Violet & Daisy

Im Kino überzeugt Geoffrey Fletchers schräge schwarze Komödie. Im Kopf aber wird sie immer konventioneller, je mehr man darüber nachdenkt.

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Violet (Alexis Bledel) und Daisy (Saoirse Ronan) sind ganz normale Teenie-Mädels. Ihre pubertäre Verunsicherung verstecken sie hinter einer coolen Fassade. Kleinen süßen Welpen können sie nicht widerstehen. Zum Zeitvertreib nehmen sie die Hände-klatsch-Spiele aus Kindertagen wieder auf. Und wenn ihr Lieblingspopstar ein neues Kleid herausbringt, rennen sie der Mode hinterher. Alles würden sie tun für dieses Kleid – alles.

Auch morden. Denn Violet und Daisy sind Profikiller. Als Pizzalieferanten im Nonnen-Kostüm sehen wir sie eingangs auf ihrem Weg zu einem Auftrag. Ähnlich wie in Pulp Fiction (1994) erzählt die eine einen ziemlich guten Witz, muss ihn der anderen aber dann erklären (es geht dabei nicht um den Hamburger Royal TS, sondern um einen Arzt, der mit seinen Patienten schläft). Anschließend knallen sie gelassen ein halbes Dutzend Gangster ab – und danach pusten sie die Kerzen auf Daisys Geburtstagskuchen aus.

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Violet & Daisy (2011) lebt von diesem Kontrast aus eiskalter Brutalität und naiver, unschuldiger Mädchenhaftigkeit. In einem Moment vergessen die zwei Teenager wegen ein paar Keksen ihren Auftrag, etwas später stapeln sie vier Leichen in einer Badewanne übereinander oder vollführen den „Internal Bleeding Dance“ und erreichen damit den komödiantischen Höhepunkt des Films. Violet & Daisy beginnt als ziemlich schwarze Komödie mit viel Wortwitz, der nicht nur aus der verbalen Schlagfertigkeit der zwei Protagonistinnen erwächst, sondern auch aus deren mitunter recht altmodisch-formeller Ausdrucksweise (zu der auch die Kapitelform des Films passt).

Nach und nach entwickelt sich das Regie-Debüt von Geoffrey Fletcher jedoch zu einem kammerspielartigen Drama, in dem alle Beteiligten die Masken fallen lassen und ihre seelischen Verletzungen offenbaren. Wenn Violet und Daisy in die Wohnung eines älteren Manns (Sopranos-Star James Gandolfini) eindringen, um ihn zu erledigen, dieser sich aber als ebenso harmlose wie liebenswürdige Großvaterfigur erweist, rückt der Film zunehmend in Richtung Sentimentalität. Und plötzlich ist doch eine Nähe da zwischen dem Sozial(kitsch)drama Precious (2009), zu dem Fletcher das zu einem Oscar verurteilte Drehbuch schrieb, und dieser nur auf den ersten Blick so ganz andersartigen Groteske.

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Das Opfer-in-spe leidet schwer unter dem Konflikt mit seiner Tochter, an die ihn Violet und Daisy erinnern. Da der Mann zudem einen bösartigen Tumor im Bauch hat, will er sterben und unterstützt die zwei unprofessionellen Profi-Killer mit allen Mitteln. Diese aber erinnern sich plötzlich an ihre schwere Kindheit und entdecken ihre Vaterkomplexe. Wie in Precious häuft sich das Leid immer mehr und liefert allzu eindeutige Erklärungen für die menschlichen Defizite der Figuren.

Violet & Daisy scheint auf den ersten Blick vollkommen gelungen zu sein – und in der Tat ist der Film äußerst unterhaltsam, bringt das Publikum unweigerlich immer wieder zum Lachen, findet dennoch eine tiefere Ebene und schafft selbst dann noch Identifikation mit den Figuren, wenn man als Zuschauer längst merkt, wie Fletcher einen manipuliert.

Doch wenn man genauer hinschaut, ist der Film gar nicht so originell wie er sein möchte. Ob es das beliebte B-Movie-Motiv der butt-kicking babes ist, die ultracool inszenierten Morde der Eingangssequenz oder das immer wieder gern verwendete Erzählelement, das den Mörderinnen „noch einen letzten Auftrag“ beschert, der dann aber natürlich schief geht: Das munter Genres wechselnde Werk steckt in Wahrheit voller Standardsituationen des Genre-Films.

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Auch die Idee, mit einer (schlecht integrierten) Traumsequenz alle logischen Bedenken kurzzeitig über Bord werfen zu können, um visuellen Glanz in den Film zu bringen, ist altbekannt. Zudem übernimmt diese Independent-Produktion den typisch Hollywood'schen, konservativen Doppelstandard, dass Gewalt zwar beste Unterhaltung bietet, Sexualität hingegen unmoralisch ist. Gandolfinis Figur erweist sich nämlich nicht nur seiner Ex-Frau und Tochter gegenüber als großer Altruist, sondern kommt auch dann nicht auf erotische Gedanken, wenn Daisy ihn streichelt oder Violet nur in ein Handtuch gehüllt vor ihm sitzt. Und die Mädchen selbst denken zwar ständig an Kleider, nie aber an Jungs. Leichen pflastern ihren Weg, aber für Sexualität sind sie ebenso zu rein wie die nuns with big guns, die sie ganz am Anfang quasi körperlos verkörpert hatten.

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