Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre

Der „große Schweiger“ des deutschen Films im Porträt: In seinem Debütfilm geht Marcel Wehn auf Tuchfühlung mit Wim Wenders und forscht nach Verbindungen zwischen Leben und Werk.

Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre

Was Sie schon immer über Wim Wenders wissen wollten und nie zu fragen wagten: In welcher Landschaft fühlt sich der Regisseur am wohlsten? Wie ist er mit der Trennung von seiner ersten Freundin fertiggeworden? Warum entschloss er sich in den Siebzigern zu einer Psychoanalyse? Und was hat all das mit seinen Filmen zu tun?

Auf diese Fragen gibt Marcel Wehns Film Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre nun Antwort. Neben Wenders selbst, der abwechselnd als Fotograf in freier Natur und in einem Ausstellungsraum mit alten Fotos zu sehen ist, kommen in üblicher Dokumentarfilmmanier Freunde und Weggefährten zu Wort, unter anderem Bruno Ganz, Peter Handke und Robby Müller. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Wenders’ Liebesleben, dementsprechend breiten Raum nehmen die Statements seiner heutigen Ehefrau Donata und seiner diversen Verflossenen ein. Bei alledem geht es immer um die Verbindung zwischen Leben und Werk. „Wie soll man leben?“, um diese Frage drehen sich irgendwie auch alle seine Filme.

Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre

Lang lebe der Autor: Als hätte es darüber nie Debatten gegeben, präsentiert Marcel Wehn den Regisseur als originären Schöpfer des filmischen Werks und das Werk als logisches Resultat seiner Biografie. Man darf sich Wenders’ Leben demnach ungefähr wie einen Wenders-Film vorstellen: langsam, elegisch, ohne viel Worte, doch mit einem essenziellen Wendepunkt – in diesem Fall eine durch Überdosis Drogen verursachte Nahtoderfahrung – und nur gelegentlichen Anflügen von Humor. Eigentlich erklärt der Film weder das Leben aus dem Werk noch das Werk aus dem Leben, sondern präsentiert Leben und Werk als organische Einheit. Roter Faden ist die Eigen- und Fremdcharakterisierung Wenders’ als „großer Schweiger.“ Geschwiegen wurde schon am Mittagstisch bei seinen Eltern, und bis heute, erzählt seine Frau, sind ihm Worte nur schwer zu entlocken. Lieber malt er Bärchen, um seine Gefühle auszudrücken.

Von einem der auszog, entstanden als Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg, ist ein waschechter Fan-Artikel. Er will seinem Gegenstand nicht nur inhaltlich auf die Spur kommen, sondern sich auch dessen Stil anverwandeln. Was hier immerhin heißt, dass das Ergebnis auch für Nicht-Fans genießbar ist: Kommt die Verehrung doch nicht in Form maßloser Begeisterung, sondern als behutsame Einfühlung zum Ausdruck. Zum Ausleuchten einer Biografie ist das nicht der schlechteste Ansatz, und als Annäherung an eine Privatperson ist Von einem der auszog durchaus gelungen. Wer mehr über Wenders als Künstler und Menschen wissen möchte, für den ist der Film ein Muss. Daneben bietet er auch eine ganz passable Einführung in Wenders’ Frühwerk, stellt Stil und Motive vor und zeigt neben Ausschnitten aus Alice in den Städten (1974) und Im Lauf der Zeit (1976) auch seine ersten filmischen Gehversuche: Super-8-Filme, vom elterlichen Wohnzimmerfenster aus gedreht; eine Nouvelle-Vague-artige SW-Aufnahme der ersten Freundin, entstanden, als er die Nouvelle Vague noch gar nicht kannte.

Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre

Für Nicht-Fans dürfte der Film ansonsten vor allem als schöner Beweis für die ungebrochene Wirkungsmacht der Autorentheorie von Interesse sein. Über den (film-)historischen und gesellschaftlichen Kontext von Wenders’ Frühwerk erfährt man dagegen so gut wie nichts.

Trailer zu „Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre“


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