Volver - Zurückkehren

In Pedro Almodóvars flamboyantem Melodram arbeiten drei Frauengenerationen ihre tragische Vergangenheit auf und finden nach langen Jahren des Schweigens wieder zueinander.

Volver

Frauen: Wenn man Pedro Almodóvars filmisches Universum in einem Wort zusammenfassen müsste, wäre es wohl dieses. In seinem vorherigen Film Schlechte Erziehung (La mala educación, 2004) hat er zwar einen kleinen Abstecher zu männlichen Protagonisten unternommen. Aber der Autor von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (Mujeres al borde de un ataque de nervios, 1988) und High Heels (Tacones lejanos, 1991) hat mit Volver schnell wieder zu seinem Lieblingssujet heimgefunden. Volver heißt auf Spanisch „wiederkehren“, ein einfaches Verb, dessen Bedeutungen den Film auf vielfache Weise nähren. Denn Almodóvar knüpft hier nicht nur an sein Dauerthema Frauen an. Er nimmt auch nach 18 Jahren die Kooperation mit Carmen Maura wieder auf, die ihn bereits in seinem Frühwerk begleitet hat. Auch Penélope Cruz kehrt nach einem langen Ausflug in die amerikanische Filmszene in ihre spanische Heimat zurück – vor Jahren stand sie für Almodóvar in Live Flesh (Carne trémula, 1997) und Alles über meine Mutter (Todo sobre mi madre, 1999) vor der Kamera. Und dann erzählt der Film Volver selbst die Geschichte einer Wiederkehr. Eine tote Mutter wird wieder lebendig, um sich mit ihren erwachsenen Töchtern zu versöhnen.

Volver

Im Arbeiterviertel von Madrid schlägt Raimunda (Penélope Cruz) sich und ihre Familie mit kleinen Jobs durch, während sich ihr arbeitsloser Mann vor dem Fernseher besäuft. Ihre schüchterne Schwester Sole (Lola Duenas), von ihrem Mann verlassen, lebt von einem illegalen Friseursalon, den sie in ihrem Badezimmer improvisiert. Als wenn die beiden Schwestern nicht schon genug Sorgen hätten, kommt plötzlich auch noch der Tod mit ins Spiel. Eines Abends von der Arbeit heimkehrend, wird Raimunda mit einem Alptraum konfrontiert: Ihre pubertierende Tochter Paula (Yohana Cobo) hat in Notwehr den Vater erstochen, der sie vergewaltigen wollte. Am selben Abend erfährt Raimunda, dass die geliebte alte Tante aus ihrem Heimatdorf in La Mancha verstorben ist. Und bei deren Totenwache erscheint Sole der Geist ihrer Mutter Irene (Carmen Maura), die vor Jahren bei einem Brand ums Leben kam. Die Wiederauferstehung der alten Dame fördert verborgene Dramen und schmerzliche Geheimnisse zu Tage.

Wohlgemerkt, am Leid dieser schönen Kreaturen sind nur die Männer schuld. Zu diesen möchte man in Almodóvars filmischem Universum wahrlich nicht gehören. Männer bleiben Randfiguren, sind bereits tot, oder werden schnell eliminiert – wie Raimundas Ehemann. Sie sind arbeitslose Säufer, Nichtsnutze, untreue Schürzenjäger, und überhaupt mit allen nur vorstellbaren Lastern dieser Welt gestraft. So dienen sie lediglich als Negativfolie, vor der sich die Tugenden der Frauen umso glanzvoller inszenieren lassen.

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Almodóvar zelebriert hier einmal mehr die Weiblichkeit in ihren schönsten Farben. In der eindrucksvollen Schauspielerinnenriege ist Penélope Cruz die Königin. Ihr bereitet der Filmemacher ein kinematographisches Fest. Nach ihren blutleeren amerikanischen Filmfiguren – beispielsweise ihr Auftritt in Gothika (2003) – blüht Cruz in Sinnlichkeit auf. Figurbetonte Jäckchen, hohe Plateausandalen und kurze Röcke setzen ihren Körper in Szene, die Kamera verweilt auffällig oft auf ihren vollen Brüsten und ihrem runden Hintern. Wenn Almodóvar tiefe Einblicke in ihr Dekolleté gewährt, wirken die Bilder aber niemals voyeuristisch. Die stilisierten Vogelperspektiven und Frontalen auf die femininen Kurven schwanken zwischen ästhetischer Faszination und amüsierter Ironie – einmal muss sich Cruz’ Raimunda die spitze Bemerkung gefallen lassen, dass sie früher noch keine solch eindrucksvolle Oberweite gehabt habe.

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Frauen sind das schöne Geschlecht, zweifelsohne, sie können aber auch zupacken im Leben: Almodóvar lässt sie Kühltruhen schleppen, Gruben ausheben und Kleinlaster fahren. Einmal mehr unterminiert er damit den Mythos des spanischen Machos. Das wirklich starke Geschlecht, postuliert Volver, sind nämlich die Frauen. Obwohl Tod und Leid ihr tägliches Schicksal sind, haben sie zu viel Temperament, um sich darin zu fügen. Bereits in der ersten Szene des Films wuseln Frauen auf einem Dorffriedhof herum und putzen mit frenetischer Energie die Gräber heraus. Der Trauer begegnen sie mit unbändigem Lebenswillen.

Neben der Bewunderung für Frauen ist Almodóvar auch der Hang zu kitschigen Objekten und farbenfrohen Kostümen geblieben. Einmal zeigt eine Filmfigur ihre Sammlung bunten Plastikschmucks, ein Andenken an die verschollene Hippiemutter. Das ist auch ein Souvenir aus den filmischen Anfangszeiten. Aber Almodóvar ist nicht mehr so schrill provokativ wie in seinem Frühwerk – man denke an die koksenden Nonnen aus Das Kloster zum heiligen Wahnsinn (Entre tinieblas, 1983). Vielmehr lässt er Penélope Cruz mitten im heitersten Partytrubel ein zum Weinen schönes Lied singen und badet den Zuschauer in Emotionen. Mit zunehmendem Alter ist Almodóvar sentimental geworden.

Kommentare


Gitti

Ein guter, wunderbarer Film! (nicht ausschließlich, aber besonders für Frauen) ... und das Lied der Hauptdarstellerin ist das Sahnehäubchen!


Lui

Die Filmbesprechung trifft den vielseitigen und faszinierenden Charakter von "Volver" sehr gut. Lob für die Schreiberin - für den Film sowieso!






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