Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters

Vereinzelung, Zweiheit, Einigkeit. Babamin Sesi tanzt den Walzer der Traumabewältigung, aber im Zeitlupentakt.

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Am Anfang nur die Einsamkeit. Ein einzelner Baum im wüsten Land, daneben eine dunkle Gestalt. Ein Bus, eine Brücke, eine alte Frau in Schwarz. Ein verfallenes Haus. Wie lange es wohl dauert, bis in Babamin sesi – Die Stimme meines Vaters (Babamin sesi, 2011) zum ersten Mal zwei Figuren in einem der weiten, leeren Bilder vereint sind? Schwer abzuschätzen. Zu Beginn betreibt der Film Vereinzelung im offenen Raum.

Die im Titel benannte Stimme des Vaters wogt durch leere Zimmer. Von Tonband, aus der Vergangenheit, ohne Gesprächspartner. Heimatlos, vereinsamt. Die alte Frau (Asiye Dogan) lauscht ihrem toten Mann, der erwachsene Sohn (Zeynel Dogan) dem toten Vater. Sie in der alten Wohnung auf dem Land, er im urbanen Dyabakir. Das große Politikum dieses persönlichen Filmes wird gleich am Anfang angestoßen, als die einsame Stimme vom Kurdischen ins Türkische wechselt: „Ich will nicht Kurdisch sprechen. Bring den Kindern Türkisch bei.“ Lange Zeit war das Kurdische in der offiziellen, von herrischer Nationalmentalität bestimmten Türkei absent. Kein kurdisches Radio, keine kurdischen Lieder, keine kurdischen Filme, kein Kurdisch in der Schule. Das war einmal, zumindest sprachlich kann die größte Minderheit der Türkei nun in Freiheit leben. Aber die Lage im Südosten Anatoliens bleibt angespannt: die Separatisten der PKK kämpfen seit Jahren ihr „letztes Gefecht“, und die Gerichte verurteilten auf Basis einer umstrittenen Anti-Terror-Klausel pubertierende Steinewerfer zu absurden Haftstrafen.

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Diese Geschichte ist in Babamin Sesi allgegenwärtig, aber wird selten bis nie explizit. Der Film beobachtet Effekte, spürt dem Nachbeben der Ungerechtigkeit im Leben der Menschen nach und forscht weniger nach Ursachen. Er lauscht der Echo-Melodie einer verhinderten Vergangenheit. Dass Mutter und Sohn Dogan auch im wirklichen Leben Mutter und Sohn sind, dass sich ihre Lebensgeschichte wie diejenige der Figuren zwischen verleugneter Identität, Diaspora und Verfolgung abgespielt hat, ist externes Wissen. Doch auch wenn hier ein guter Teil persönlicher Schicksale und akkurater Bestandsaufnahme verarbeitet sind: Im schwammigen Grenzgebiet zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem verortet sich der Film dank einer gemessen rhythmisierten, durchkomponierten Bildsprache und einem über Detailveränderungen organisierten Drehbuch eher im fiktionalen Bereich. Vor allem jedoch aufgrund der Informationsverknappung wird der in kurdisch-türkischer Geschichte eher unkundige Zuschauer fast notgedrungen einen Spielfilm sehen. Doch Grenzen, einstmals gezogen zum Zwecke des Distinktionsgewinns und der Herrschaftsverteilung, werden hier ja in Frage gestellt. Ein bisschen Verunsicherung über den „Status“ des Werkes ist daher produktiv für die Auseinandersetzung.

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Der Film hat zwei Originaltitel: einen türkischen und einen kurdischen. Diese Doppelung, die Figur der Zweiheit, wird sich recht bald zum bestimmenden Motiv von Babamin Sesi entwickeln. Als der Sohn zur Mutter fährt, um Näheres über das Schicksal des Vaters zu erfahren, treffen sich zwei vereinsamte Menschen. Sie, die der körperlosen Stimme des toten Ehemanns zuhört, spricht ins leere Rauschen der Telefonleitung zu ihrem zweiten Sohn, dem ehemaligen Guerillero, der ins Ausland geflohen ist. Zwei Vater-Sohn-förmige Löcher im Universum, die sich auf zwei leeren Sitzplätzen im Wohnzimmer der Mutter niederlassen. Die Mutter hat zwei Namen, einen kurdischen, einen türkischen, wie der Film. Was man bei einem schnellen Blick für die bekannte Repräsentation der schwarz gekleideten Witwe halten könnte, handlungslos nach dem Verlust des Männlichen, wird mehr: ein Symbol der Trauer über eine Geschichte der Spaltung, in Frauengestalt.

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Die Doppelungen häufen sich, je weiter der Film voranschreitet. Da wäre die doppelte Diaspora der armen ostanatolischen Bevölkerung: erst in den reichen Westen, dann ins reichere Ausland. In einer Szene läuft der Fernseher, Ministerpräsident Erdogan mahnt die Deutschtürken in seiner berüchtigten Kölner Rede von 2008: „Assimiliert euch nicht.“ Was sollen die Kurden denken, die jahrzehntelang zur Assimilation in ihrer Heimat gezwungen wurden? Doch die Familie Dogan hat mehr als ein Trauma, sie hat zwei: Sie sind nicht „nur“ Kurden, sie sind auch Aleviten. Diese türkische Glaubensgemeinschaft wurde und wird seit Langem diskriminiert, weil sie nicht richtig muslimisch sind, aber auch nichts richtig anderes. Es gab Massaker, erzwungene Glaubensleugnung, Heimlichtuerei. Doppelte Verfolgung, doppelte Diskriminierung.

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So zeigt sich in der schweren, dunklen Ruhe von Babamin Sesi eine Wehklage über die zersetzende Macht der Grenzziehung. Die Spaltung dessen, was unterschiedlich ist, aber zusammengehört, setzt sich im Leben derjenigen, durch deren Selbst die Schnitte der Ideologie und des Nationalismus verlaufen, als identitäre Heimatlosigkeit ab. Das Produkt dieser Verdopplung, die kein Nebeneinander mehr, sondern nur mehr „außen“ und „innen“ kennt, ist die Einsamkeit. Eins, zwei; zwei, eins. Der Film wendet diese elementare Mathematik hin und her, bis er in einem an Subtilität schwer zu übertreffenden Schlussakt die Verhältnisse umdeutet. Denn aus der Zweiheit kann wieder eine Einheit entstehen, keine künstlich homogenisierte (wie sie die post-kemalistischen Ideologen des stolzen Türkentums verherrlichen), keine in Einsamkeit isolierte, sondern eine diskursive, kommunikative. Allmählich finden Mutter und Sohn aus ihrer jeweiligen Vereinzelung in eine geteilte Trauerarbeit. Schlicht gesagt: Sie beginnen zu sprechen, über die Vergangenheit und über das Hier und Heute. Und dann ist der Film auch schon zu Ende, aus den beobachteten Effekten der Vergangenheit ist eine potenzielle Ursache für etwas Neues geworden. Doch für dessen Beobachtung ist es noch zu früh, und überhaupt ließe die sich nicht im Film anstellen, sondern zuallererst im Leben.

Trailer zu „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“


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