Vom Suchen und Finden der Liebe

In ihrer neuen Zusammenarbeit orientieren sich Helmut Dietl und Patrick Süskind sehr frei am Mythos von Orpheus und Eurydike, die bei ihnen Mimi Nachtigal und Venus Morgenstern heißen. Die schon so oft und hier erneut variierte griechische Sage gerät aber in Vom Suchen und Finden der Liebe zu einer künstlerischen Hadesfahrt.

Vom Suchen und Finden der Liebe

Was ist von einem Film zu halten, dessen Hauptfiguren Mimi Nachtigal und Venus Morgenstern heißen? Die Frage ist ernster gemeint, als sie vielleicht klingen mag, denn das Oberflächlich-Kitschige, das aus diesen Namen spricht, ist symptomatisch für den neuen Film von Helmut Dietl, zu dem er gemeinsam mit Patrick Süskind auch das Drehbuch schrieb. Das beginnt schon mit der Story, die schnell erzählt ist: Der nicht gerade erfolgreiche Liederkomponist Mimi Nachtigal (Moritz Bleibtreu) liest auf der Straße die noch erfolglosere Sängerin Venus Morgenstern (Alexandra Maria Lara) auf. Es ist eine Liebe auf den ersten Blick und plötzlich fließen Mimi die Lieder nur so in die Feder, Venus singt sie und beide werden überaus erfolgreich! Aber natürlich fordert harte Arbeit ihren Tribut: ständige Konflikte führen zu einem öffentlichen Eklat während der Verleihung der „Goldenen Schallplatte“. Mimi und Venus trennen sich – und merken plötzlich, dass sie sich doch lieben. Unglücklich nimmt sich Mimi das Leben und Venus folgt ihm – allerdings lebendig – in den Hades nach, kann ihn aber nicht retten.

Vom Suchen und Finden der Liebe

Sicher soll dies alles ironisch gemeint sein. Die Ironie erstickt aber zumeist im Kitsch der Inszenierung. Vielleicht und mit sehr viel Geschick hätte aber auch diese Variante der griechischen Sage von Orpheus und Eurydike funktionieren können. Schließlich gelang dies auch Jacques Offenbach, der mit Orpheus in der Unterwelt 1858 nicht nur die erste abendfüllende Operette, sondern zugleich eine ironische Genreparodie vorlegte, die sich übrigens gerade auf die auch von Dietl ins Feld geführte Gluck-Oper Orpheus und Eurydike (1774) bezog. Genau das ist in Dietls Film aber ein Dilemma. Als musikalisches Thema glaubt man zwar immer wieder Che faro senza Euridice aus dem Schlussakt der Gluck-Oper zu hören. Und die Melodie ist es auch tatsächlich, nur wurde sie – anders kann man es nicht sagen – „weichgespült“, in dem die bei Gluck kontrapunktisch eingesetzten tiefen Streicher einfach weggelassen wurden. Damit stellt sich der Film aber auch selbst ein Bein: In einer wirklich grandiosen Szene singt Venus ihrem neuen Freund und Mentor Harry das Gluck-Stück vor. Harry, von Justus von Dohnányi als fantastische Dieter-Bohlen-Persiflage gespielt, reagiert nun aber genauso wie es die Dietl-Film-Musik macht: Nur streicht Harry nichts, er setzt einen „Popbeat“ drunter, damit es „schicker“ klingt! Damit verringert sich aber nicht nur der satirische Wert der Szene; die künstlerische Anlage des ganzen Filmes wird fragwürdig.

Vom Suchen und Finden der Liebe

Aber zurück zur Geschichte. Bekanntlich folgte in der Sage der Mann der Frau in die Unterwelt. Dietl und Süskind haben die Rollen vertauscht: bei ihnen folgt die Frau dem Mann. Weshalb diese Rollenverschiebung stattgefunden hat wird aus dem Film aber nicht ersichtlich und auch eine Interpretation, die den mythologischen Hintergrund der Geschichte einbezieht, kann an den bonbonfarbigen, weichzeichnergesättigten und schmalzig-tönenden Bildern letztlich wohl nur feststellen, dass Dietl und Süskind sicher vor allem „nur“ unterhalten wollen. Aber unterhaltsam ist der Film nur in wenigen Momenten. Wie schon Rossini oder Die mörderische Frage wer mit wem schlief (1997), zu dem Dietl das Drehbuch ebenfalls mit Süskind schrieb, ist Vom Suchen und Finden der Liebe ein episodischer Film. Allerdings löst sich hier das Episodische fast in reine Sketchform auf, so dass besonders die Szenen mit Anke Engelke wirken, als stammten sie aus einem Fernseh-Comedy-Format. Etwa wenn die von Anke Engelke gespielte Helena mit ihrem Mann Theo (nicht ganz auf Schtonk!-Niveau, aber gut: Uwe Ochsenknecht) den Kalender abgleicht, wann sich ein passender Termin für den ehelichen Beischlaf finden lässt oder – da sich dieser Termin nicht finden ließ – als Helena ihren Mann dann doch betrügen „muss“: Diese leider einzige Szene mit Harald Schmidt ist – neben den Auftritten Dohnányis – ein wirklicher Glanzpunkt des Filmes.

Helmut Dietl war ein wirklich Großer des deutschen Films, der mit Schtonk! (1992) eine Komödie von Billy-Wilder-Format geschaffen hat, die noch in Jahrzehnten sehenswert sein wird. Sie bindet nicht nur politische und menschlich-charakterliche Elemente zusammen, sondern ist darüber hinaus unglaublich leicht und unterhaltsam inszeniert. Leider verspielt Dietl zunehmend seinen immer noch sehr guten Ruf, denn der Gehalt seiner Mimi-Venus-Geschichte hat von alledem nichts; ihr Gehalt ist – das schlechte Wortspiel muss gestattet sein – wirklich für den Arsch; wer den Film dann doch gesehen hat, weiß was gemeint ist.

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