheit eine beeindruckend breite Palette an Themen, die beide Weltkriege, sowie den Vietnamkrieg, aber auch die veränderte Rolle der Medien in der modernen Kriegsführung oder amerikaspezifischere Bereiche wie affirmative action einschließt. Allzu viel Neues, so werden manche einzuwenden haben, verkünden Redford, Cruise, Streep und Garfield zwar nicht. Erstaunlich ist aber doch die Vehemenz und Ernsthaftigkeit, mit welcher Von Löwen und Lämmern die Befindlichkeiten des liberalen Amerikas in Diskursform ausbreitet.

Von Löwen und Lämmern

Nun ist Redford natürlich kein Radikaler, weder politisch noch ästhetisch. So gehorcht denn auch die Filmsprache in jeder Hinsicht den Regeln Hollywoods. Talking Heads in Großaufnahmen und die Schuss/Gegenschuss-Technik, Standardformel für Gesprächsszenen seit der Stummfilmzeit, prägen den Film. Und auch seiner minimalistischen Versuchsanordnung traut Von Löwen und Lämmern leider nicht ganz. So fügt Redford den beiden oben erwähnten lange Zeit völlig voneinander unabhängigen Erzählsträngen noch einen dritten hinzu, der die diskursiven, wie die inhaltlichen Ebenen des Films mehr schlecht als recht verbindet und auf den Kriegsschauplatz selbst führt.

Die von Cruise / Irving in Auftrag gegebene Attacke wird von Peter Berg – der jüngst mit Operation: Kingdom (The Kingdom) seinen eigenen, recht durchwachsenen Film zum Nahostkonflikt vorlegte, welcher noch dazu aus der Feder desselben Drehbuchautors stammt – als Lieutenant Falco geleitet. Gleich der erste Kampfhubschrauber der Operation gerät unter heftigen Beschuss und zwei Amerikaner finden sich alleingelassen auf einem Schneefeld wieder, umzingelt von bis an die Zähne bewaffneten Taliban-Kämpfern. Und ausgerechnet diese beiden Soldaten waren einst vielversprechende Studenten bei Redford / Malley.

Ärgerlich ist an den Afghanistan-Szenen weniger der Pathos, mit welchem Redford in dieser Episode äußerst großzügig umgeht. Ärgerlich ist vielmehr der Versuch, die politischen Auseinandersetzungen der restlichen beiden Filmdrittel mithilfe eines plumpen Drehbuchmanövers wieder in eine konventionelle Spielfilmhandlung zu integrieren. Zugutehalten kann man dem Film jedoch paradoxerweise sein Scheitern: Der Versuch gelingt nicht im entferntesten. Sowohl Cruises Neoconinterpretation als auch Redfords liberaler Idealismus weisen weit über das melodramatische Finale in den Bergen Afghanistans hinaus. Zurück bleibt ein ebenso ambivalentes wie hochinteressantes Stück Politkino, das einiges verspricht für die weiteren Auseinandersetzungen Hollywoods mit der Zeitgeschichte, welche diesen Herbst und Winter die deutschen Kinos erreichen werden.

Kommentare


Slosil

Ich habe kurze Zeit überlegt, ob die Afghanistan-Episode irgendwie weniger ernst gemeint ist, ob ich da Zynismus spüren sollte.

Ihr Artikel scheint das zu verneinen. Jetzt nehmen sie mir auch noch die Hoffnung, dass sich darin Intelligenz verbarg.


u.m. roth

ich habe gestern diesen film gesehen und ich bin total beeindruckt. kompliment in jeder hinsicht.
man kann auch alles zerreden wollen (s. kritik von lucas) dieser film ist sehr empfehlenswert.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.