Vivere

„Drei Gründe zu leben“ ist der Untertitel von Angelina Maccarones drittem Kinofilm. Drei Gründe Vivere zu sehen sind Hannelore Elsner, Esther Zimmering und Kim Schnitzer in einem träumerischen Roadmovie auf der Suche nach persönlicher Freiheit.

Vivere

 Angelina Maccarone biedert sich nicht an, sie passt ebensowenig auf die Schnittchenfress-Events der Branche wie ihre Filme in den Mainstream, und sie nutzt die Chance, sich auszuprobieren, ohne Zuflucht bei allzu bewährten Erzählmustern zu suchen. Nach Verfolgt (2006), einer spröden Schwarzweiß-Erkundung in Sachen Sadomasochismus, liegt auch bei Vivere die Kraft des Films in der Autonomie der Figuren. Zwar ist die Geschichte stark konstruiert – doch die Protagonistinnen sind noch stärker. Das liegt nicht nur am pointierten Schauspiel der drei unterschiedlichen Frauen, sondern auch daran, dass der Film ihre Sichtweisen annimmt und sich aus drei verschiedenen Perspektiven erzählen lässt. Was sich wie zugetragen haben könnte, erfährt der Zuschauer erst nach und nach. Dabei gibt es nicht den einen, objektiven Blick der Kamera, sondern mehrere, ganz persönliche Möglichkeiten der Wahrnehmung.

Die Schwestern Francesca (Esther Zimmering) und Antonietta (Kim Schnitzer, die 2006 in Henner Wincklers Lucy debütierte) leben mit dem von seiner Frau verlassenen und heillos überforderten Vater (Aykut Kayacik) in der Kölner Vorstadt. Francesca ist in die Rolle der Ersatzmutter und Ernährerin der zerrissenen italienischen Einwandererfamilie gedrängt; sie fährt Taxi, kocht, und sie surft heimlich im Internet, um Frauen kennenzulernen. Als die jüngere Antonietta am Weihnachtsabend verschwindet, muss sich Francesca auf die Suche machen. Die Fahrt wird – bei vollaufgedrehter Musik – nach Rotterdam gehen. Unterwegs kommt es zu einer seltsamen Begegnung mit dem Opfer eines Autounfalls, das sich schweigend ins Taxi setzt, raucht, trinkt und nicht mehr aussteigen will.

Vivere

Hannelore Elsner hält die von Liebeskummer und von den Jahren ausgelaugte, gerade pensionierte Speditionskauffrau Gerlinde grandios in der zerbrechlichen Schwebe zwischen alter Verzweiflung und neuem Lebensdurst. Auch Francesca und Antonietta werden im Verlauf der Reise ihre Enttäuschungen erfahren, an denen sie sich aber gleichzeitig weiterentwickeln. Wo alte Liebesbeziehungen, Träume und Möglichkeiten enden, tun sich gleichzeitig neue auf, und eine Freundschaft entsteht. Zu leben – „vivere“ – mit Mut, Offenheit und trotz aller Schikanen ist die einfache und dennoch schlicht schöne Botschaft des Films. Zwischen den und zu den Figuren entwickelt sich dabei schnell eine erstaunlich selbstverständliche Nähe, die von den Distanz- und Kältestudien vieler anderer deutscher Filmemacher nichts wissen will.

Das betrifft auch die Kameraarbeit. Judith Kaufmann, die wie schon bei Maccarones erstem Kinofilm Fremde Haut (2005) mit am Drehbuch geschrieben hat, filmt keine strengen Tableaus, sondern lässt immer die Frauen im Mittelpunkt stehen. Häufig verschwimmt der Hintergrund zu Farbflecken, Stimmungsbildern, oder die Umgebung wird einfach von Unschärfe verschluckt, wenn die Figuren selbst nicht mehr klar sehen können. Um individuelle Wahrnehmung geht es auch hier. Durch den Verzicht auf chronologische Dramaturgie und eine allgemeingültige Perspektive gewinnt Vivere

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