Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen

Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen. Der Name ist Programm in Margarethe von Trottas trockenem, quälend ernsthaftem Porträt einer Heiligen des 12. Jahrhunderts.

Vision

Was interessiert uns heute an der Figur der Hildegard von Bingen – Äbtissin, Seherin, Heilkundlerin, Komponistin –, lebhaft zwischen ca. 1098 und 1179? Zum einen mag es ihre ökonomische Präsenz sein: Ihre Kompositionen werden neu eingespielt und veröffentlicht, ihre Lehrbücher zu Pflanzen-, Metall- und Edelsteinheilkunde dienen als Grundlage moderner homöopathischer Ansätze, heutzutage bekannt als Hildegard-Medizin. Ihr Lieblingsgetreide war Dinkel. Doch darüber hinaus, welche Interessen könnte Margarethe von Trotta verfolgt haben, als sie ihren Film zur heiligen Hildegard drehte? Man kann darüber nur rätseln.

Denn in ihrem Biopic raunt etwas von so weit, so dunkel her, dass es schwer fällt, die Relevanz von Hildegards Schicksal für unsere heutige Zeit, die heutige Kinolandschaft, auszumachen. Dabei nähert sich von Trotta ihrem Gegenstand bis auf minimale Distanz, sie erklärt die abgeschottete, strenge Atmosphäre mittelalterlichen Klosterlebens zur Grundtonart der Inszenierung. So verleiht sie ihrem Film eine statische Note, voll heiligen Ernstes.

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Wobei Hildegards Leben keineswegs ereignislos gewesen ist. Zeitlebens war sie eine Rebellin inmitten der wohl restriktivsten Weltordnung, die unsere Kultur jemals erschuf. Sie setzte die päpstliche Akzeptanz ihrer Visionen als göttliche Gnade durch, gründete ein eigenes Kloster, verstieß auf vielfältige Weise gegen Regeln der christlichen Etikette und verbreitete ihre Weltsicht und Lehren auf ausgedehnten Predigtreisen bis ins hohe Alter. Sie war weithin bekannt, ein Popstar des christlichen Dogmatismus. Was gibt sich uns zu erkennen in Hildegards subversivem, emanzipatorischen Wirken?

Das Projekt der weiblichen Befreiung ist mitnichten abgeschlossen, doch eignet sich die Atmosphäre brutaler Unterdrückung im vorreformatorischen Zeitalter nur äußerst bedingt als Projektionsrahmen für heutige Probleme. Die Methoden des maskulinen Sexismus sind perfider geworden, ereignen sich immer mehr inner- oder unterhalb einer oberflächlichen Gleichstellung der Geschlechter. In Vision jedoch geht von Trotta konsequent zurück in der historischen Zeit, um uns mit einer Welt der striktesten Reglementierung des Geschlechterkontaktes zu konfrontieren. Hildegards Auseinandersetzungen mit der männlichen Obrigkeit, zusammenfassend repräsentiert durch Abt Kuno (Alexander Held), sind dabei Debatten über Positionen, die seltsam archaisch wirken im Deutschland von heute.

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Minutiös rekonstruierten Trotta und ihr Team dabei Gewänder, Riten und Sprache des 12. Jahrhunderts. Eine Ausnahme bilden die missglückten Darstellungen der Hildegard’schen Visionen, die stark an das flammende Auge einer erfolgreichen Fantasytrilogie erinnern. Niemals zeichnet von Trotta das Bild einer Märtyrerin, viel eher ist ihre Hildegard eine pragmatisch taktierende Organisatorin. Meisterlich schmiedet sie Pakte mit den Führungskräften der weltlichen und geistlichen Stände, um ihre Zwecke zu erreichen. Barbara Sukowa gelingt es, verstärkt durch das Eingezwängtsein in die Nonnenrobe, ihrem Gesicht einen Ausdruck undurchschaubarer Strenge zu verleihen. Es bleibt stets unklar, ob Hildegard geschickte Kämpferin für neue Ideale oder doch kaltschnäuzige Manipulatorin ist. Immer ereilt sie eine heftige Krankheitsattacke, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es sich wünscht. Und die Heilung kommt schlagartig mit dem Eintreffen der guten Nachricht. Die Wunderheilerin: eine Simulantin?

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Im Themenstrang der Konflikte einer weiblichen Hauptfigur mit einer männlich dominierten christlichen Maschinerie gemahnt Vision immer wieder an Carl Theodor Dreyers Stummfilmmeisterwerk Jeanne d’Arc (1927). Bei dessen Stil der verzerrten Großaufnahme bedient sich von Trotta manches Mal recht offensichtlich. Wo Dreyers Inszenierung jedoch dezidiert anti-realistisch ist, um mit Mitteln der Effektmaschinerie Kino das Martyrium seiner Heldin einerseits ins bald Unerträgliche zu steigern, andererseits in einen Raum transzendenter Allgemeingültigkeit zu überführen, da bleibt von Trottas Zitat unzulängliche Kopie. Ihr ist mehr an einer geschichtlichen denn einer emotionalen Verortung der Geschehnisse gelegen. Sie verlangt nach den Effekten der Dreyer’schen Großaufnahmen, jedoch nur als ein Mittel unter vielen. Zu wichtig sind ihr historisch exakt rekonstruierte Sets und Kostüme, als dass sich der expressionistische Geist Dreyers in Ihrem Film verfangen könnte.

