Violeta Parra

Andrés Wood hat eine solide Variante des klassischen Musiker-Biopics abgeliefert.

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Während der spanische Originaltitel des dritten Films des Chilenen Andrés Wood noch das Bild einer Frau evoziert, die „in den Himmel gefahren ist“ (Violeta se fue a los cielos), fällt der deutsche Verleihtitel mit der Tür ins Haus und erklärt direkt, um wen es hier geht: Violeta Parra gilt als Patin der „Nueva Canción“-Bewegung, die sich in den 1950er und 1960er Jahren von Chile auf ganz Lateinamerika ausbreitete und Künstler wie Víctor Jara, Gilberto Gil oder Mercedes Sosa hervorbrachte. Parra selbst reiste mit ihren Liedern durch Europa, in Frankreich begann sie nebenbei mit der Herstellung von Malereien und Plastiken, später drehte sie sogar einen eigenen Dokumentarfilm. Die Pinochet-Diktatur hat Parra indes nicht mehr miterlebt, bereits 1967 – kurz vor ihrem 50. Geburtstag – nahm sie sich das Leben.

So oder so ähnlich werden die Informationen aussehen, die man sich als Zuschauer vor dem Kinobesuch über die Heldin des Films anlesen kann. Es ist etwas schade, dass mit dem vereinfachten Titel die Erwartungen an ein typisches Biopic von Beginn an gegeben sind. Mit diesen Erwartungen an ein verfilmtes Leben ordnen wir die ersten Bilder des Films sofort in die Muster ein, die wir in den filmischen Biographien von Ray Charles (Ray, 2004), Johnny Cash (Walk the Line, 2005) und vielen weiteren Musikern im letzten Jahrzehnt kennengelernt haben. Andererseits ist es Wood selbst, der relativ schnell für Klarheit sorgt und seine Protagonistin mithilfe eines fiktiven Interviews einführt.

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Woods Einstellung zum Genre ist durchaus vielschichtig: Einerseits weiß er, dass das Leben Parras voller geeigneter Motive für ein klassisches Biopic ist: Ihr Weg aus einem verarmten Bergdorf an die Spitze der nationalen Folklore ist ein klassisches Aufstiegsnarrativ, und im weiteren Verlauf bieten sich die Parallelmontagen von früher Kindheit und späterem Ruhm ebenso an wie der Bezug auf Liebesaffären und künstlerischen Krisen. Wood versucht gar nicht erst, sich den bekannten Schemata zu verweigern: Er zeigt uns Parras wichtigste Auftritte und ihr Hadern mit dem Ruhm, bebildert ihre Beziehung zur Familie und stellt Verbindungen her zwischen der leidenschaftlichen Affäre mit dem Schweizer Gilbert Favre und ihrem musikalischem Schaffen. Der Regisseur schöpft damit zwar aus dem Reservoir bekannter Biopic-Motive, weiß aber, dass im Leben seiner Hauptfigur genügend Eigenheiten stecken, um dem Zuschauer nicht das Gefühl zu geben, diese Geschichte schon einmal gesehen zu haben. Auch die Inszenierung selbst ist dabei stark genug, um einzelne Sequenzen immer wieder aus dem Genre-Raster ausbrechen zu lassen.

Auch Hauptdarstellerin Francisca Gavilán sorgt dafür, dass nicht die Dramaturgie von Aufstieg und Fall das Filmerlebnis dominiert, sondern die Intensität der einzelnen Momente. In ihrem Gesicht lassen sich nicht nur die Furchen einer kindlichen Pockenerkrankung sehen, sondern ohne Schwierigkeiten das ganze Leben Violeta Parras hineinlesen. Gavilán gelingt es, die zunehmend labilere Persönlichkeit und emotionalen Schwierigkeiten Violetas darzustellen und sie doch zugleich als unheimlich starke Frau erscheinen zu lassen. Thomas Durand als Gilbert und auch andere Nebenfiguren können dagegen leider kaum mithalten.

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Thematisch steckt im Leben der Parra aber nicht nur eine Geschichte sozialen Aufstiegs, sondern auch die teils radikalen Positionen der Sängerin, die dem chilenischen Establishment durchaus nicht immer gepasst haben. In dem fiktiven Interview erklärt Violeta einem konservativen Journalisten selbstbewusst, warum sie auch nach dem tragischen Tod ihres erst wenige Monate alten jüngsten Kindes – emotionaler Höhepunkt des ersten Teil des Films – nicht von ihrer Polen-Reise zurückgekehrt, sondern zwei weitere Jahre im Ausland geblieben ist. Der Frage nach etwaigen kommunistischen Einstellungen weicht sie aus und brüskiert ihr Gegenüber mit dem scharfzüngigen Hinweis, dass sogar ihr Blut rot sei – wovon der Interviewer sich gern selbst vergewissern könne. Und in einer anderen Szene weist sie den reichen Gastgeber eines Empfangs, der sie für einen Auftritt bezahlt hat, später aber zum Essen in die Küche schicken will, vor dessen Gästen in die Schranken. Violeta Parra musste nicht nur mit den persönlichen Folgen von Ruhm und Schaffenskrisen leben, sondern bekam stets zu spüren, als wie unerhört der Reichtum einer arm geborenen Frau in einer streng patriarchalen und von Standesdünkel gezeichneten Gesellschaft gilt.

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Nach seinen Erfolgen Machuca, mein Freund (2004) und La buena vida (2008) hat Wood mit Violeta Parra seinen Status als vielleicht wichtigster Vertreter des chilenischen Kinos bestätigt. Doch wie schon in Machuca, der immerhin vor dem Hintergrund des Pinochet-Putsches spielte, arbeitet sich Wood nicht bloß an nationaler Geschichte ab, sondern stellt persönliche Erfahrungen in den Vordergrund – auch in seinem neuen Film steht dabei die Kindheit an prominenter Stelle. In einer der am stärksten ästhetisierten Szenen sehen wir aus der Perspektive der kleinen Violeta einem Wutausbruch des Vaters in Zeitlupe zu. Es sind diese kleinen Freiheiten, die sich Wood innerhalb der Ordnung seines Biopics nimmt, die Violeta Parra durchaus sehenswert machen – auch wenn der poetische Originaltitel auf noch etwas mehr filmischen Mut hatte hoffen lassen.

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