Vögel des Himmels

Lost in Schengen: Eliane de Latour zeichnet in einem außergewöhnlichen Spielfilm den Leidensweg zweier junger afrikanischer Männer nach, die aufgebrochen sind, ihr Glück in Europa zu suchen. 

Vögel des Himmels

Im Inneren fallen die Grenzen, nach außen werden sie immer undurchdringlicher. Während die europäische Union den Schengenraum erweitert, entstehen gleichzeitig immer neue Schutzwälle, vor allem an der Südseite des Kontinents.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dringen Jahr für Jahr tausende Afrikaner ohne Reisepass durch die Schutzwälle nach Europa. In der umgekehrten Richtung sind sind sie ohnehin durchlässig. Europäische Waren überschwemmen die afrikanischen Binnenmärkte, oft mit katastrophalen Folgen für die einheimische Wirtschaft. Eliane de Latours Spielfilm Vögel des Himmels (Les Oiseaux du Ciel) zeichnet die Ökonomie dieser Personen- und Warenströme nach und schreibt sie gleichzeitig in konkrete menschliche Schicksale ein.

Otho (Djédjé Apali) und Shad (Fraser James) stammen aus der Elfenbeinküste und sind zwei dieser Immigranten. In der ersten Szene des Films feiern sie mit anderen Afrikanern eine Geburtstagsparty in einem spanischen Hafen. Während einer Polizeirazzia wird Otho gefangen genommen und muss die Heimreise antreten. Seinen Abschied von Europa inszeniert de Latour als kleines Meisterstück der Tonmontage: Das humorlose Brummen des Flugzeugmotors antwortet auf die verzweifelten Schreie des Abschiebehäftlings in den Händen der Polizeibeamten.

Vögel des Himmels

Shad aber, der im Gegensatz zu seinem Landsmann zumindest anfangs wenig Skrupel hat, sich den Lebensunterhalt mit moralisch fragwürdigen Unternehmungen zu verdienen, beginnt seinen Eurotrip, der ihn von Spanien über London bis nach Paris führt. Er hat Kerneuropa erreicht und ist nicht mehr an nationalstaatliche Grenzen gebunden. Frei aber ist er deshalb noch lange nicht.

Überall trifft Shad auf brutale Hierarchien, und stets befindet er sich am untersten Ende derselben. Oft genug sind es die Immigranten selber, die ihm das Leben schwer machen. Der jamaikanische Koch sieht es nicht gerne, dass die neue Küchenhilfe bei den Chefs einen guten Eindruck macht. Und auch die Freundschaft, die der kleinkriminelle Afrikaner Tetanos (Lucien Jean-Baptiste) Shad anbietet, hat ihren Preis.

Die Tonbandaufzeichnungen, die Shad Otho sowie Pelagie (Tella Kpomahou), seiner Verlobten und Othos Schwester, zukommen lässt, werden zunehmend düsterer und brechen schließlich ganz ab. Dies hat auch damit zu tun, dass Shad in Paris die bisexuelle Französin Tango (Marie-Josee Croze) kennenlernt und mit ihr eine Scheinehe plant. Doch dieser Versuch, die eigene Existenz zu legalisieren, wird von vielen Seiten bedroht.

Vögel des Himmels

Derweil hat Otho in der Heimat ganz andere Probleme. Von Familie und Freunden ob seines Misserfolgs im Ausland verspottet, hadert er weniger mit sich als mit der globalisierten Weltwirtschaft. Doch niemand interessiert sich für politische Analysen, auch nicht seine weiße Geliebte, die in einem wenig hilfreichen Entwicklungshilfeprojekt arbeitet. Seinen Körper nimmt sie, für seine Ideen hat sie keine Verwendung. Othos gerechter Zorn verwandelt sich langsam, aber sicher in rein destruktive Energie. Weder Afrika noch Europa taugen als Schauplatz für einen Entwicklungsroman im klassischen Sinne. Der Film gibt weder der moralischen Integrität Othos noch dem Pragmatismus Shads Recht. Was bleibt, ist Wut.

Eliane de Latours Regie ist ebenso wie das Spiel ihrer Hauptdarsteller vital und energetisch. Weit entfernt ist Vögel des Himmels von den Filmgrammatiken, die derzeit im sogenannten World Cinema dominieren. Die kurzen, furiosen Großaufnahmen und rasanten Kamerafahrten haben mit dem aufdringlichen Handkameraexzess der Dogma-Epigonen ebenso wenig zu tun wie mit der Schule der neuen, vornehmlich asiatischen, Langsamkeit.

Vögel des Himmels sucht die Nähe zu den Figuren und findet mehr als bloße, beziehungslose Subjektivität. Den objektiven Beobachterstandpunkt gibt der Film nicht zugunsten einer vermeintlichen Authentizität des Empfindens auf. Ganz im Gegenteil geht es darum, objektiv vorhandene Machtstrukturen im Subjektiven ausfindig zu machen. Das Pathos des Films ist kein rein individualistisches und entspringt dem Blick auf Menschen, die in sozialen Strukturen gefangen sind und sich nicht befreien können. Auch die eindringliche Musikuntermalung durch afrikanische Songs ist in diesem Sinne kein Ethno-Kitsch, sondern ein Kommentar zur Situation entwurzelter, heimatloser Individuen.

Nicht ganz so gut funktioniert der Film, wenn er in der zweiten Hälfte bisweilen Beziehungsfilm statt Roadmovie sein will. Die verwickelten Auseinandersetzungen zwischen Shad, Tango und deren rassistischen Jugendfreund Bruno (Malik Zidi) entspringen nicht, wie der Rest des Films, einem genauen und reflektierten Blick auf die Figuren und die Welt, in der sie sich bewegen, sondern bleiben eine bloße Aneinanderreihung von Drehbuchpointen. Die konventionalisierten Formeln des Erzählkinos können der Studie über Machtstrukturen und ihre konkreten Auswirkungen nichts hinzufügen. Allzu viel Raum gewährt die Regisseurin diesen Elementen glücklicherweise nicht. Am Ende, insbesondere im grandiosen Schlussbild auf einem afrikanischen Güterbahnhof, dominiert nicht das Melodrama, sondern materialistisches Kino par excellence: Waren verlassen die Güterwaggons, Menschen nehmen ihren Platz ein.

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