Der Zuschauer fühlt sich, als blicke er von außen auf ein autarkes System. Er wohnt Geschehnissen bei, die einer ganz eigenen, schwer zugänglichen Logik folgen. All das entbehrt nicht einer gewissen Faszination, wäre da nicht jener lehrmeisterliche Gestus und die in dieser Hinsicht problematische Verwendung moderner filmischer Ausdrucksmittel: eine hochgradig flexible Kamera, oft von Hand geführt; stockfinstere Passagen mit wenig künstlicher Beleuchtung. Jene deuten aufs Jetzt, der Bildinhalt aufs 12. Jahrhundert. Doch löst sich die Spannung nie produktiv auf, stets bleiben die Zeiten nebeneinander stehen, fließen nicht zusammen.

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Wäre da nicht diese Aura von Unbedingtheit, man könnte von einem gelungenen Verfremdungseffekt sprechen. Doch von Trotta meint es leider ernst.  So durchdringt sie die historische Zeit allein mit Modeerscheinungen zeitgenössischer Filmarbeit und gelangt nicht weiter als bis zum zeitgemäßen Blick auf ein Gestern, der keine Brücken baut, sondern in der geflissentlichen Vermittlung der Geschehnisse versiegt. Man wähnt sich somit weniger in einem Kinofilm als in einer Doku-Fiktion, deren primärer Funktionsweise die Reinszenierung bleibt.

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Kommentare


gross

hallo,
ich werde mir mit freunden den streifen anschauen. momentan ist eine stellungnahme schwierig. am 21. o9. 09 gibt es in unserem kostenlosen club ein vortrag über den arzt theophrastus bombastus paracelsus und hildegard von bingen. ich glaube, hätte man mehr auf diese persönlichkeiten gehört, wäre in der medizinwelt vieles anders gelaufen.

gruss
klaus gross


Ach was?!

...toll! Mit Freunden?! Super, viel Spaß!


Aaron Bulla

Es tut mir Leid, aber die obige Kritik ist mir zu höflich gemessen, an dem was dieser Film bietet. Das Thema des Films verspricht sehr viel, weil Hildegard von Bingen eben ein echtes Thema ist, welches von Haus aus sehr interessante Ansatzpunkte für einen guten Film hergibt. Leider und ich meine damit ein sehr deutliches leider, ist dies in dieser Produktion in keiner Weise gelungen. Die Kleider ja, die Sprache, naja ein wenig, was auch besser ist. Sprichwörtlich machen Kleider sicher Leute, aber einen guten Film machen die Kleider, die Kulissen, das Licht und anderes Filmwerk noch lange nicht. Ich habe mir den Film angesehen und war durchgängig enttäuscht. Hildegrad erschein mir, in diesem Film, wie eine vom Autor erfundene Maschine, die in jeder Szene mehr oder weniger das gleiche Programm abspult. Eine dermaßen oberflächliche Darstellung der Hildegard. Scheinbar wurde das Fördergeld der Filmförderung NRW fast komplett für die Klamotten, die Locations und die Leihtechnik verbraten. Eine Hildegard die sich 106 langweilige Minuten mit ein paar Kerlen und einer Hand voll devoter Nonnen herumschlägt, wenn auch recht gemäßigt und auch da eher unglaubwürdig in Szene gesetzt. Schon allein der Titel des Filmes, sollte doch wohl zu der Erwartung berechtigen, das man sieht, erfährt und visuell erlebt, was Hildegard uns gegeben hat und hinterlassen hat und nicht so sehr mit wem sie warum und weshalb Ärger hatte. So wie der Film es erzählt, nein er tut nicht einmal das, er erzählt nicht er schustert vor sich hin, ist Hildegard eine x beliebige sture Nonne, die einfach nur ihr Ding und Ihren Willen durchziehen will und das Ganze mündet dann in ein genauso seichtes Ende. Selbst der Papst bezeichnete Hildegard vor kurzem in einem Interview als eine der ganz großen Persönlichkeiten der Kirche, die so manche wichtige Reformation angestossen und vorwärts brachte. Oft unter Einsatz ihres Lebens und stets unter vielen Opfern, nicht zuletzt ihre Gesundheit. Anstelle dessen strahlt dieser Film die gesamte emanzipatorische Kälte der Frauen in Deutschland aus. Blutleer emotionsarm, im Grunde keine Homage eine eine der größten und stärksten Frauen der Weltgeschichte. Im Grunde eine Produktion wie man sie von schlechtguten Abschlussfilmen der vielen Filmakademien kennt... tolle Technik, sauberer Schnitt,saubere Bilder, tolle Location, klasse Kamera, aber Inhalt? Achso, stimmt ja,da war doch noch was?

Nicht nur als Filmjournalist, vielmehr auch als Mensch der dem Thema nahesteht, erlaube ich mir, eine Enttäuschung auch als solche zu beschreiben.

Aber das ist meine Sichtweise, es mag andere geben.

Aaron Bulla






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